Politik lebt vom Gespür für die Menschen. Wer im Jahr 2026 bei einer Straße, die mit ihren 116 alten Straßenbäumen fast schon eine Großstadtallee ist, die Säge ansetzt, hat wenig Gespür. Zumal, wenn die Basis eine umstrittene Planung aus dem Jahr 2021 ist.
Berlin hat sich seit 2021 verändert, die Welt hat sich verändert. Rechtlich, klimatisch, politisch. Das Klimaanpassungsgesetz gilt seit Juni 2024 und verpflichtet die Politik zu ökologischem Handeln. Mit dem Baumentscheid verpflichtete sich Berlin im vergangenen Jahr, die Stadt in den kommenden 15 Jahren mit einer halben Million zusätzlichen Straßenbäumen zu bepflanzen. Und Reinickendorf will ernsthaft ausgerechnet jetzt massiv alten Bestand zerspanen, ohne noch einmal über eine Umplanung nachzudenken?
Ja, die Ollenhauerstraße braucht ein Update. Ja, sichere Radwege sind überfällig. Aber es sind gerade Radfahrer, die am aktuellen Zustand weniger zu meckern haben als an den Plänen. Die Mitglieder der Bürgerinitiative betonen, dass es aus ihrer Sicht bessere Planungsvarianten gab. Mit Erhalt eines Großteils der Bäume. Gezeichnet, diskutiert, verworfen – ohne nachvollziehbare Begründung. Baumgutachten? Verkehrszählungen? Fehlanzeige! Und trotzdem sollen die Sägen ab Oktober kommen. Das ist nicht Politik auf der Höhe der Zeit, das ist Bequemlichkeit.
„Wenn wir warten, wird alles nur viel teurer“, sagt der zuständige Stadtrat. Das ist zwar faktisch erst einmal angesichts der Baukostensteigerungen richtig. Wenn man jetzt Planungen ausführt, die rechtliche Risiken aus dem Klimaanpassungsgesetz ignorieren und die Folgekosten von Hitze-Hotspots billigend in Kauf nehmen, wird es unter Umständen noch viel teurer. Bäume sind für gute Stadtplaner kein lästiges Detail, sondern eine lebensnotwendige Leidenschaft.



