Vormittags lieber im Einkaufscenter abhängen statt im Klassenzimmer Mathematikaufgaben lösen: Insgesamt 1404 Schulversäumnisanzeigen mussten im zweiten Schulhalbjahr 2016/2017 in Mitte geschrieben werden. Damit liegt der Bezirk auf dem ersten Platz, gefolgt von Reinickendorf mit 1341 Fällen. Auf dem dritten Platz ist Marzahn-Hellersdorf (1210 Anzeigen), auf dem vierten Neukölln (1005 Anzeigen). Schulversäumnisse müssen angezeigt werden, wenn ein Schüler länger als fünf Tage dem Unterricht unentschuldigt fernbleibt. In der Regel kümmert sich der Bezirk um solche Fälle. Schulamt und Jugendämter nehmen Kontakt zu den Eltern auf. Stellen die sich stur, leitet der Bezirk innerhalb von zwei Wochen nach der Anzeige ein Bußgeldverfahren ein.
„Das Problem der Schulverweigerung nehmen wir in Reinickendorf sehr ernst“, sagt Schulstadtrat Tobias Dollase (parteilos, für CDU). Aber exakte Gründe, warum gerade in Reinickendorf die Zahl an Schulschwänzern im Vergleich zu anderen Bezirken sehr hoch ist, könne er auch nicht nennen. Eine Ursache sehe er darin, dass in Reinickendorf sehr genau darauf geachtet wird, dass jeder Fall genauestens protokolliert wird. „Wir haben Informationen, dass in anderen Bezirken nicht immer darauf gedrängt wird, die dafür zur Verfügung stehenden Fehlzettel detailliert auszufüllen“, sagte Dollase. Die meisten Schulverweigerer werden nach Auskunft des Schulstadtrates aus den Integrierten Sekundarschulen (ISS) gemeldet, gefolgt von den Grundschulen.
Während im zweiten Schulhalbjahr 2015/16 insgesamt 655 Schulversäumnisanzeigen gestellt wurden, sind es im selben Zeitraum 2016/17 bereits 1341 Anzeigen. „Das ist mehr als eine Verdoppelung,“ kritisiert die Mieke Senftleben, Vorsitzende der FDP-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung. Zudem steht der Verdopplung der Schulversäumnisanzeigen auch die Verdopplung der Bußgeldbescheide von 47 auf 82 gegenüber. Bereits vor einem Jahr hätte die FDP-Fraktion das Thema auf die Tagesordnung der Bezirksverordnetenversammlung setzen lassen. „Die vom Stadtrat damals vorgeschlagenen Maßnahmen müssen verstärkt werden, damit sie auch greifen“, sagt Senftleben.
Das Bezirksamt versucht bereits gegenzusteuern. „Gemeinsam mit dem Jugendamt, Schulen, Schulpsychologen und der Schulaufsicht haben wir seit 2015 neue Konzepte gegen Schulverweigerung erarbeitet und erste Maßnahmen erfolgreich umgesetzt“, sagt der Stadtrat. So habe sich insbesondere das Modell der Kleinklassen als Erfolg erwiesen. Zwei Klassen – an der Chamisso-Grundschule und in der Grundschule am Schäfersee – sind seit dem 1. Januar 2018 fest im Schulangebot etabliert.
Aufgrund der guten Erfahrungen hat das Amt zu Beginn des neuen Schuljahres zwei weitere Kleinklassen an der Charlie-Chaplin-Grundschule im Märkischen Viertel mit dem Jugendhilfeträger ALEP e. V. und in der Hermann-Schulz-Grundschule – Region West - mit dem Jugendhilfeträger Elisabethstift geschaffen.
Die Kleinklassen mit bis zu zehn Schülern richten sich an Kinder, die Hilfe brauchen, um den Schulalltag erfolgreich zu bewältigen. Sie fallen oft durch Lernschwierigkeiten, Verweigerung, geringe Motivation oder viele Fehlzeiten auf. Ziel ist es, ihnen mit einem ganzheitlichen Bildungs- und Betreuungsangebot wieder Freude an der Schule zu geben. „Diesen Kindern klebt häufig das Etikett ‚unbeschulbar‘ an, sie ziehen sich zurück und gehen noch seltener zur Schule“, so Dollase. Seiner Überzeugung nach gebe es keine unbeschulbaren Kinder. Deshalb hat er das Projekt Kleinklassen gestartet.
Die FDP-Fraktion hatte nach Auskunft von Mieke Senftleben bereits im vergangenen Jahr vorgeschlagen, zum Beispiel über ein Patenschaftsmodell nachzudenken. Die Paten – ehrenamtlich Engagierte oder ältere Schüler – könnten sich als „erfahrene Freunde“ sehen, die Orientierung geben und helfen, Ursachen für das Schwänzen zu finden und zu beheben. Hierdurch könnte an Schulen, an denen Schwänzen ein ernsthaftes Problem ist, konkret Abhilfe geleistet werden. Doch passiert ist nichts in dieser Hinsicht. „Wir müssen über die enorme Steigerung nachdenken“, sagt Senftleben. Und vor allem darüber, ob das, was bislang unternommen wurde, wirksam sei. Ein Erfolg sei jedenfalls noch nicht messbar.


