Familien, Senioren und Menschen, die ihren freien Tag am Tegeler See verbringen möchten, schlendern gemütlich auf der Greenwichpromenade an den Ständen des Hafenfestes vorbei, essen etwas und schauen den Kindern beim Spielen zu. Doch irgendetwas ist anders. Es ist viel ruhiger. „Das ist uns auch schon aufgefallen. Hier wird nirgends Musik gespielt“, sagt Carsten Sauer, der mit Partnerin Charlotte Lamersweiler und Tochter Aurora gekommen ist. Die Familie freut sich über 10 Tage Hafenfest und ist extra in der Woche gekommen, weil es dann wesentlich entspannter ist, wie sie sagen. „Am Wochenende ist es mit Kind einfach zu voll“, sagt Sauer. „Wenn dann auch noch Musik gespielt werden würde, wäre es optimal.“ Selbst seine zweijährige Tochter merke die fehlenden Melodien.
So geht es vielen Menschen, die unter der Woche auf dem Hafenfest sind. Marina Preisner reicht der Akkordeonspieler vor der großen Bühne nicht. „Ich bin gerne auf dem Fest, aber ohne Musik ist es traurig hier“, sagt sie. Auch die Händler schauen betrübt drein. Diana Fischer, Betreiberin des Standes Eiszauber, langweilt sich sogar. „Der Stand ist nur ein paar Meter von der Bühne entfernt. Selbst, wenn jemand auftritt, höre ich hier nichts.“ Ein Radio darf laut Ordnungsamt an keiner Bude angemacht werden. Und so bleibt es, bis auf die Stimmen der Besucher, leise.
Carsten Löppen, Verkäufer am Riesenbratwurststand, befürchtet aufgrund der Auflagen und gestrichenen Feuerwerke sogar Umsatzeinbußen. „Die Musikuntermalung fehlt“, sagt Löppen. „Die Leute kommen zwar an meinem Stand vorbei, sie bleiben aber nicht stehen.“ Für ihn liegt es an der fehlenden Musik.
Unter der Woche: keine laute Musik auf dem Hafenfest
Doch etwas an der Situation ändern können die Veranstalter Henry Arzig und Olaf Schenk nicht. Der Grund: Das Gericht hat entschieden, dass nicht mehr als 55 Dezibel bei den Wohnhäusern ankommen dürfen. Deshalb lautet die Konsequenz: unter der Woche keine Musik auf der Hauptbühne, unter der Woche keine Musik in den Buden und auch das Karussell dreht sich ohne die typischen Jingles. Nur ein Seemann singt mit seinem Akkordeon Seemannslieder und Shanties. Selbst die Kühlaggregate müssen zwischen 13 und 15 Uhr ausgeschaltet sein – das hat aber keine negativen Auswirkungen auf die Lebensmittel, versichert der Veranstalter. „Das waren entweder ein bereits festgelegter Bescheid seitens der Behörden oder gesetzliche Vorgaben“, sagt ein Sprecher der Initiative Hafenfest 2017. Damit möchte er deutlich machen, dass die Initiative nichts damit zu tun hat. Er merke aber auch, dass es ohne die Musik wesentlich leiser und deshalb auszuhalten sei.
Etwas zu bemängeln gebe es dennoch: Am ersten Sonntag des Festes seien die Auflagen, innerhalb von fünf Stunden nur in maximal drei Stunden Musik zu spielen, nicht eingehalten worden. „Das waren gefühlt wesentlich mehr als die vorgeschriebenen 55 Dezibel“, sagt der Sprecher. Olaf Schenk hält klar dagegen. „Wir haben gar keine Chance, die Musik lauter zu machen“, betont er und zeigt den Tonregler, den ein Sachverständiger versiegelt hat. Olaf Schenk spricht aus Erfahrung, denn er selbst tritt mit seinem Gesangspartner Hans Orendt als „Olaf und Hans“ auf dem Hafenfest auf. „Vor der Hauptbühne standen locker 300 Menschen, von denen 299 die Musik aufdrehen wollten.“ Aber das geht ja eben nicht. „Es war schon komisch, so leise“, resümiert Olaf Schenk.
Kinderschminken und Zirkustraining

Trotzdem genießen einige Gäste den Wochentag am Tegeler Hafenfest. Familien schieben Kinderwagen über die Wege. Ein paar Meter vom Haupteingang klettern zwei Kinder eine aufgeblasene Rutsche hoch. Nebenan springt ein Mädchen Trampolin. Im Süden der Greenwichpromenade gastiert der Kinderzirkus Vegas aus Spandau. „Mama, ich kann balancieren!“ An der Hand von Zirkusdirektor Marcel Dongowski steht Moritz (7) auf einem Gummiballon, setzt einen Fuß vor den anderen. Der Ballon rollt in Schrittgeschwindigkeit über den Rasen. Nebenan lässt sich Schwester Johanna (4) am Stand vom Zirkus Vegas als Meeresprinzessin mit blauer Wasserfarbe schminken. Mutter Constanze Spiess lässt einen Hula Hoop-Reifen dreimal, viermal um die Hüften kreisen. Mit ihren zwei Kindern ist sie in diesen Tagen zu Besuch bei Verwandten in Glienicke. Eben aus Dubai angereist. „Meine Schwester singt hier am Sonnabend für die Band ‚Die Klienten‘“, sagt sie. „Da wollte ich tagsüber auch mit meinen Kindern über das Fest spazieren.“
Senioren genießen das Fest
An den Bänken im Eingangsbereich des Festgeländes sitzen zwei Dutzend Senioren. An den Tischen gibt es Kuchen, organisiert vom Bezirksverordneten Norbert Raeder (parteilos, für CDU), Inhaber der Kneipe Kastanienwädchen in Tegel. Einige Gäste kamen vom Renafan-Seniorenheim in der Schlossstraße, begleitet von Pflegekräften. Unter ihnen auch Erika Borm (87). Im Sommer spaziert sie oft zum Tegeler See. „Hier am See ist es angenehm für mich“, sagt sie. „Da laufe ich auch alleine hin.“
Am Wochenende wird auf den Bühnen auch musikalisches Programm geboten, darunter die Partyband „Roof Garden“ auf der Hauptbühne (19.00-22.55 Uhr). Am Kanonenplatz gibt es zur gleichen Zeit Rock’n’Roll und Dancemusic. Am Sonntag findet von 15.00-20.00 Uhr eine Hafenfest-Schlager-Gala auf der Hauptbühne statt, zum Beispiel mit Annemarie Eilfeld, Olaf & Hans und Flashback aus Berlin.
Noch ist unbekannt, ob die Händler Verlust oder Gewinn gemacht haben. In den nächsten Wochen wird laut Veranstaltern ein Resümee gezogen.


