Berlin-Spandau

Für 700 Kitaplätze fehlen Erzieher in Spandau

Spandau ist durch seine Randlage besonders vom Erziehermangel betroffen. Über 400 Eltern haben einen Kitagutschein, aber keinen Platz.

Der Humanistische Verband Deutschland betreibt in Berlin 25 Kitas, drei davon in Spandau. Personal wird permanent gesucht

Der Humanistische Verband Deutschland betreibt in Berlin 25 Kitas, drei davon in Spandau. Personal wird permanent gesucht

Foto: Konstantin Börner

Berlin. Die neue Kita in der Rex-Waite-Straße in Gatow war noch gar nicht fertig, da ging der Kampf um die Plätze bereits los. "Die Kita war noch nicht eröffnet, da war die Warteliste schon voll", sagt Thomas Hummitzsch, Sprecher vom Berlin-Brandenburger Landesverband des Humanistischen Verbands Deutschlands (HVD), der die Kita in Gatow betreibt. Auf der Website der Kindertagesstätte liest man weiterhin, dass keine neuen Voranmeldungen angenommen werden. Die Warteliste bleibt vorerst geschlossen.

In Spandau haben nach Angaben des Jugendamts zurzeit mehr als 400 Eltern einen Kita-Gutschein, aber keinen Platz für ihre Kinder. Die Zahl der suchenden Eltern dürfte insgesamt noch höher sein, weil nicht jede Familie einen solchen Gutschein beantragt. Eine junge Mutter berichtet, sie habe sich bereits während der Schwangerschaft für die ersten Kitas vormerken lassen - und damals bereits die erste Absage bekommen. Nun steht sie auf verschiedenen Wartelisten und hofft, im Sommer 2019 einen Platz zu bekommen.

Guckt man in den Anfang des Jahres erschienen Förderatlas, der die Bedarfslagen für Kitaplätze in den einzelnen Bezirken darstellt, sieht es für Spandau düster aus. Die Gebiete Haselhorst, Brunsbütteler Damm und Falkenhagener Feld gehören demnach zu Kategorie 1, was heißt: Es gibt derzeit keine Platzreserven und der Bedarf steigt laut Prognose weiter an. Alle anderen Regionen Spandaus gehören zur Kategorie 3+: Dort gibt es laut Förderatlas nur noch geringe Platzreserven und prognostisch ebenfalls einen steigenden Bedarf.

Gebäude werden gebaut, aber Personal fehlt

Dabei werden im Bezirk, wie das Beispiel in der Rex-Waite-Straße zeigt, durchaus neue Kitas gebaut. In den vergangenen Jahren wurden in Spandau bereits Hunderte Kitaplätze geschaffen. Doch es gibt ein Problem: Weil Erzieher fehlen, können nicht alle Plätze auch tatsächlich genutzt werden. "Wir haben 700 baulich fertiggestellte Plätze, die nicht bespielt werden können, weil den Trägern das Personal fehlt", sagt Spandaus Jugendstadtrat Stephan Machulik (SPD). "Wenn man die Gebäude hat, muss man sich auch fragen, wo kommen die Erzieher her?"

Auch in der neu eröffneten Humanistischen Kita in Gatow werden Erzieher gesucht, ebenso in den beiden anderen Kitas, die der Verband in Spandau betreibt. Insgesamt gibt es berlinweit 25 Humanistische Kitas. Für die suche man permanent Personal, sagt Hummitzsch. In den Außenbezirken, wie Spandau, sei die Situation dabei besonders angespannt. "In Brandenburg verdiene ich in Kitas 200 bis 400 Euro mehr. Wenn ich in Spandau wohne, überlege ich mir, ob ich die zehn Kilometer weiterfahre", sagt Hummitzsch. Dadurch bedingt sei auch die Fluktuation in den Berliner Randgebieten höher.

Im Moment, so beschreibt Hummitzsch die Situation, versuche jeder Kitaträger, auf sich aufmerksam zu machen. Für Veranstaltungen wie den Berlin-Tag am 22. September, bei dem Träger für den Beruf als Erzieher werben wollen, werde deshalb "ganz schön aufgefahren". Da werden dann zum Beispiel Turnbeutel mit dem Logo des HVD an Interessenten verteilt. Außerdem überlege der Verband, wie er die Attraktivität der Arbeit zu erhöhen könne - etwa, in dem Neu-Berlinern bei der Wohnungssuche geholfen wird, Angestellte ihre Kinder in den HVD-Kitas betreuen lassen können oder Wohnungen für Azubis eingerichtet werden. Am Ende spielt natürlich aber auch das Geld eine Rolle: "Der Beruf ist nicht attraktiv, weil er nicht vernünftig finanziert wird", sagt Hummitzsch. "Wir müssen eine Regel finden, um einheitlich mit Brandenburg zu bezahlen."

Stadtrat schlägt vor, Betreuungsschlüssel zeitweise anzupassen

Stadtrat Machulik sieht in der Bezahlung ebenfalls ein Problem. Zudem kritisiert er, dass Erzieher für ihre Ausbildung selbst zahlen müssen. Dennoch setzt er darauf, dass der Erziehermangel in den kommenden Jahren sukzessive abnimmt. "Ich rede mit allen Trägern, sie sollen die Leute ausbilden", sagt er. Bis genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen, müssten andere Wege gegangen werden. "Wir werden die nächsten drei Jahre nur mit multiprofessionellen Teams schaffen", meint der Stadtrat. Außerdem fordert Machulik, über eine Veränderung des Betreuungsschlüssels nachzudenken, bis wieder mehr ausgebildete Erzieher zur Verfügung stehen. "Man muss abwägen, ob man die Qualität für bestimmte Zeit absenkt", sagt Machulik. Wichtig sei nur, den Zeitrahmen festzulegen.

Zumindest die Planung und der Bau von neuen Kitas geht im Bezirk aber weiter voran - auch im Hinblick auf die vielen Wohnungsbauprojekte, die in Spandau in den kommenden Jahren realisiert werden. "Grundstücke für den Bau von Kitas werden nach Möglichkeit gesichert", sagt Machulik. Und: "Es wird kein Bauvorhaben geben, ohne dass die zusätzlichen Kitaplätze gesichert sind." Zurzeit laufen die Bauarbeiten oder Planungen für gleich mehrere Kitas, etwa am Kiesteich, am Ziegelhof oder in der Alten Post im Spandauer Zentrum. Außerdem sollen im Bezirk zwei sogenannte Schnellbau-Kitas entstehen, die der Senat errichten lässt. Deren Fertigstellung ist eigentlich bis Anfang 2019 vorgesehen. Bislang haben die Bauarbeiten in Spandau noch nicht begonnen. Die Flächen seien aber bereits vorbereitet worden, sagt Stadtrat Machulik.

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