Wilhelmstadt

Nach 38 Jahren: Das Brillenhaus Spandau schließt

John Heymann hat das Geschäft 1981 übernommen, nach mehreren Wasserschäden gibt er auf. Der Amerikaner hat eine besondere Biografie.

Ende Juni schließt Inhaber John Heymann das Brillenhaus in der Wilhelmstadt.

Ende Juni schließt Inhaber John Heymann das Brillenhaus in der Wilhelmstadt.

Foto: Sergej Glanze

Berlin.  Der Countdown für John Heymann läuft. Am 30. Juni schließt er sein Geschäft, das Brillenhaus in der Spandauer Wilhelmstadt, nach 38 Jahren. Genau 50 Jahre ist es dann her, dass der gebürtige Amerikaner sein Studium in Optometrie begonnen hat. Das Ende kommt nicht ganz freiwillig. „Ich hätte vielleicht noch weiter gemacht, bis ich 80 bin“, erzählt Heymann, der amerikanische Akzent klingt nach all den Jahren noch durch.

Doch nach zwei Wasserschäden, die sich bis zur endgültigen Reparatur über 19 Monate hinzogen, habe er sich schließlich für die Kündigung entschieden. Mit ihm, sagt er, verschwinde dann auch der letzte Optiker von der Pichelsdorfer Straße, der zentralen Straße in dem Ortsteil.

Es war im Sommer 2017, als es während eines Starkregens den ersten Wasserschaden im Gebäude gab. Zehn Zentimeter hoch habe das Wasser im Keller unter den Verkaufsräumen des Brillenhauses gestanden, erzählt Heymann. Im Untergeschoss habe sich auch die Werkstatt befunden, Maschinen seien stark beschädigt worden. Erst Monate später sei der Schaden repariert worden.

Kurz danach folgte der zweite Vorfall. „Im Keller kam altes Abwasser an. Es war alles feucht und hat gestunken“, erinnert sich Heymann. Die Werkstatt haben die Mitarbeiter des Brillenhauses nach oben, in ein eigentliches Büro verlegt, weil der Keller nicht mehr nutzbar war. „Erst dieses Jahr im Februar wurde die Reparatur fertig“, so der Spandauer. Bereits im Dezember 2018 hatte Heymann in Folge des Ärgers und einer obendrein noch angekündigten Mieterhöhung den Vertrag gekündigt. Einen Nachfolger, der das Traditionsgeschäft, das bereits vor Heymann existierte, übernimmt, habe er nicht gefunden. Es droht ein weiterer Leerstand. Der Laden neben dem Brillenhaus ist schon jetzt ungenutzt.

Schon als Kind von Augenoptik begeistert

Aber Heymann – inzwischen ist er 71 Jahre alt und hat auch in seinem Laden ein Basecap seines Lieblingsbasketballclubs, den Golden State Warriors, auf dem Kopf – möchte nicht zu lange über das Ende seiner Karriere reden. Vielmehr will er von dem erzählen, was in den 50 Jahren davor passiert ist.

Die Augenoptik habe ihn schon als Kind interessiert, in seiner Familie gab es mehrere Augenärzte. „Das liegt mir im Blut“ sagt er. „Als Junge habe ich schon Augen und Skelette gemalt.“ Trotzdem studierte er zunächst Psychologie, merkte aber schnell, dass das nicht das Richtige war. Als Optiker, sagt er, könnte man direkte Resultate seiner Arbeit sehen. „Die Menschen kommen zum Optiker und gehen glücklich, weil sie wieder richtig sehen können“, sagt er. Den Reiz hat das Fachgebiet für ihn bis heute nicht verloren.

1973 hat er seinen Doktortitel an der kalifornischen Elite-Universität in Berkeley erworben hat. Die Urkunde hängt, neben vielen weiteren, heute noch in seinem Brillenhaus – unterzeichnet vom späteren US-Präsidenten Ronald Reagan, der damals noch Gouverneur von Kalifornien war. In Deutschland, sagt Heymann, sei er der einzige Optiker, der eine Doktorarbeit in dem Fachgebiet in Berkeley geschrieben habe.

Augenoptiker im amerikanischen Militärkrankenhaus

An der Universität begann er auch zu forschen, vor allem zu weichen Kontaktlinsen, die damals entwickelt wurden, und entdeckte zudem eine neue Methode, um eine Erkrankung der Netzhaut zu diagnostizieren. Als junger Wissenschaftler kam er dann 1974 auch zum ersten Mal nach Deutschland. Es war eine der Stationen während einer Vortragsreise durch Europa. Hier lernte Heymann seine Frau kennen und blieb. 1981 zog Heymann in den Spandauer Ortsteil Falkenhagener Feld und übernahm das Brillenhaus in der Wilhelmstadt.

Doch das allein reichte dem gebürtigen New Yorker nicht. Er wurde erst optischer Konsultant im damaligen Spandauer Kriegsverbrechergefängnis und passte Brillen für den letzten Gefangenen, Rudolf Heß, an. 1985 übernahm er dann einen Job als Augenoptiker am amerikanischen Militärkrankenhaus in Berlin. „Das war die einzige Möglichkeit, meine ganzen Kenntnisse zu nutzen“, sagt er.

Aus dieser Zeit kann Heymann so manche Geschichte erzählen. „Kein Pilot durfte Tempelhof verlassen, ohne meine Bestätigung, dass er richtig gucken kann“, sagt der 71-Jährige. Alle 30 Tage hätten die Piloten zu ihm kommen müssen. Angefangen hat er bei der US-Armee als Augenoptiker, später wurde er Chirurg und stellvertretender Klinikdirektor der Optometry Klinik. So listet er es in seinem Lebenslauf auf. Tausende Soldaten und deren Familien habe er betreut, berichtet Heymann. „Das war schon eine sehr interessante Zeit.“

Heymann war zuständig für Diplomaten in Nato-Ländern

Als 1994 die Arbeit beim amerikanischen Militärkrankenhaus endete, wurde Heymann Optometrist bei der Berliner Außenstelle US-Außenministeriums. Er leitete den Augenoptikerbetrieb für Diplomaten der Nato-Länder, habe eine Praxis gegenüber der amerikanischen Botschaft an der Clayallee gehabt. Das alles habe er parallel zu seiner Arbeit im Brillenhaus gemacht, sagt Heymann. Etwa einmal im Jahr musste er für die Arbeit in die USA reisen, außerdem regelmäßige Fortbildungen besuchen.

Inzwischen geht der Spandauer es ruhiger an. „Heute genieße ich es, dass ich nicht mehr hin und her reisen muss“, sagt Heymann. Wenn nach 50 Jahren, in denen er sich beinahe täglich mit Augenoptik befasst hat, Schluss ist, dann wird das trotzdem ungewohnt für ihn sein. Er habe Kunden, die seit Beginn seiner Zeit in der Wilhelmstadt in seinen Laden kommen, erzählt der Spandauer. Im Brillenhaus hat er seit seiner Übernahme viel umgestaltet, habe den Boden erneuert und neue Brillenregale eingebaut. Es sei schade, dass er in zwei Monaten leer stehen soll, findet er.

So richtig Schluss ist für Heymann selbst allerdings doch noch nicht: Er will erstmal noch einen Online-Lieferservice für Kontaktlinsen weiterbetreiben.

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