In seinem Wohnzimmer hat er sie schon, zumindest das Kopfteil – jetzt will der BVG-Mitarbeiter und Nahverkehrs-Enthusiast Frank von Riman-Lipinski die Straßenbahn zurück nach Spandau holen. 50 Jahre nach ihrer letzten Fahrt von Hakenfelde zum Bahnhof Zoo sollen zwei Triebwagen der Linie 55 über die alte Strecke rollen – allerdings auf Tiefladern.
Von Riman-Lipinskis Wohnung an der Pichelsdorfer Straße in der Spandauer Wilhelmstadt steckt voller Straßenbahngeschichte. Die Wände sind tapeziert mit Wagen- und Liniennummern, Fotos und Zielschildern. Die Eiche-rustikal-Schrankwand ist gefüllt mit Karteikartenkästen, meterweise Informationen über Tram, Bahn und Bus in Berlin. Straßenbahnhaltestellen zieren den Raum.
Hingucker aber ist das Kopfteil einer original Straßenbahn, Baujahr 1929, wie sie bis 1967 auf der Linie 55 im Einsatz war und danach auf dem Gelände der Jugendverkehrsschule an der Wilmersdorfer Bundesallee stand. „Ich habe sie gekauft, die Front abgeschnitten und alles in tausend Einzelteile zerlegt“, erinnert sich Frank von Riman-Lipinski. Das Kopfteil des Wagens 3824 baute er im Wohnzimmer der Altbauwohnung wieder auf. Seit 30 Jahren hortet der Spandauer bereits alles zum Thema Tram. „Es ist die mit Abstand größte Sammlung von Straßenbahn-Originalschildern in West-Berlin“, sagt Frank von Riman-Lipinski stolz. Nur das Schlafzimmer sei schilderfrei.

Jede freie Minute widmet der Spandauer der BVG- und S-Bahn-Geschichte
Der Berliner Nahverkehr ist von Riman-Lipinskis Leben. Seit 1988 arbeitet der gebürtige Siemensstädter bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), unterbrochen nur von einer kurzen Stippvisite bei den Verkehrsbetrieben in Potsdam (ViP). Er fing als Busfahrer bei der BVG an und arbeitet dort inzwischen bei der Betriebsaufsicht. Von 1994 bis 1998 war er Triebwagenführer bei der S-Bahn, die BVG hatte nach der Wiedervereinigung per Überlassungsvertrag Personal an die S-Bahn abgestellt. „Da wurde mir ein Traum erfüllt“, schwärmt von Riman-Lipinski.
Schon als kleiner Junge war der heute 52-Jährige fasziniert von der Straßenbahn, die er beim Einkaufen in Siemensstadt an der Hand der Mutter bestaunte. Auch die S-Bahn, die damals noch auf der alten Siemensbahn-Strecke verkehrte, hatte es ihm angetan. „Ich habe meiner Mutter gesagt, ich fahre mit dem Fahrrad um den Block. In Wirklichkeit bin ich mit der S-Bahn durch die ganze Stadt gefahren.“ Jede freie Minute widmet der Spandauer der BVG- und S-Bahn-Geschichte in Berlin. So gründete er 1988 die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus (AGT), die historische Doppeldecker pflegt und unterhält. Er sitzt dort noch immer dem Förderverein vor.
Eine Zweizimmerwohnung wie ein Museum
Ehefrau Susan Steckov unterstützt das Hobby. „Das ist hier wie ein Museum“, sagt sie über das Ambiente der gemeinsamen Zweizimmerwohnung. „Ich mag das.“ Auch bei der Vorbereitung für das Straßenbahnfest am 30. September und 1. Oktober geht sie ihrem Mann gern zur Hand. Dann will Frank von Riman-Lipinski sein Husarenstück liefern. Mit dem Berliner Bahn-Fan Dennis Gransee hat er sich in den Kopf gesetzt, die Straßenbahn 55 wieder durch Berlin rollen zu lassen.
„Wir haben das verrückte Ziel, fast genau nach 50 Jahren einen Verbundzug nach Hakenfelde zu bringen“, sagt er. Ein Verbundzug habe damals aus zwei Triebwagen bestanden, sodass die Fahrtrichtung ohne Wendemanöver gewechselt werden konnte. Triebwagen Nummer eins wird aus dem Deutschen Technikmuseum Berlin kommen, das den Wagen 3566, Baujahr 1929, aus dem Abschiedskorso der Linie 55 seit Jahren ausgestellt hat. Den zweiten Triebwagen aber musste Bahn-Enthusiast Gransee in ganz Deutschland suchen. Beim Verein Verkehrsamateure und Museumsbahn Schönberger Strand bei Kiel wurde er fündig. Seit einem Jahr haben Gransee und Mitstreiter Norbert Walter die historische Bahn wieder hergerichtet. Anfang September soll sie per Laster nach Berlin geholt werden.

Für ihre spektakuläre Jubiläumsaktion sind die Berliner Schienen-Enthusiasten auf Sponsoren angewiesen. Aber am Geld werde das Comeback der Straßenbahn nach Spandau nicht scheitern, so von Riman-Lipinski. Weil der Jahrestag der letzten Fahrt der 55 am 2. Oktober 1967 auf einen Montag fällt, werden die Feierlichkeiten auf das Wochenende vorverlegt. Am 30. September von 10 bis 18 Uhr plant er an der früheren Endhaltestelle der Linie 55 an der Ecke Neuendorfer Straße und Eschenweg ein Jubiläumsfest mit Nahverkehrströdel und Imbissständen. Dann sollen Straßenbahn-Interessierte auch die historischen Triebwagen besichtigen und fotografieren können. Für das Fest seien alle Genehmigungen bereits vorhanden, sagt von Riman-Lipinski. Die BVG werde 30 Meter Gleise an die frühere Tramhaltestelle legen.
Am Sonntag, Punkt 11.09 Uhr, zur selben Zeit als 1967 der Abschiedskorso startete, soll in Hakenfelde der Erinnerungskorso losrollen. Die beiden elf Meter langen, 2,20 Meter breiten und 15 Tonnen schweren Triebwagen gehen auf zwei Tiefladern auf die Fahrt über Siemensstadt, Otto-Suhr-Allee zum Hardenbergplatz. Bei der Abschiedstour der Linie 55 vor 50 Jahren standen Tausende am Straßenrand. „Ganz so viele Menschen werden es dieses Mal vielleicht nicht“, so von Riman-Lipinski, „aber es wird voll werden.“


