Reinickendorf
Coronavirus

Trotz Coronakrise: Kneipenwirt hilft Menschen in Not

Obwohl Norbert Raeder Existenzängste hat, sammelt er Essensspenden für Obdachlose und veranstaltet eine Coronavirus-Beratungsstunde.

Norbert Raeder betreibt seit 20 Jahren das Kastanienwäldchen. Dort hilft er auch den Obdachlosen auf dem Franz-Neumann-Platz. So wie zuletzt mit einer Veranstaltung über das Coronavirus.

Norbert Raeder betreibt seit 20 Jahren das Kastanienwäldchen. Dort hilft er auch den Obdachlosen auf dem Franz-Neumann-Platz. So wie zuletzt mit einer Veranstaltung über das Coronavirus.

Foto: Susanne Kollmann

Reinickendorf. Norbert Raeder ist mittlerweile seit Jahren bekannt dafür, den obdachlosen Menschen am Franz-Neumann-Platz zu helfen. Auch in Zeiten des Coronavirus hat er Menschen mobilisiert, ihm tatkräftig zur Seite zu stehen. Und das, obwohl er gerade selbst Existenzängste hat.

Der Berliner Senat hat beschlossen, Clubs und Kneipen für die nächsten vier Wochen zu schließen – darunter fällt auch das Kastanienwäldchen an der Residenzstraße, das seit 20 Jahren bekannt ist für

Tanzveranstaltungen. Am vergangenen Freitag hat Norbert Raeder daher die Konsequenzen gezogen und die Türen bis auf Weiteres abgeschlossen. „Ich weiß gerade auch nicht, wie ich das alles bezahlen soll“, sagt der Wirt, „wirtschaftlich ist diese Situation schrecklich“ – seine Mitarbeiter seien zumindest für die kommenden zwei Monate abgesichert. Trotz der bevorstehenden düsteren Zeiten versucht er, positiv in die Zukunft zu blicken. „Jetzt habe ich viel Zeit, mich um andere zu kümmern“, sagt er.

Chefarzt der Notaufnahme gibt Tipps im Umgang mit dem Coronavirus

Und die anderen, die obdachlosen Menschen vom Franz-Neumann-Platz, danken es ihm. Denn Norbert Raeder hat eine Informationsveranstaltung organisiert, auf der Fachleute die wichtigsten Fragen rund um das Virus beantworten, um den auf der Straße lebenden Menschen die Angst zu nehmen. „Von denen kann niemand Lebensmittel hamstern oder sich vorbereiten wie alle anderen“, sagt er.

So groß, wie einst geplant, war die Veranstaltung nicht, zwischen den Stühlen auf dem Hof des Kastanienwäldchens war ein großer Abstand. Auf 50 Personen wurde reduziert, „wir haben aber die Hoffnung, dass die Anwesenden die Informationen weitergeben“, sagt Raeder. Und auf diese Informationen waren die Gäste sehr gespannt. So hat Prof. Dr. med Andreas Umgelter, Chefarzt der Notaufnahme des Humboldtkrankenhauses in Reinickendorf, erklärt, worauf sie achten müssen und was im Notfall zu tun ist – Umgelter hat als Privatmann Rede und Antwort gestanden, um Raeder zu unterstützen. „Wir sollten nicht zu viel Angst haben. Bei rund 80 Prozent der Menschen wird die Krankheit einen milden Verlauf nehmen“, sagt Umgelter.

Desinfektionsmittel und Handschuhe aus dem Humboldtkrankenhaus gestohlen

Dennoch gelte es eine Ansteckungsgefahr zu verringern, „verhindern werden wir sie nicht mehr können.“ Händewaschen zähle zu den wichtigsten Vorkehrungen. Den Obdachlosen stehen allerdings selten fließendes Wasser und Seife zur Verfügung. Daher sollte man den Abstand zu anderen Menschen wahren.

„Ich muss jeden Tag zum Arzt mit der U-Bahn fahren. Wie kann ich mich schützen?“, möchte eine Frau wissen. Ein Mundschutz sei nach Angaben des Mediziners zwar kein Allheilmittel, würde aber zumindest einige Tröpfchen fernhalten können. Desinfektionsmittel würde etwas nützen, wenn es erhältlich wäre. „Zuerst stehen die Krankenhäuser auf der Liste, dann folgen Ärzte, Pflegehäuser und dann wir“, sagt eine Mitarbeiterin der Easy Apotheke auf der Residenzstraße. Eigentlich wollte Norbert Raeder jedem Gast ein kleines Fläschen mitgeben. Das Humboldtkrankenhaus habe laut Andreas Umgelter zwar noch einen kleinen Vorrat, allerdings seien reihenweise Handschuhe und Desinfektionsmittel gestohlen worden, so dass nicht mehr allzu viel übrig sei.

Die Notaufnahme des Humboldtkrankenhauses an der Straße Am Nordgraben sei nach Angaben Umgelters für 20.000 Patienten pro Jahr ausgelegt, behandelt würden aber 43.000 Menschen. Trotzdem sollten die Anwesenden bei akuten Problemen zu ihnen kommen. Besonders bei Anzeichen wie Fieber, extremer Müdigkeit, Halsschmerzen und Husten sollte Vorsicht geboten sein.

Obdachlose können zehn Tage mit Fertiggerichten versorgt werden

Weil obdachlose Menschen keine Lebensmittel bunkern können, so wie es gerade die Mehrheit der Bevölkerung tut, hat sich Norbert Raeder etwas überlegt: Gemeinsam mit vielen Privatleuten hat er Fertiggerichte gesammelt, um im Notfall helfen zu können. „Mit dem Vorrat können wir rund 40 Menschen zehn Tage lang versorgen“, sagt der Wirt. Und auch für Wasserflaschen hat er gesorgt. Norbert Raeder versucht eben alles, um auch den Menschen zu helfen, „die nicht vom Glück geküsst wurden“, wie er sagt.