Vermüllung

Kippen in den Kasten: Pilotprojekt startet in Spandau

In der Wilhelmstadt hängen ab sofort „Ballot Bins“. Sie sollen verhindern, dass Menschen Zigaretten achtlos auf den Boden werfen.

Beate Ernst von „Wir Berlin“ und Bezirksstadtrat Frank Bewig (CDU) gegen den Startschuss für das Pilotprojekt „Kippen in den Kasten“ in der Spandauer Wilhelmstadt

Beate Ernst von „Wir Berlin“ und Bezirksstadtrat Frank Bewig (CDU) gegen den Startschuss für das Pilotprojekt „Kippen in den Kasten“ in der Spandauer Wilhelmstadt

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Berlin.  4,5 Billionen. So viele Zigarettenkippen sollen laut einer Studie der Justus-Liebig-Universität in Gießen weltweit in einem Jahr einfach in der Natur entsorgt werden. Das ist nicht nur ein optisches Problem, sondern vor allem eines für die Umwelt. Denn in den Zigarettenfiltern stecken viele giftige Stoffe. Werden die Stummel achtlos weggeworfen, erklärt Beate Ernst vom Verein „Wir Berlin“, können die Giftstoffe in den Boden gelangen. „Schon unter idealen Bedingungen dauert es anderthalb Jahre, bis eine Kippe verrottet ist“, sagt sie und zeigt auf mehrere Stummel, die in den Fugen zwischen kleinen Pflastersteinen vor einem Sonnenstudio in der Wilhelmstadt stecken. „Aber das hier sind keine idealen Bedingungen.“

In dem Spandauer Ortsteil ist nun ein Pilotprojekt gestartet, dass Menschen, davon abhalten soll, ihre Zigarettenstummel auf Wege, Spielplätze oder Grünflächen zu werfen. „Kippen in den Kasten - Stimm’ ab mit deiner Kippe“, heißt es, realisiert vom Verein „Wir Berlin“ und der Klimawerkstatt Spandau. Dahinter stecken leuchtend gelbe Zigarettenmülleimer, die an Hauswänden angebracht wurden.

Die sogenannten Ballot Bins sind gleichzeitig Umfrageboxen. Raucher können, in dem sie ihre Zigarettenstummel einwerfen, über eine Frage abstimmen, etwa: „Pfand auf Kippen - eine gute Idee?“. Die Idee der „Ballot Bins“ stammt aus Großbritannien. Die Reaktionen dort seien positiv. Auch in Stuttgart habe man die Mülleimer getestet und nach einem Jahr deren Anzahl verdoppelt. „Unsere Erkenntnis war, das ist ein guter Ansatz. Man redet darüber“, sagt Ernst. „Das hat uns motiviert, es in Spandau zu probieren.“

Ergebnisse des Tests werden im November vorgestellt

In Berlin ist Spandau der erste Bezirk, in dem das Projekt getestet wird - zunächst angelegt auf einen Zeitraum von zehn Wochen. Währenddessen wird „Wir Berlin“ die elf Zigarettenmülleimer im Zwei-Wochen-Rhythmus leeren, dabei jeweils auch die Sprüche austauschen.

Begleitend sind Workshops geplant und zum Ende im November ein großer Bürgerdialog, bei dem die Ergebnisse präsentiert werden. Finanziert wird die Testphase mit Fördermitteln des Aktionsprogramms „Sauberes Berlin.“ „Ich bin gespannt, wie es wird“, sagt der zuständige Stadtrat Frank Bewig (CDU). „Es ist mal eine neue Idee, mit der wir auf das Thema, auch auf die Gefahren aufmerksam machen wollen.“ Denn diese Gefahren, meint Beate Ernst, werden von vielen noch unterschätzt.

Ziel sei es, sofern die „Ballot Bins“ angenommen werden, das Projekt nicht nach zehn Wochen enden zu lassen, sondern möglichst sogar auf andere Stadtteile auszuweiten. Dafür sollen Patenschaften für einzelne „Ballot Bins“ abgeschlossen werden. Auch aus anderen Berliner Bezirken, sagt Ernst, gebe es bereits Interesse an den Umfrageboxen. Am kommenden Wochenende soll ein „Ballot Bin“ außerdem in Kooperation mit der Clubcommission Berlin bei einem Open Air in Haselhorst aufgehängt werden.

Geschäftsinhaber unterstützen das Projekt der „Ballot Bins“

Realisiert wurde das Projekt in der Wilhelmstadt mit Unterstützung des dortigen Geschäftsmanagements und lokalen Unternehmern. Die „Ballot Bins“ hängen unter anderem an Bars, einer Tierarztpraxis und Geschäften, darunter „Betty macht Druck“ in der Weißenburger Straße. Sie habe sich beim Geschäftsmanagement dafür beworben, dass eine der Umfrageboxen neben ihrem Eingang hängt, sagt Inhaberin Bettina Gräbnitz. „Ich kann es nicht leiden, wenn man die Zigaretten auf den Boden schnipst.“

Eine Zeit lang habe sie oft vor ihrem Geschäft gefegt, weil so viele Zigaretten auf dem Boden landeten. Nun soll der „Ballot Bin“ Abhilfe schaffen. Und tatsächlich haben sich darin bereits einige Stummel angesammelt. Auch die Aufmerksamkeit der Besitzerin eines nahen Hauses wird geweckt - die sich sogleich erkundigt, ob sie auch eine Umfragebox für ihr Gebäude haben kann.

Wie viele Zigaretten auf dem Boden landen, hat auch ein studentisches Projekt gezeigt, das vor wenigen Monaten in Spandau stattgefunden hat. Wie Cornelia Niemeitz von der Leitstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Bezirksamt Spandau berichtet, wurde dabei an ausgewählten Orten, darunter Haltestellen und Grünflächen, Müll gesammelt und gezählt. Das Ergebnis: „Der höchste Anteil waren immer Kippen, im Durchschnitt circa 60 Prozent“, sagt Niemeitz.

Zigarettenstummel sollen in Produktion von Taschenaschenbechern fließen

Natürlich reicht es aber nicht, die Zigarettenstummel in die „Ballot Bins“ einzuwerfen. Entscheidend ist auch, wie die anschließende Entsorgung aussieht. Dafür, erzählt Beate Ernst, gibt es bereits eine Idee: Kooperiert werden soll langfristig mit einem Kölner Unternehmen, das Taschenaschenbecher herstellt. Neben Altplastik, das bei Aufräumaktionen an Meeren oder in Städten gesammelt wurde, werden für die Produktion auch Zigarettenkippen verwendet. So wolle man den Kreislauf schließen, sagt Ernst. Schon jetzt sollen diese Taschenaschenbecher im Rahmen des Pilotprojekts in der Wilhelmstadt verteilt werden. Damit die Zigaretten nicht auf dem Boden landen, auch wenn kein „Ballot Bin“ in der Nähe ist.

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