Spandau wächst. Nach den Daten des Berliner Wohnbauflächen-Informationssystems (WoFIS) soll die Bevölkerungszahl im westlichsten Berliner Bezirk in den kommenden sieben Jahren um 15 Prozent auf dann gut 275.000 Einwohner steigen. Die Unternehmens- und Kommunalberatungsgesellschaft Dr. Lademann & Partner hat ihre 2016 vorgelegte Zentren- und Einhandelsstudie für Spandau noch einmal aktualisiert, weil das Land Berlin in Spandau großflächigen Wohnungsbau plant. Denn die rund 35.000 weiteren Einwohner benötigen auch Einkaufsmöglichkeiten.
Allein der Nordosten Spandaus mit den Ortsteilen Haselhorst und Siemensstadt wird demnach 56 Prozent mehr Einwohner haben als derzeit. 500 neue Wohnungen sollen dort im Bereich Paul-Stern-Straße/Gartenfelder Straße entstehen, rund 3000 in der Wasserstadt Oberhavel und bis zu 4000 auf der bisherigen Gewerbeinsel Gartenfeld. Für die prognostizierten gut 44.000 Bewohner im Ortsteil reichen die Shoppingmöglichkeiten an der Gartenfelder Straße und um das Einkaufszentrum Siemensstadt dann nicht mehr aus, haben die Forscher festgestellt. Sie empfehlen deshalb, auf der Insel Gartenfeld ein neues Nahversorgungszentrum zu planen. Die denkmalgeschützte Belgienhalle, einst Teil der Siemens-Kabelwerke, könnte zur Markthalle umgebaut werden.
Und auch im nordwestlichen Ortsteil Hakenfelde soll durch den Bau der Pepitahöfe und andere Projekte am Havelufer die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2025 um 31 Prozent auf rund 32.000 Menschen anwachsen. Dort sehen die Experten allerdings keinen Bedarf für größere Neuansiedlungen von Handelsunternehmen, sondern empfehlen dem Bezirk, die bereits ansässigen Geschäfte an der Streitstraße zum Beispiel durch moderate Erweiterungsmöglichkeiten zu stärken. Denn in Spandau, so hat die Beratungsgesellschaft Lademann & Partner herausgefunden, fallen viele Discounter und Supermärkte mit Verkaufsflächen zwischen 600 und 800 Quadratmetern kleiner aus als sonst üblich. Sie könnten somit für Betreiber auf Dauer nicht mehr lukrativ sein.
Derzeit gibt es in Spandau nach der Erhebung 908 Einzelhandelsbetriebe mit zusammen rund 334.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Rund eine Milliarde Euro Kaufkraft der Spandauer Haushalte könnte der Einzelhandel theoretisch derzeit abschöpfen. Je nach Einkommen der Zugezogenen wird sich die Kaufkraft nach den Prognosen um mindestens 60 und bis 178 Millionen Euro im Jahr 2025 erhöhen. Rund 1,2 Milliarden Euro hätten alle Spandauer Haushalte dann für Konsumzwecke zur Verfügung.
Spandauer sind beim Shoppen besonders ortstreu
Denn nach den Erhebungen von Lademann & Partner sind Spandauer auch beim Shoppen besonders ortstreu. 88 Prozent ihrer Einkäufe erledigen die heutigen Einwohner im Bezirk. Ausnahmen: Möbel und Sportartikel, für die es im Außenbezirk auch nur wenige Angebote gibt.
Rund 50.000 Quadratmeter zusätzliche Verkaufsfläche könnte der Bezirk insgesamt nach Ansicht der Kommunalberater noch vertragen. Denn schon jetzt fehle es in einigen Spandauer Ortsteilen im Vergleich zu den bundesdurchschnittlich vorhandenen 500 Quadratmeter Verkaufsfläche auf 1000 Einwohner an Nahversorgern. So gibt es im Falkenhagener Feld nur 270, am Brunsbütteler Damm 320 und an der Heerstraße Nord 380 Quadratmeter pro 1000 Einwohner. Überdurchschnittliche Einkaufsmöglichkeiten im nahen Wohnumfeld haben hingegen die Bewohner der Wilhelmstadt (640) und in Altstadt-Nähe (550).
Vor den Toren der Altstadt ist das alte Postgelände inzwischen weitgehend geräumt, die Ruine abgerissen. Darüber, wie viel Einzelhandelsfläche zum Neubauprojekt „Spandauer Ufer“ gehören kann, werde mit dem Investor noch diskutiert, sagt Spandaus Baustadtrat Frank Bewig (CDU). Er denkt an „eher großflächigen Einzelhandel, der ein Scharnier bilden könnte“ zwischen dem Einkaufszentrum Spandau Arcaden und den vielen kleineren Geschäften in der Altstadt. Es werde dazu Studien geben, so Bewig. Die Fay Projects GmbH und Merz Objekt, die auf dem Postareal gegenüber dem Bahnhof für rund 100 Millionen Euro Hotel, Wohnungen, Restaurants und eben auch Handelsfläche errichten möchten, gehen noch immer vom Baustart im Herbst aus.
Weitere Konkurrenz für die Fußgängerzone der Altstadt wollen Bezirkspolitiker vermeiden. Lange sahen sich viele Ladeninhaber im historischen Zentrum von den Arcaden am Bahnhof erdrückt. Tatsächlich haben die Kommunalberater von Lademann & Partner herausgefunden, dass ein Drittel der Arcaden-Kunden nie und 41 Prozent nur gelegentlich Geschäfte außerhalb des Centers aufsuchen. Inzwischen aber setzen auch Geschäftsleute in der Altstadt auf Zusammenarbeit mit dem Shoppingcenter. Und der Bezirk hat die Berliner Pot Marketing GmbH mit einem Marketingkonzept für das Zentrum beauftragt, das gemeinsame Aktivitäten und Werbeaktionen von Altstadt-Läden und Spandau Arcaden einschließt.


