Vorfall in Reinickendorf

Mietwagen rast auf Menschengruppe zu - Mieter stellt sich

Passanten in Reinickendorf müssen zur Seite springen, als ein Auto auf sie zurast. Die Behörden rekonstruieren den Vorfall.

Wilhelmsruher Damm, am Freitagabend um 20.10 Uhr in der Nähe des S-Bahnhofs Wittenau. Sieben Menschen warten an einer Bushaltestelle. Plötzlich rast ein schwarzer Mercedes AMG auf sie zu, streift zuvor einen parkenden Bus. Im letzten Moment können sie zur Seite springen, der Wagen aber stoppt nicht. Rammt einen Motorroller, brettert weiter zurück auf die Straße. An einer Durchfahrt im Mittelstreifen wendet er, fährt auch auf der anderen Straßenseite über den Gehweg und verschwindet dann im Dunkeln.

Zeugen notieren sich das Kennzeichen. Als herauskommt, dass der Wagen von einem Marokkaner gemietet wurde, fängt bei der Polizei der Staatsschutz zu ermitteln an – ein Sprecher warnt noch in der Nacht vor voreiligen Schlüssen. Dennoch werden Erinnerungen wach an die jüngsten islamistischen Terroranschläge, als Autos in Menschenmengen rasten oder den Anschlag vom Breitscheidplatz vor knapp einem Jahr. Dabei war ein Attentäter mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren. Zwölf Menschen kamen ums Leben.

Kamerabilder belegen den Unfallvorgang

Noch in der Nacht zu Sonnabend, gegen 2 Uhr, stürmen Spezialeinheiten der Berliner Polizei eine Wohnung in Wedding. Der 35-jährige Mieter des Wagens, der dort wohnen soll, ist nicht zu Hause, die Ermittler fahnden weiter mit Hochdruck nach dem Wagen.

Erst am Sonnabendmorgen, knapp 14 Stunden später, wird klar: Die Irrfahrt des Mercedes in Reinickendorf war höchstwahrscheinlich ein Unfall. Innensenator Andreas Geisel (SPD) sprach am Morgen am Rand des Landesparteitags der Berliner SPD von einem "Verkehrsunfall mit Fahrerflucht". "Die bisherigen Erkenntnisse zum Hergang deuten darauf hin", sagte Geisel am Sonnabend. "Weitere Spekulationen verbieten sich, momentan spricht nicht viel für einen Anschlagsversuch." Noch in der Nacht befragen die Polizisten die Zeugen des Unfalls, außerdem werden die Aufnahmen einer Videokamera ausgewertet. Die Bilder der Kamera und mehrere Zeugenaussagen bestätigen die Theorie, dass es ein Unfall war.

"Aufgrund des außergewöhnlichen Unfallherganges bestand die Möglichkeit eines Anschlags", sagt Polizeisprecher Winfrid Wenzel am Sonnabend der Berliner Morgenpost. Deshalb habe sofort nach dem Vorfall der Staatsschutz übernommen, später seien dann auch die Spezialeinheiten der Direktion 6 des Landeskriminalamts hinzugezogen worden. Ermittlungen im Laufe der Nacht hätten aber ergeben, dass der Mietwagenfahrer lediglich von der Straße abgekommen sein soll, als er offenbar einem anderen wendenden Auto auswich. Laut Zeugenaussagen sei der Fahrer zuvor mit "normalem Tempo" auf dem Wilhelmsruher Damm in Richtung Oranienburger Straße unterwegs gewesen.

Am Sonnabendmittag stellte sich der Mieter des Wagens dann der Polizei. Die Ermittlungen, ob er das Auto tatsächlich gefahren hat, laufen aber weiter. Es sei nach wie vor unklar, ob tatsächlich der Marokkaner während des Unfalls am Steuer gesessen hatte. "Das ist für uns momentan die wichtigste Frage", sagte Wenzel. Noch in der Nacht hatte man deshalb in seiner Wohnung Beweise sichergestellt. Denn derjenige, der am Steuer saß, hat sich strafbar gemacht wegen der Flucht vom Unfallort, da er einen Bus gestreift und einen Motorroller gerammt hatte. "Eigentlich hätte er sich kleinlaut bei der Polizei melden müssen, stattdessen ist er abgehauen", sagte Wenzel. Übliche Fluchtursachen seien Alkohol oder Drogen am Steuer. "Der Fahrer hat eine Straftat begangen, indem er sich vom Unfallort entfernt hat", ergänzte er.

Die Polizei fahndet deswegen nach wie vor nach dem Wagen. Der Polizeisprecher appellierte an die Berliner, sich bei der Polizei zu melden, falls sie einen schwarzen Mercedes AMG mit Hamburger Kennzeichen sähen. Der Mercedes sei in Berlin gemietet worden – die Verleihfirma nutze lediglich Hamburger Kennzeichen für ihre Autos; so beispielsweise die Firma Europcar. Die Polizei hofft, dass sich der Wagen noch auffinden lässt, um den Hergang endgültig klären zu können. Die Erfahrung zeige aber, dass "Fluchtwagen oft nicht in einem Zustand aufgefunden werden, dass noch Spuren gesichert werden können". Womöglich kann der Mieter des Wagen nun jedoch zur Aufklärung beitragen.

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