Reinickendorf
Sozialdienst

Die Helferbären unterstützen Senioren im Alltag

Freunde haben den Sozialdienst „Helferbär“ gegründet, bei dem Menschen Senioren im Haushalt helfen, vorlesen oder zu Ärzten begleiten.

Alessandro Nobbe (li.), Cassandra Mohaupt und Leonard Winkler haben den Sozialdienst „Helferbär“ gegründet. Mit 18 Mitarbeitern unterstützen sie Senioren im Alltag.

Alessandro Nobbe (li.), Cassandra Mohaupt und Leonard Winkler haben den Sozialdienst „Helferbär“ gegründet. Mit 18 Mitarbeitern unterstützen sie Senioren im Alltag.

Foto: Susanne Kollmann

Reinickendorf. Zu schwach, um den Haushalt zu meistern, das Lesen fällt einem auch immer schwerer, zum Arzt oder zum Supermarkt schafft man es auch nicht mehr ohne Hilfe – so geht es vielen Senioren. Doch nicht alle können auf ihre Kinder und Enkelkinder zählen, oftmals wohnen sie weit weg. Und ein Seniorenheim ist noch keine Option. Zwar kommt ein Pflegedienst regelmäßig vorbei, nur haben die einen strikten Zeitplan, waschen die Senioren, geben Medikamente. Für ein Gespräch bleibt meist keine Zeit, geschweige denn für eine Hilfe im Haushalt. Und hier kommt der Sozialdienst „Helferbär“ ins Spiel, den Cassandra Mohaupt, Leonard Winkler und Alessandro Nobbe gegründet haben.

Die Idee entstand, als Cassandra Mohaupt und Leonard Winkler große Probleme hatten, jemanden für ihre Großeltern zu finden, der mehr über die Arbeit des Pflegedienstes hinaus unterstützt. „Bis zu einem gewissen Grad habe ich meine Oma zum Arzt gebracht oder zum Friseur. Aber auch ich bin irgendwann an meine Grenzen gekommen“, erinnert sich Cassandra Mohaupt, „auch wenn ich das alles sehr gerne gemacht habe.“ Traurig sei es gewesen, dass die Zeit, in der man gemeinsam eine Tasse Kaffee trinkt, zu kurz kam. Und genau darum geht es den Gründern, die ihre Idee seit Sommer 2018 in die Realität umsetzen, seit Mai 2019 ist der Sozialdienst am Markt. „Wir ersetzen keinen Pflegedienst. Bei uns gibt es auch keine medizinische Versorgung. Wir kümmern uns um alles andere“, erklärt der 22-jährige Leonard Winkler. Mit wir ist ein Netzwerk aus mittlerweile 18 Mitarbeitern und 40 Klienten, wie sie die Senioren nennen, entstanden.

Sozialdienst kümmert sich um die komplette Bürokratie

Doch wie kommen Helfer und Senioren zusammen? „Entweder melden sich die Betroffenen selbst bei uns oder die Angehörigen. Wir vereinbaren einen Termin bei den Senioren Zuhause und beraten jeden individuell“, sagt Leonard Winkler. Zunächst müsse geklärt werden, welche Interessen derjenige habe – soll jemand die Zeitung vorlesen, Fenster putzen oder ins Theater begleiten? Welche Pflegestufe liegt vor? Wie oft ist ein Besuch gewünscht? Dann werde ein Mitarbeiter, in erster Linie Schüler und Studenten, gesucht, der die gleichen Interessen teilt. „Wir kümmern uns auch um die komplette Bürokratie, telefonieren mit den Pflegekassen. Diese Last nehmen wir den Senioren und Angehörigen“, sagt Alessandro Nobbe. 30 Prozent der Anrufer sind einsam und suchen jemanden, mit dem sie Zeit verbringen können, sagt er.

Ist einmal ein Helfer zugeteilt, bleibt diese Bezugsperson auch bestehen. Nur so könne sich eine Vertrautheit aufbauen. Für den Fall, dass der Helfer erkrankt oder im Urlaub ist, gibt es Alessandro Nobbe als Koordinator. „Meine Aufgabe ist es, die Erstgespräche zu führen und die Helfer einzuteilen. Im Grunde haben die Senioren zwei feste Personen, an die sie sich jederzeit wenden können – ich und die Bezugsperson“, erklärt der 22 Jährige.

Professionelle Hilfe gibt es bei Pflegedienstkräften

Das Fachwissen haben sie sich teilweise selbst angeeignet, sich aber auch professionelle Hilfe gesucht – eine ehemalige Pflegedienstleitung vom Deutschen Roten Kreuz steht ihnen immer beratend zur Seite, schult auch die Mitarbeiter in Sachen Krankheitsbilder, erklärt, wie man beispielsweise mit dementen Menschen umgeht. Das Netzwerk besteht aber auch aus Seniorenvertretungen, Bezirksämtern und Pflegestützpunkten. „Helferbär“ ist vom Senat zertifiziert und somit ein zugelassener Sozialdienst, wird durch die Europäische Union, der Wirtschaftsförderung Brandenburg, der Investitionsbank Brandenburg und der Universität Potsdam gefördert. „Aber weniger finanziell, als vielmehr durch Beratungsangebote“, sagt Leonard Winkler.

Leistungen werden von der Pflegekasse bezahlt

„Am Anfang war der Gedanke: Wir möchten etwas Soziales machen. Dass wir zu so vielen Anwälten und Steuerberatern müssen, war schon frustrierend“, erinnert sich der 21-jährige Cassandra Mohaupt. Die drei Freunde glauben an das Projekt, investieren ihre Freizeit, haben Hobbys zurückgestellt. Alessandro Nobbe ist sogar wieder bei seinen Eltern eingezogen. „Noch verdienen wir mit dem Sozialdienst kaum Geld. Wir haben alle privates Geld investiert“, sagt er. Geld erhalten sie von den Pflegekassen. Ein Teil ist für die Verwaltung bestimmt, ein anderer für die Helfer – ein Student bekommt je nach Qualifikation zwischen zehn und vierzehn Euro pro Stunde. „Natürlich steht der soziale Aspekt im Vordergrund. Da wir überwiegend Studenten beschäftigen, die das als Nebenjob machen, ist das Finanzielle genauso wichtig. Wir möchten, dass alle fair bezahlt werden“, sagt Cassandra Mohaupt. Je mehr Klienten hinzukommen, desto mehr verdienen die Gründer und können auch irgendwann davon leben.

Die 21 Jährige studiert noch circa ein Jahr Wirtschaftsingenieurwesen, die anderen beiden sind in den letzten Zügen des BWL-Studiums. Alessandro Nobbe und Leonard Winkler werden den Sozialdienst als Geschäftsführer Hauptberuflich leiten, Cassandra Mohaupt wird sich sehr wahrscheinlich nebenberuflich engagieren und sich weiterhin um das Marketing kümmern. Das Ziel der drei Freunde ist es, den Sozialdienst deutschlandweit zu etablieren, für alle ein Ansprechpartner zu sein, Qualität zu bieten, Bürokratie zu vereinfachen und Generationen zusammenzubringen.

Auch wenn Cassandra Mohaupt, Alessandro Nobbe und Leonard Winkler viel mit der Organisation zu tun haben, werden sie selbst immer mal wieder bei den Senioren vor Ort sein und ihnen helfen. „Nur so wissen wir, was wirklich gebraucht wird“, sagen sie. Außerdem sei die Atmosphäre toll. „Die Menschen sind so dankbar für die Zeit, die wir mit ihnen verbringen. Genau deshalb machen wir das.“

Mehr Informationen über den Sozialdienst „Helferbär“ gibt es online auf www.helferbär.de, per Mail info@helferbaer.de oder telefonisch 030-62 93 94 53