Reinickendorf
Berliner U-Bahn

Studie: Verlängerung der U8 ins Märkische Viertel sinnvoll

Die BVG hat drei Varianten untersucht. Die billigste kostet 112, die teuerste 386 Millionen Euro. Entscheidend ist die Bauart.

Mit einer Verlängerung der U8 wäre die Innenstadt aus dem Märkischen Viertel in einer halben Stunde erreichbar.

Mit einer Verlängerung der U8 wäre die Innenstadt aus dem Märkischen Viertel in einer halben Stunde erreichbar.

Foto: dpa Picture-Alliance / Stefan Jaitner / picture alliance/dpa

Berlins Pläne, das U-Bahnnetz auszubauen, werden konkreter. Der Berliner Morgenpost liegt die noch geheim gehaltene Machbarkeitsstudie der Verkehrsbetriebe (BVG) zur Verlängerung der U-Bahnlinie 8 über den Endbahnhof Wittenau hinaus vor. Das Märkische Viertel mit seinen 50.000 Einwohnern ans Schienennetz anzuschließen, würde demnach je nach gewählter Variante zwischen 112 und 386 Millionen Euro kosten.

Die Studie zur U8 ist eine von dreien, die die BVG in Abstimmung mit der Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) in Auftrag gegeben hatte. Neben der Anbindung der Großsiedlung im Berliner Norden geht es um die Verlängerung der U7 bis zum S-Bahnhof Schönefeld und dem alten Flughafenterminal. Drittes und kompliziertestes Projekt ist der Anschluss des Flughafens Tegel an die U6 und damit die Erschließung des Wohn- und Gewerbegebietes, das dort nach der Schließung von Tegel geplant ist. Die beiden letztgenannten Untersuchungen liegen noch nicht vor.

Für die Tegel-Strecke könnte es neue Anforderungen geben, falls sich Überlegungen verdichten, auf dem zentralen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm das neue Fußballstadion für Hertha BSC zu bauen. Verkehrssenatorin Günther hat vor, alle drei Studien gleichzeitig zu präsentieren. Die Landespolitiker könnten dann entscheiden, welches Projekt ihnen am dringlichsten erscheint, welche der geprüften Varianten sie bevorzugen und ob in Berlin nach der Fertigstellung der U5 zwischen Alexanderplatz und Hauptbahnhof überhaupt noch U-Bahnen gebaut werden.

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Bisher sind die Linken und die Grünen gegen zusätzliche U-Bahnstrecken. Die Koalitionsparteien setzen auf den Straßenbahn-Ausbau, weil die Kosten erheblich niedriger liegen als bei der U-Bahn. In der SPD hat sich die Stimmung gedreht. So beschloss die Partei vergangene Woche bei ihrem Landesparteitag, die U7 bis Schönefeld zu verlängern. Die CDU macht sich schon länger für eine U-Bahn ins Märkische Viertel stark.

Der Ausbau der U8 wird in der Studie der BVG als machbar und verkehrstechnisch sinnvoll beschrieben. Zwischen dem U- und S-Bahnhof Wittenau, der nächsten Station zum Märkischen Viertel, verkehrten tagsüber sechs Buslinien und nachts zwei. In Spitzenzeiten fahren dort 38 Busse pro Stunde je Richtung, die bis zu 30.000 Menschen täglich transportieren, von denen aber nicht alle die U-Bahn nutzen. Im Jahr 2025 werden, so die Studie, 15.000 Fahrgäste in der U-Bahn zwischen Rathaus Reinickendorf und Wittenau unterwegs sein.

Verlängerung der U8 ins Märkische Viertel: Bis zu 25.000 Passagiere täglich

Mit der Verlängerung in die Großsiedlung würden bis zu 25.000 Passagiere täglich erwartet. „Somit kann die bestehende hochleistungsfähige Schnellbahn-Infrastruktur wesentlich besser, und somit wirtschaftlicher, ausgelastet werden“, schreiben die Gutachter. Nach einer U-Bahn-Anbindung betrage die Fahrzeit vom Senftenberger Ring zum Alexanderplatz oder zum Zoo nur noch 30 Minuten. Das Märkische Viertel würde als Wohngebiet deutlich aufgewertet.

Untersucht haben die Gutachter unterschiedliche Varianten, was Verlauf und Länge der Strecke als auch die verwendete Bautechnik angeht. Die erste und günstigste Option wäre ein Weiterbau der U-Bahn als gerade Strecke unter dem Wilhelmsruher Damm bis zum Märkischen Zentrum, dem Herz des Wohngebietes. Die Kosten für die 830 Meter lange Trasse in „einfacher Tieflage“, also direkt unter der Straße, belaufen sich inklusive eines neuen Bahnhofs am Märkischen Zentrum auf 112 Millionen Euro.

Die zweite, ambitionierteste und teuerste Variante führt vom Ausgangspunkt Wittenau über 2180 Meter bis zum Märkischen Zentrum und schwenkt dann nach Norden ins Wohngebiet. Hier wären zwei weitere Bahnhöfe vorgesehen, am Eichhorster Weg und am Endpunkt Senftenberger Ring. Je nach Bauart wird mit 329 Millionen Euro beziehungsweise 386 Millionen Euro kalkuliert. Die dritte Option gleicht der ersten Variante. Allerdings wird auch hier ein Zwischenhalt am Eichhorster Weg eingeplant, um den Westen des Märkischen Viertels besser anzubinden. Langfristig soll bei dieser Version die Möglichkeit bestehen, die Strecke nach Osten zu verlängern und bis in den Pankower Ortsteil Rosenthal zu führen.

Nur noch fünf Minuten Umsteigezeit

Dass es machbar ist, ins Märkische Viertel eine U-Bahn zu bauen, wussten die Planer schon vor fast 60 Jahren, als die Reinickendorfer Großsiedlung Gestalt annahm. Die von der BVG und der Senatsverkehrsverwaltung beauftragten Ingenieure kommen auch zu keinem anderen Ergebnis. Die Frage wird sein, ob die versprochene Erleichterung für die allermeisten der 50.000 Bewohner der Hochhaussiedlung den Berliner Landespolitikern die entstehenden Kosten für die Verlängerung der U-Bahnlinie 8 wert sein werden, oder nicht. Die Umsteige- und Fahrzeiten zwischen Bahnhof Wittenau und dem Senftenberger Ring würden im ungünstigsten Fall bis zu 20 Minuten betragen, mit einer neuen U-Bahn nur noch fünf Minuten.

An dem U-Bahnhof Märkisches Zentrum, der je nach gewählter Ausbauvariante Zwischen- oder Endhaltestelle einer verlängerten U 8 sein könnte, soll jedenfalls nicht gespart werden. In der Machbarkeitsstudie von BVG und Verkehrsverwaltung, die schon seit Juni 2019 fertig ist aber bisher unter Verschluss gehalten wird, ist von einer „hochwertigen Gestaltung“ die Rede. Das solle die „neue Identifikation des Stadtteils und die Entwicklung des Viertels unterstreichen“.

Die Bahnhofshalle solle wegen der „zentralen Bedeutung“ acht Meter hoch und „großzügig geplant“ werden, heißt es in der Studie. Der Bahnhof werde in Silber und Blau gehalten. Großformatige Glaspaneele werden die Metallplatten an der Fassade durchbrechen und großformatige Baumstämme zeigen. Das erzeuge einen „Fenstereffekt“. Die Rindenstruktur der Baumstämme sorge für „interessante Muster- und Farbenspiele“.

Längere Strecke kostet dreimal so viel wie die kurze

Vor den Details der von BVG-Planern entworfene Gestaltung des wichtigsten Bahnhofs müssen aber grundlegende Fragen geklärt werden. Wählt man die kurze Trasse zwischen dem bisherigen Endbahnhof Wittenau und dem Märkischen Zentrum? Mit einer Fahrzeit von 75 Sekunden ab dem U-Bahnhof Wittenau könne ein Großteil des Busverkehrs zum Märkischen Viertel unter die Oberfläche verlagert werden. Hilfreich ist, dass hinter dem U-Bahnhof Wittenau bereits ein 500 Meter langer Tunnel existiert, der bei der letzten Verlängerung der U 8 1994 gebaut wurde. Am Märkischen Zentrum werde sich Umsteigeverkehr in die Buslinien, die dann die Feinverteilung der Menschen im Quartier übernehmen, positiv auf die dortige Einkaufspassage gleichen Namens auswirken, so die Gutachter.

Oder entscheiden sich die Politiker für die mehr als doppelt so lange Strecke bis in den Norden des Wohngebiets am Senftenberger Ring? Die Kosten für die längere Strecke liegen mit mehr als 300 Millionen fast dreimal so hoch wie die kurze Variante. Sie würde aber zwei Drittel der Bewohner des Viertels in einem Radius von 500 Metern rund um die neuen Bahnhöfe an die U-Bahn anschließen. Sie wären dann in jeweils einer halben Stunde in den östlichen und westlichen Zentren der Stadt.

Parallel laufende Röhren könnten gebohrt werden

Für die Kosten ist es zunächst entscheidend, ob eine neue Linie offen gebaut wird oder ob die Tunnelröhren wie etwa beim Bau der U 5 Unter den Linden im Schildvortrieb unterirdisch gebohrt werden. Das wäre insbesondere für die längere Linie interessant. Dabei bohrt eine Maschine zwei parallel laufende Röhren in den Untergrund, der hier auf der Barnimer Hochebene aus Geschiebemergel besteht.

Das Grundwasser liege etwa sieben Meter unter Geländeniveau. Die Schildbauweise lasse bei Baulängen ab zirka zwei Kilometer „wirtschaftlich gleichwertige Lösungen im vergleich zur offenen Bauweise zu“, heißt es im Gutachten. Anwohner und Verkehrsteilnehmer würden dadurch erheblich weniger beeinträchtigt, als wenn die gesamte Strecke ausgehoben und offen erstellt würde.

79 Millionen Euro für den Schildvortrieb

Allein für den Schildvortrieb auf knapp 1800 Metern veranschlagen die Planer rund 79 Millionen Euro. Je nach gewählter Methode benötigen die Bauleute dann unterschiedlich große Flächen, um ihre Logistik zu regeln. Für gewährleistet halten die Gutachter aber die Erreichbarkeit des Märkischen Viertels über den Wilhelmsruher Damm auch in der Bauphase. Wichtig für die Kosten ist auch die Frage, wie tief die Tunnel unter der Erde liegen sollen. Am billigsten wäre es, die Tunnel direkt unter der Straßenoberfläche zu führen.

Für einen späteren Betrieb braucht die BVG auch noch Abstellplätze hinter den Endbahnhöfen. Auch hier sind verschiedene Varianten mit unterschiedlichem Aufwand möglich. Für die BVG bedeutet eine längere Linie auch den Einsatz von zusätzlichen Wagen. Die Umlaufzeit der Linie U 8 würde von derzeit 85 auf 94 Minuten für die längste Variante steigen. Um das zu kompensieren, benötigte die BVG bei einem Fünf-Minuten-Takt statt 17 dann 19 Züge auf der Strecke.