Es sind nur ein paar kleine Bewegungen. Sie anzuwenden, dauert wenige Sekunden. Doch schon damit können die Grundschüler es schaffen, sich aus einem Griff zu befreien. Etwa, wenn sie jemand auf dem Pausenhof festhält. Konflikttrainer Björn Rudolph zeigt den Erst- und Zweitklässlern der Spandauer Grundschule im Beerwinkel an diesem Tag viele solcher einfachen Übungen. Rudolph arbeitet für den gemeinnützigen Verein "!Respect", der bundesweit Schüler, aber auch Lehrer und Eltern darin schult, wie sie mit Konflikten, mit Gewalt oder Mobbing umgehen können. Im besten Fall geht es darum, bereits präventiv einzugreifen.
"Gewalt ist in allen Schulen ein Thema, auch bei uns", sagt Schulleiter Sven Olsok-Becker. Von einem Problem will er dabei nicht sprechen, aber es sei wichtig, niedrigschwellige Angebote zu haben. In dem Präventionsprojekt von "!Respect" lernen die Schüler etwa in Bewegungs- und Rollenspielen, wie sie sich verbal und nonverbal selbst behaupten können. Konflikte, schildert Olsok-Becker, gebe es vor allem während der Pausen auf dem Hof. Die Ursachen, warum es zu Streits unter Schülern kommt und warum diese dann manchmal eskalieren, sind vielfältig. Heute würden öfter die Strukturen in den Familien fehlen, sagt der Schulleiter. "Konflikte werden dort nicht so behandelt, wie wir es gerne hätten." Zweiter Punkt: Weil nicht alle Kinder gutes Deutsch sprechen, falle es den Schülern schwer, Konfliktsituationen verbal zu lösen. Stattdessen komme es zu Gewalt.
Konflikttrainer Rudolph hat die Erfahrung gemacht, dass Lehrern heute stärker die Aufgabe der Erziehung übernehmen müssen. Um ihnen zu zeigen, wie sie auf Konflikte einwirken - und dabei möglichst einheitlich auftreten - gab es an der Spandauer Grundschule für die Lehrkräfte einen Studientag. Diese Schulung, meint Schulleiter Olsok-Becker, könne vor allem jenen helfen, die keine ausgebildeten Lehrer sind. "Im Kollegium sind inzwischen viele dabei, die Unterrichten nicht von der Pike auf gelernt haben. Denen gibt man dadurch etwas an die Hand." Und auch Eltern werden in das Projekt einbezogen. Für sie gab es zu Gewalt und Mobbing einen Elternabend. Ziel sei es, alle zu beteiligen, die im Bildungs- und Erziehungsprozess eine Rolle spielen, sagt Rudolph.
Konflikttraining gibt es auch an Spandauer Kitas
Rudolph ist mit seinem Training aber nicht nur an Schulen unterwegs, sondern inzwischen auch an Kitas, seit 2016 etwa auch an mehreren Kitas im Spandauer Ortsteil Falkenhagener Feld. Im Kindergarten seien Konflikte oft körperlicher, erzählt Rudolph einfach weil die Ausdrucksmöglichkeiten noch eingeschränkt seien. "Wir wollen aber dazu kommen, dass sie das verbal lösen." Er findet es wichtig, früh mit den Kindern zu arbeiten. Denn es sei besser, rechtzeitig an den Stellschrauben zu drehen, als bis zum Oberschulalter zu warten, so Rudolph. "Kinder hören oft: Wehr dich, wenn dich jemand ärgert", sagt er. "Aber kaum jemand sagt ihnen, wie."
Auch Schulleiter Olsok-Becker hält den frühen Ansatz des Trainings zum Umgang mit Konflikten für wichtig. Er sagt: "Für mich ist zunehmend der Übergang von Kita zur Schule wichtig. Das ist die Basis, mit der wir arbeiten." Die Schulungsstunden, an denen insgesamt 16 Klassen aus den Jahrgängen eins bis vier teilnehmen, sollen deshalb auch keine einmalige Sache bleiben. "Mein Ziel ist es, das Training nur nur in diesem Schuljahr anzubieten, sondern Kontinuität reinzubringen", so Olsok-Becker.



