Morgenpost vor Ort

Um die Straßenbahn wird in Spandau heftig gestritten

Beim Morgenpost-Leserforum mit Hajo Schumacher zu Problemen und Perspektiven in Spandau lautet das wichtigste Thema: der Verkehr.

Rund 200 Leser kommen zum Morgenpost-Leserforum in die Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.

Rund 200 Leser kommen zum Morgenpost-Leserforum in die Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums.

Foto: Reto Klar

Beriln. Spandau hat viele Probleme, über die es sich zu reden lohnt, aber ein Thema brennt den Spandauern besonders unter den Nägeln: der Verkehr. Wie ist dem Dauerstau auf den Hauptstraßen beizukommen? Wann kommt endlich Entlastung für die häufig überfüllten U-Bahnen und Regionalzüge? Wie lässt sich ein zuverlässigerer Busverkehr organisieren? Hat der Bezirk Chancen auf neue U-Bahnverbindungen und vor allem: Braucht Spandau ein Straßenbahnnetz? Diese Fragen standen beim Leserforum „Berliner Morgenpost vor Ort“ am Donnerstagabend im Vordergrund.

„Spandau – Probleme und Perspektiven eines Bezirks“ lautete der Titel der Veranstaltung in der proppenvollen Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums an der Galenstraße. Auf dem Podium diskutierten zunächst Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD); Sven-Uwe Dettmann, Geschäftsführer „Partner für Spandau“ und Mitglied der Altstadtvertretung; Jens Wieseke, stellvertretender Vorsitzender und Sprecher des Fahrgastverbandes Igeb; Jessica Hanack, Spandau-Reporterin der Berliner Morgenpost, sowie Polizeioberrat Dirk Gleske, stellvertretender Leiter des Polizeiabschnitts 21. Hajo Schumacher, Publizist und Kolumnist der Morgenpost, moderierte den informativen und zugleich unterhaltsamen Abend. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

Verkehr Helmut Kleebank betonte, die Probleme ließen sich nur gemeinsam mit Brandenburg lösen. „Das haben die beiden Länder in den vergangenen 15 Jahren nicht hinbekommen“, kritisierte er. Inzwischen seien aber die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg entschlossen, S-Bahn und Regionalbahn auszubauen. An konkreten Lösungen werde gearbeitet. Das aber werde noch etliche Jahre dauern.

„Spandau ist eines unserer großen Sorgenkinder in der Stadt“, sagte Jens Wieseke. Die Regionalbahnanbindung sei hervorragend, aber innerhalb des Bezirks gebe es neben der U7 kein Schienennetz und nur ein schlechtes Busnetz. Der Igeb-Sprecher sprach sich für den Bau von Straßenbahnlinien als „Inselnetzwerk“ in mehreren Ortsteilen aus, die Straßenbahn sei leistungsfähiger und weniger störanfällig als Busse.

Die Gäste im Saal waren bei diesem Vorschlag in zwei Lager gespalten. Viele wünschen sich ein Straßenbahnnetz als Rezept gegen den Dauerstau auf den Straßen, andere nannten solche Ideen rückwärtsgewandt. „Wir waren froh, als 1967 die Straßenbahn eingestellt wurde. Ein kleiner Unfall und alles war lahmgelegt“, sagte ein Leser und bekam dafür starken Applaus und Bravorufe. Befürworter der Straßenbahn führten dagegen ins Feld, dass derzeit in 20 Städten in Frankreich wieder Straßenbahnnetze gebaut würden. Und dort seien die Straßen enger als in Spandau.

Bezirksbürgermeister Kleebank sagte, für ihn seien Verkehrsträger vorrangig, die eine eigene Trasse haben, schneller sind und eine höhere Kapazität aufweisen als die Straßenbahn – also S-, U- und Regionalbahn. Im Vordergrund stünden der Transitverkehr durch den Bezirk und die Anbindung ans Umland. Die müsse sowohl mit Regional- als auch mit S-Bahn verbessert werden. Der Transitverkehr mit Autos sei auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass Busse im Stau stehen. Dann müsse man den Straßenbahnverkehr darauf abstimmen. Ihm gehe es um die Reihenfolge. Er forderte eine Entscheidung im kommenden Jahr darüber, welche Schienenwege ausgebaut werden. Der Bezirksbürgermeister sieht durchaus Chancen, dass U-Bahnlinien in Spandau verlängert werden, etwa die U2 ins Falkenhagener Feld oder die U7. Jens Wieseke widersprach ihm vehement. „Zu meinen Lebzeiten wird es in Spandau keinen U-Bahnbau geben“, prognostizierte der 54-Jährige. Das sei nicht finanzierbar, andere Projekte würden als vorrangig angesehen.

Der Igeb-Vertreter unterbreitete einen neuen Vorschlag für die Siemens-Bahn, deren Reaktivierung im Zusammenhang mit dem in Siemensstadt geplanten Innovations-Campus des Unternehmens wieder auf die Agenda gekommen ist. Nicht nur eine S-Bahnverbindung solle geprüft werden, sondern alternativ auch ein Trassenaufbau für die Regionalbahn. Dann könne ein Regionalexpress den „Wissenschaftsstandort Siemensstadt“ über Hauptbahnhof und BER mit der Universitätsstadt Cottbus verbinden. Kleebank ist zuversichtlich, dass die Siemens-Bahn bis zum Jahr 2030 wieder fährt. Bei anderen Schienenausbauprojekten könne er sich auf keinen Zeitplan festlegen.

Stadtentwicklung Nach Jahren einer moderaten Entwicklung verzeichne Spandau jetzt einen Boom, sagte der Bezirksbürgermeister. Spandau werde bis 2030 um rund 60.000 Einwohner wachsen, allein im Westen des Bezirks entstünden 10.000 neue Wohnungen. Die neuen Quartiere würden sozial gemischt, auf den meisten Flächen entstünden 30 Prozent Sozialwohnungen. Auf dem Siemens-Campus kämen zu der Investition des Unternehmens 600 Millionen Euro vermutlich noch einmal dieselbe Summe für Verkehrsanbindung und soziale Infrastruktur hinzu. Das sei aber nicht die einzige „große Hausnummer“. In Sanierung und Neubau von Schulen würden bis 2027 etwa 500 Millionen Euro investiert. „Es ist unglaublich, was gerade passiert“, so Kleebank.

In der Diskussion äußerten etliche Spandauer Angst vor Verdrängung und steigende Mieten wegen des Booms. Die soziale Verdrängung sei angesichts steigender Mieten in Berlin seit Jahren in Spandau zu spüren, sagte Kleebank. So gebe es mehr Zuzüge als Wegzüge ins Jobcenter des Bezirks. Insgesamt sei aber die Zahl der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger gesunken. In Spandau stiegen die Mieten nicht so rasant wie in anderen Teilen der Stadt. Ihm sei wichtig, dass bei den Neubauprojekten vor allem die städtischen Gesellschaften zum Zuge kommen, denn sie wirkten mietpreisdämpfend. Leser Jürgen Wilhelm beklagte, im Durchschnitt seien die Mieten im Spandauer Wohnungsbestand in den vergangenen sechs Jahren um 15 Prozent gestiegen. Der Bezirk habe den Milieuschutz zu spät in Angriff genommen, monierte er.

Morgenpost-Redakteurin Jessica Hanack betonte, der Zuzug tue dem Bezirk gut. Nicht der Neubau lasse die Mieten steigen. Sie höre aber vor allem positive Stimmen zum Bauboom. Insbesondere der Innovationscampus von Siemens löse Optimismus aus, dass damit auch mehr junge Menschen nach Spandau ziehen und es irgendwann vielleicht auch mehr Geschäfte, Cafés, Restaurants und Bars für Jüngere gebe. Denn dieses Angebot lasse in Spandau noch zu wünschen übrig.

Altstadt Sven-Uwe Dettmann sagte, die Attraktivität der Altstadt werde gesteigert, etwa stünden aus dem Programm zum städtebaulichen Denkmalschutz 50 Millionen Euro zur Verfügung. Damit werde zum Beispiel im kommenden Jahr der Reformationsplatz umgestaltet. Die Standortgemeinschaft der Hausbesitzer sorge auch für mehr Ordnung und Sauberkeit. Der Ladenleerstand sei erheblich geringer als früher. Leser beklagten allerdings den Branchenmix, zu viele Billigläden und uneinheitliche Öffnungszeiten.

Dettmann wurde als Veranstalter auch mit dem Vorwurf konfrontiert,
der Spandauer Weihnachtsmarkt habe im Vergleich zu früher nachgelassen. Aus Sicherheitsgründen dürften nicht mehr überall Stände aufgestellt
werden, erläuterte er. Zudem sei die Konkurrenz durch andere Weihnachtsmärkte erheblich größer als etwa vor 20 Jahren. Händler, die Kunsthandwerk anböten, seien kaum noch zu gewinnen, weil sie nicht genügend Umsatz machten – eine Folge veränderten Kaufverhaltens. Und Standplätze außerhalb von Eins-a-Lagen seien kaum zu vermieten. Angebote von Schulklassen gebe es aber noch.

Sicherheit Polizeioberrat Dirk Gleske vom Abschnitt 21 verwies darauf, dass die Kriminalität in Spandau, wie insgesamt in Berlin, zurückgegangen sei. Es gebe aber „Ecken, wo Menschen sich nicht so wohlfühlen wie anderswo“. Kriminalitätsschwerpunkte wie den Alexanderplatz gebe es in Spandau nicht, betonte Gleske. Gegen die Einbruchskriminalität arbeite die Spandauer Polizei eng mit den Kollegen aus Brandenburg zusammen.

Auch wenn bei Taschendiebstählen die Zahl der Fälle sogar überdurchschnittlich zurückgegangen sei, sei der Weihnachtsmarkt in der Altstadt für die Polizei eine große Herausforderung. Die Polizei setzt vor allem auf Prävention. Und noch ein gute Nachricht hatte der Polizeioberrat parat: Im Frühjahr hätten Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren für Aufregung bei Anwohnern gesorgt, weil sie sich in Buswartehallen trafen und häufig laut, bisweilen auch alkoholisiert waren. „Ein echtes Sicherheitsproblem war das nicht“, sagte Gleske. Inzwischen habe sich das Problem aber weitgehend erledigt.

Caroline Kahmann, 57, Schauspielerin aus Haselhorst

"Ich mag an Spandau das viele Grün und die Wassernähe. Ich hoffe nur, dass der Flughafen in Tegel bald schließt, die Flugzeuge donnern über unser Haus."

Peter Sager, 77, Rentner aus Hakenfelde

"Spandau wächst, hier ist eine Menge los. Ich lebe gern in Spandau. Besonders gespannt bin ich auf die neue Wasserstadt."

Willi Schwope, 17, Schüler aus Hakenfelde

"Die Kulturszene hat sich in Spandau toll entwickelt. Mich stört, dass ich zu meinen Spandauer Freunden genauso lange brauche wie nach Mitte."

Waltraud Herrmann, 84, Rentnerin aus Hakenfelde

"Spandau hat sich sehr verändert in den letzten Jahren, es ist voller geworden. Der Nahverkehr hier ist oft katastrophal."

Hendrik Gentz, 71, Rentner aus Staaken

"Spandau hat sich eher schlecht entwickelt. Immerhin ist durch die Flüchtlingsunterkunft bei uns jetzt die Beleuchtung in der Straße sehr gut."

Marten Sieg, 22, Student aus Hakenfelde

"Es ist schön, dass sich Spandau entwickelt und investiert wird. Nur die Verdrängung macht mir Sorgen, da gibt es keine Lösungen bislang."

Theresa Moritz, 19, Studentin aus Staaken

"Mich stört, dass ich in Staaken eine schlechte Anbindung habe. Die Regionalbahn fährt nur alle 30 Minuten. Ich würde mir wünschen, dass die S-Bahn fährt."

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