Reinickendorf
Stadtgeschichte

Elf Geheimnisse über den Berliner Norden

Warum Frohnau aussieht wie Zehlendorf und wieso es in Hermsdorf ein Kurhaus gab:Elf Dinge, die sie über den Berliner Norden noch nicht wussten.

Kurhaus in Hermsdorf: Vor mehr als hundert Jahren sprudelte in dem Dorf, das heute ein Ortsteil Berlins ist, eine Heilquelle

Kurhaus in Hermsdorf: Vor mehr als hundert Jahren sprudelte in dem Dorf, das heute ein Ortsteil Berlins ist, eine Heilquelle

Foto: Verlag Pharus-Plan/Andreas Jüttemann

Frohnau und Zehlendorf sind für ihre Bewohner viel weiter voneinander entfernt als die gut 20 Kilometer Luftlinie, die tatsächlich zwischen ihnen liegen. Der Ortsteil Frohnau sei ihm jahrelang nur als Endstation der S-Bahnlinie 1 bekannt gewesen, schreibt der Zehlendorfer Andreas Jüttemann. Bis er doch mal in den nördlichsten Ortsteil Reinickendorfs kam und feststellte: Sieht ja aus wie zu Hause! Ebenso wie Frohnau wurde auch die Villenkolonie rund um den Mexikoplatz von der Baugesellschaft BTC angelegt, viele Häuser stammen von denselben Architekten.

Für den Stadthistoriker Andreas Jüttemann war der Besuch im Norden Berlins Anlass, sich mit der Geschichte Frohnaus und Hermsdorfs zu beschäftigen – und darüber zu schreiben. Nach seinen Büchern über Nikolassee, Westend oder Schmargendorf stellt er jetzt seine Spaziergänge durch Hermsdorf und Frohnau vor: Wege durch die beiden Ortsteile, mit Blick auf die Geschichte, die Architektur und die Menschen, die sie prägten. Was er dabei entdeckt hat, dürfte manchmal auch Alteingesessene überraschen. Elf Ergebnisse seiner Recherchen stellen wir vor:

Ein Preisausschreiben entschied den Namen

  1. Die ersten Neusiedler mussten mit Steuervorteilen gelockt werden: Wer vor mehr als 100 Jahren in eines der neugebauten Häuser der Gartenstadt zog, zahlte keine Kommunal- und Umsatzsteuer. Die nördlichen und östlichen Stadtränder galten nicht als erstrebenswerte Wohnlage – man fürchtete die von West- und Südwinden aus der Stadt getriebenen Industrieabgase. Zwischen 7 und 17 Mark pro Quadratmeter zahlten Privatleute, die hier ein Grundstück kauften.

  2. Ein Preisausschreiben entschied über den Namen Frohnaus: Die Baugesellschaft BTC suchte auf diesem Weg nach einem Namen für die neue Villenkolonie. Die Kurzform von „Frohe Aue“ gefiel vor allem dem Grundbesitzer Guido Henckel von Donnersmarck. Auch der Kaiser war einverstanden, so entstand der Gutsbezirk Frohnau-Glienicke.

  3. Aus der Straße 82 wurde 1930 der Katzensteg. Mit Katzen allerdings hat der Straßenname nichts zu tun, Namensgeber war Hermann Sudermanns Roman, in dem ein Katzensteg zum Symbol für Verrat wird: Über die Katzenleiter verschafft ein Baron französischen Soldaten während der Befreiungskriege Zugang zu einer von preußischen Soldaten gehaltenen Burganlage.

  4. An der Stelle des Buddhistischen Hauses in Frohnau sollte eigentlich eine Kirche stehen – auf der höchsten Erhebung Frohnaus. Aus Sorge, die vielen Stufen könnten Kirchgänger abschrecken, entschied man sich gegen einen Kirchenbau auf dem Sandberg. Gebaut wurde schließlich am Zeltinger Platz.

  5. Die 73 unebenen Stufen, die zum Buddhistischen Haus hinauf führen, sind auf acht Ebenen unterbrochen, ein Hinweis „auf den achtfachen Pfad ­Buddhas zur Erlösung vom Leid der Vergänglichkeit“, schreibt Jüttemann. Gründer war der Naturheilkundler Paul Dahlke, der eigentlich ein buddhistisches Kloster auf Sylt errichten wollte – sich aber wegen der erwarteten Besucherströme auf der Insel für den ruhigen Vorort Berlins entschied.

  6. Die heutige Langohrzeile in Frohnau hieß bis 1961 Hasensprung. Wegen der Verwechslungsgefahr – auch andere West-Berliner Straßen trugen diesen Namen – wurde sie umbenannt. Immerhin blieb der Hasenbezug erhalten.

  7. Der Casinoturm ist das Wahrzeichen Frohnaus. Gebaut wurde er als Wasserturm, benannt nach dem Casino – einem Restaurant mit Bar – im Haus daneben. Von 1919 bis 1921 und von 1967 bis 2011 konnten die Frohnauer und andere Gäste dort essen. In den 20er-Jahren besuchten sie das Gebäude vermutlich nicht ganz so gern: Von 1921 bis 1928 war darin das Frohnauer Polizeirevier untergebracht.

  8. Einen Sportboothafen sollte Frohnau eigentlich auch noch bekommen, um die neue Gartenstadt attraktiver zu machen. Weil die Havel allerdings ein paar Kilometer vom Standort der erhofften Anlegeplätze am Sigismundkorso entfernt lag, plante die Baugesellschaft BTC einen Stichkanal, über den sie auch gleich das Baumaterial für die neuen Häuser nach Frohnau bringen wollte. Der Plan wurde nicht umgesetzt – Kanal und Hafen waren zu teuer.

  9. Einer der berühmtesten Bewohner Hermsdorfs war in der Parkstraße 3a zu Hause: Erich Kästner, seine Freundin Friedel Siebert und Sohn Thomas lebten in den 60er-Jahren in dem Haus mit Blick auf den Waldsee, der Schriftsteller schrieb hier „Der kleine Mann und die kleine Miss“.

  10. Am Georg-Herwegh-Gymnasium in Hermsdorf gehörte 1981 auch der Schüler Jan Vetter zu den Abiturienten. Als Farin Urlaub war er ein Jahr später Gründungsmitglied der Band „Die Ärzte“.

  11. Der Gutsbesitzer Leopold Lessing ließ ab 1889 in Hermsdorf nach einer Heilquelle bohren, um Kurgäste in das Dorf zu locken. Thermalwasser gab es nicht, aber immerhin war das Grundwasser leicht salzhaltig. In den Jahren danach entwickelte sich Hermsdorf zu einem „aufstrebenden Kurort“, schreibt Jüttemann – bis die Quelle versiegte. Das Kurhaus wurde später als Klinik genutzt.

Andreas Jüttemann: Berlin-Frohnau und Hermsdorf, Spaziergänge mit Entdeckungen bis ins Mühlenbecker Land und nach Wandlitz, Verlag Pharus-Plan, 9,80 Euro