Reinickendorf
U-Bahn

In Reinickendorf wird die U6 umfassend saniert

Bahnhöfe werden ausgebaut, Gleise erneuert und eine Brücke abgerissen. Ab Mai 2021 gibt es auf der U6 für 1,5 Jahre Ersatzverkehr.

Die BVG wird ab Juni 2021 die Brücke an der Seidelstraße abreißen und neu bauen. Die Illustration zeigt, wie die geplante Stahlkonstruktion aussehen wird.

Die BVG wird ab Juni 2021 die Brücke an der Seidelstraße abreißen und neu bauen. Die Illustration zeigt, wie die geplante Stahlkonstruktion aussehen wird.

Foto: BVG

Berlin. Unter der Woche steigen jeden Morgen Tausende Menschen in die U-Bahnlinie U6, um zur Arbeit zu kommen, am Wochenende sind es die Ausflügler und Feiernden, die den Service nutzen. Von Mai 2021 an müssen die Reinickendorfer für eineinhalb Jahre auf die Verbindung zwischen den Haltestellen Alt-Tegel und Kurt-Schumacher-Platz verzichten – bereits in diesem Herbst beginnen die ersten Maßnahmen an den Ausgängen Alt-Tegel, von denen einer geschlossen werden soll. Die BVG plant aufwendige Sanierungsarbeiten entlang der Strecke.

Die sind in Anbetracht der Seidelbrücke auch mehr als notwendig. Wie jetzt bekannt wurde, könnte die Brücke einstürzen. „Es ist eine tickende Zeitbombe“, wie Uwe Kutscher, Bauchef der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kürzlich im Stadtentwicklungsausschuss sagte. Permanent prüfen Fachleute das Bauwerk aus Spannbeton nach Rissen. „Wenn etwas gefunden würde, müssten wir den Bahnbetrieb sofort einstellen“, heißt es.

Bahnhöfe werden barrierefrei

Die gute Nachricht vorneweg: Die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe planen seit langer Zeit den barrierefreien Ausbau und die Instandsetzungen der Bahnhöfe auf dieser Strecke, die Erneuerung der Brücke an der Seidelstraße, die Erneuerung der Gleisanlage in Tegel sowie einen Schienenersatzverkehr (SEV). Und planen so, dass der Verkehr trotzdem fließt.

Der SEV soll alle zwei Minuten kommen und auch nur die Bahnhöfe ansteuern, dafür werden Busspuren beispielsweise auf der Berliner Straße eingerichtet – so der Plan. Ein Chaos, wie im vergangenen Jahr vermutet, wird wohl ausbleiben. Die Arbeiten an der Strecke der U6 werden nicht mit denen an der Autobahn 111 kollidieren, und auch mit der S-Bahn sei man nach Angaben der BVG bezüglich der Baumaßnahmen an der Strecke der S25 im Gespräch.

Bereits um 1900 gab es Pläne für eine Untergrundbahn unter der Friedrichstraße, 1923 wurde der erste Tunnelabschnitt zwischen dem Nordbahnhof und der Seestraße eröffnet. Anfang der 50er-Jahre beschloss der Senat, die U-Bahnlinie von der Haltestelle Seestraße bis nach Alt-Tegel zu verlängern. Am 31. Mai 1958 ist die Strecke zwischen den Haltestellen Kurt-Schumacher-Platz und Alt-Tegel als Dammstrecke in Betrieb gegangen.

Im Wesentlichen wurde mit Ausbaumaterialien gearbeitet, die man beim Bau der U-Bahn in der Müllerstraße aus den Tunneln herausgeholt hat. „Das Sandmaterial wurde mit Lorenbahnen transportiert und dort ausgeschüttet“, erklärt BVG-Bauchef Kutscher. Aber: Die Dammschüttungen sind nicht normgerecht hergestellt worden, die Dämme sind mit 45 Grad zu steil, und das Schüttgut wurde damals nicht ausreichend verdichtet.

Der Damm sackt immer wieder ab, kann aber aufgrund der Konstruktion mit dem Schotter auch wieder anheben. An einigen Stellen seien jedoch bereits eineinhalb Meter aufgefüllt worden. Die Lösung: Dort, wo die Gleise liegen, sollen alle drei Meter circa fünf Meter lange Betonsäulen in den „Bahnkörper“ eingelassen werden, die die Gleisanlage stützen. So werden Lasten aus dem Gleis ins Erdreich geleitet.

Wenn ein, zwei Seile reißen, liegt die Brücke auf der Straße

Damals wurde im Stil der Zeit gebaut. So entstanden auch die Brücken im Spannbeton. Diese Zeit ist allerdings lange vorbei. Zwar werden die Bahnsteige gepflegt und auch regelmäßig angestrichen, bei einem Blick hinter die Kulissen wird aber das ganze Ausmaß sichtbar – durch die Witterungen haben die Konstruktionen ganz schön gelitten: Stahlbauteile sind durchgerostet, Betonkonstruktionen durchfeuchtet, verschoben und teilweise zerstört, Bahnsteigdächer sind undicht oder beschädigt, und Gleisanlagen haben sich im Laufe der Jahre versetzt.

Alle Maßnahmen werden zwischen Mai 2021 und Herbst 2022 umgesetzt. „Wir könnten schon heute mit der Umsetzung der Barrierefreiheit an den Bahnhöfen Holzhauser Straße und Borsigwerke beginnen. Der Bau der Aufzüge ist aber sehr komplex, so dass der U-Bahnbetrieb für mehrere Monate eingestellt werden müsste“, sagt Uwe Kutscher. Die Züge könnten zwar fahren, aber der Bahnhof sei gesperrt, „das macht ja wenig Sinn“.

Das größte Problem dürfte allerdings die sogenannte Seidelstraßenbrücke sein. „Wir bekommen kein Gutachten mehr, dass diese Brücke dauerhaft haltbar ist“, heißt es seitens der BVG. Die Brücke werde durch ein Dutzend Stahlseile zusammengehalten, und ob diese verrostet seien oder nicht, könne niemand sagen.

Situation an der Seidelbrücke ist kritisch

Wovor alle Angst haben: Wenn ein, zwei Seilereißen, gibt es einen Knall, und die Brücke liegt auf der Straße. Die Situation sei kritisch, aber es gebe derzeit keinerlei Anzeichen, die auf ein akutes Versagen hindeuten. Der Neubau wird nicht mehr aus Spannbeton bestehen, die BVG plant eine Stahlkon­struktion mit Stützen in der Fahrbahnmitte der Seidelstraße. Der Abriss der Brücke ist für Juni 2021 terminiert. Dafür muss die Schwarnweberstraße für mehr als zwei Tage voll gesperrt werden.

Ein großes Thema seien die Logistikflächen. Entlang der Strecke seien acht Flächen geplant. Im Bereich der Autobahnabfahrt Seidelstraße am sogenannten Seidelbecken wird eine große Fläche eingerichtet, damit nicht alle der umliegenden Straßen als Lagerfläche genutzt werden müssen.

Im Zuge der Sanierungsarbeiten wird in Zusammenarbeit mit dem Bezirk der Ausgang Alt-Tegel am Busbahnhof deutlich vergrößert, um den Menschenmengen gerecht zu werden. Dafür wird auf jeder Seite eine Rolltreppe installiert. Auch ein Dach soll der Ausgang bei C&A bekommen. Durch die Vergrößerung kann der Ausgang neben dem Kiosk und der öffentlichen Toilette geschlossen werden. Der sei zu wenig frequentiert, sagen BVG und der Bezirk. Ebenfalls muss die Elektrik des Umspannwerks komplett erneuert werden, das sich unter dem Ausgang befindet.

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