Reinickendorf
Reinickendorf-Ost

Letteplatz wird erstes Milieuschutzgebiet in Reinickendorf

Das Bezirksamt richtet rundum den Letteplatz das erste Milieuschutzgebiet ein. Die Entwicklung am Schäfersee wird nur beobachtet.

Die Kieze in Reinickendorf-Ost geraten mehr und mehr in den Fokus von Investoren. Modernisierungen und Mieterhöhungen sind die Folge. Jetzt soll ein Milieuschutzgebiet die Sozialstruktur erhalten

Die Kieze in Reinickendorf-Ost geraten mehr und mehr in den Fokus von Investoren. Modernisierungen und Mieterhöhungen sind die Folge. Jetzt soll ein Milieuschutzgebiet die Sozialstruktur erhalten

Foto: BM

Berlin. Während auf Landesebene darüber diskutiert wird, ob nun auch der Senat sogenannte Milieuschutzgebiete über den Kopf der Bezirke hinweg ausweisen sollte, handelt das Bezirksamt Reinickendorf. Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) gab im Stadtplanungsausschuss den Beschluss der sozialen Erhaltungsverordnung (Milieuschutz) für das Gebiet um den Letteplatz im Ortsteil Reinickendorf-Ost bekannt.


Das Gebiet Letteplatz mit 5672 Wohnungen, gelegen zwischen der Mittelbruchzeile im Norden, Ritterlandweg und Schwyzer Straße im Süden sowie Provinzstraße im Osten und Brienzer Straße und Baseler Straße im Westen (siehe Grafik), wäre dann das erste Milieuschutzgebiet Reinickendorfs – und vorerst auch das letzte. Denn die Gebiete Hausotterplatz und Schäfersee sollen erst einmal nur beobachtet werden. Wenn die Bezirksverordnetenversammlung am nächsten Mittwoch, 12. September, zustimmt, könnte die Verordnung zügig greifen.

Auch Vorkaufsrecht bei Grundstücken

Soziales Erhaltungsrecht ist ein Instrument der Bezirke, die Bevölkerungszusammensetzung bestimmter Gebiete zu erhalten und negative städtebauliche Veränderungen zu verhindern. Im Milieuschutz kann das Amt die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, Luxusmodernisierungen und Zusammenlegungen von Wohnungen untersagen. Auch kann der Bezirk dort ein Vorkaufsrecht bei Grundstücken geltend machen und Abrisse verhindern.

Im Jahr 2017 hatte der Bezirk bereits ein erstes Grobscreening für den gesamten Bezirk veranlasst. Das Ergebnis: Reinickendorf-Ost und Reinickendorf-West sind mögliche Milieuschutzgebiete. Während Reinickendorf-West auf die Beobachtungsliste gesetzt wurde, sollte Reinickendorf-Ost – die Bereiche rund um Teichstraße, Breitkopfbecken, Hausotterplatz, Schäfersee und Letteplatz – genauer untersucht werden.

Zwei Drittel der Wohnungen stammen aus der Gründerzeit

Die Gutachter der Berliner Planungsbüros S.T.E.R.N. GmbH und Argus GmbH untersuchten in Reinickendorf-Ost das Aufwertungspotenzial des Wohnungsbestandes, den vorhandenen Aufwertungsdruck, der bereits erste Gentrifizierungstendenzen anzeigt, und die Verdrängungsgefährdung der Bestandsmieter im Gebiet. Das Ergebnis: Die meisten Wohnungen in den Gebieten sind in privater Hand. „Grundsätzlich ist somit jeder der Bestände aufwertungsfähig“, befanden die Gutachter, „aber der Aufwertungsdruck ist am Letteplatz am höchsten.“

62 Prozent der 5672 Wohnungen um den Letteplatz sind laut Gutachter aus der Gründerzeit (bis 1918). 84 Prozent der Wohnungen befinden sich in Privatbesitz. Besonders die Altbauten werden gern modernisiert, aufgewertet, um dann teurer vermietet zu werden. 32 Prozent der Wohnungen am Letteplatz sind ohne Bad, haben Sammelheizung und weisen gravierende Mängel auf. 29 Prozent des Bestandes wurden schon in Eigentumswohnungen umgewandelt.

Erste Modernisierungs- und Verdrängungstendenzen

Weitere Tendenz: Die Angebotsmieten liegen bereits jetzt bei acht Euro pro Quadratmeter. Beim Teilgebiet Schäfersee sind es nur 7,63 Euro, um den Hausotterplatz 7,80 Euro. Gleichzeitig liegt das durchschnittliche Monatseinkommen in einem Haushalt nahe dem Letteplatz pro Kopf bei 1333 Euro. 20 Prozent der Bewohner leben unterhalb der Armutsgrenze.

Die Letteplatz-Gegend weise hohes Aufwertungspotenzial für Investoren auf, es gebe bereits erste Modernisierungs- und Verdrängungsprozesse, sodass die Gutachter eine Erhaltungssatzung empfehlen und rechtssicher begründen. Das Bezirksamt schloss sich dieser Empfehlung an.

Schäfersee und Hausotterplatz unter Beobachtung

Zu anderen Schlüssen kommen die Experten für das Gebiet Schäfersee westlich der Residenzstraße. Hier seien mehr als die Hälfte der Siedlungsbestände aus den 20er- bis 30er-Jahren. Es gebe zwar Aufwertungspotenzial und Verdrängungsgefährdung, aber noch keine Gentrifizierungstendenzen. Ähnlich fällt das Ergebnis für das Gebiet Hausotterplatz aus: Der Aufwertungsdruck sei „relativ gering“. Ähnlich wie Reinickendorf-West sei die Entwicklung beider Gebiete, die direkt in der Einflugschneise des Flughafens Tegels liegen, aber von dessen Schließung abhängig.

Oppositionsparteien sehen weiteren Handlungsbedarf

Die Linke hält das Gutachten für plausibel. „Ich begrüße jeden Schritt in die richtige Richtung. Dennoch ist es eine politische Frage, ob der Aufwertungsdruck in den zwei Gebieten nicht schon jetzt so groß ist, dass Handlungsbedarf besteht“, gibt Felix Lederle (Linke) zu bedenken. Außerdem werde bei Ausweisung des Gebietes der Druck auf die angrenzenden Gebiete noch höher. Auch die Grünen hätten sich eine Ausweitung des Milieuschutzgebietes gewünscht. „Die anderen Gebiete sind bereits deutlich gefährdet“, sagt Andreas Rietz (Grüne). Ähnlich sieht es Angela Budweg (SPD): „Wir können nicht warten, bis das Kind wie im Ortsteil Tegel in den Brunnen gefallen ist.“

Bezirksbürgermeister Balzer sicherte zu, dies zu beachten und schloss auch ein Gebrauch des Vorkaufsrechtes in einigen Fällen nicht aus: „Wenn die Schließung erfolgt, sind wir in der Lage, kurzfristig auf Datenmaterial zurückzugreifen, zu analysieren und zu handeln.“

Mehr über den Bezirk Reinickendorf lesen Sie hier.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.