Es war in der Nacht zum 3. Januar gegen 23.20 Uhr, als Hund Chewbaker, genannt Chewy, aufgeregt an der Tür kratzte und die dreiköpfige Familie Jung dadurch rettete. Zu diesem Zeitpunkt schlugen die Flammen schon sehr hoch. Beißender Rauch kroch aus dem Erdgeschoss des Reihenhauses am Steilpfad im Reinickendorfer Ortsteil Tegel. Unerträglich heiß war es, der Rauch brannte in den Augen. Es gab kaum Luft zum Atmen.

„Mir war sofort klar, dass wir hier raus müssen, sofort“, erinnert sich Mutter Kerstin Jung an die Schreckensnacht. Sie konnte noch aus der Wohnungstür flüchten, aber ihren Kindern, der 14-jährigen Lena und dem 17-jährigen Moritz, war der Weg abgeschnitten. Ein Sprung aus dem Fenster des ersten Stocks rettete beiden das Leben. „Lena traute sich nicht zu springen, tat es aber schließlich doch“, sagt Kerstin Jung der Berliner Morgenpost.

„Wir waren erst wütend, dass der Hund solch einen Krach macht“, erzählt die 14-jährige Lena. „Aber dann begriff ich schnell, dass etwas nicht stimmen kann. Ich schrie und wollte nach unten ins Erdgeschoss, aber der Rauch war schon so dicht, nahm mir die Luft zum Atmen.“ So war das Fenster im Obergeschoss der einzige rettende Ausweg. Sie hangelte sich hinaus, trat auf die Fensterläden im Erdgeschoss und sprang den helfenden Nachbarn quasi in die Arme.

Nachbarn alarmieren die Feuerwehr

„Das Schlimmste war, dass ich die Feuerwehr nicht rufen konnte, denn das Telefon war schon in den Flammen verschwunden“, sagt die 45 Jahre alte Kerstin Jung. Aber die Alarmierung der Feuerwehr hatten bereits zahlreiche wachsame Nachbarn der Siedlung „Freie Scholle“ übernommen. Kurz entschlossen holte sich Kerstin Jung den Gartenschlauch und versuchte, das Feuer in der Küche durch das Fenster hindurch zu löschen. Vergebens. Die Flammen waren stärker. So musste die Familie mit ansehen, wie das Feuer nach und nach ihr Hab und Gut vernichtete. Ob Handy oder Fotos, Bücher oder Kleidung – alles wurde von den meterhohen Flammen verschlungen.

Die Feuerwehr erschien etwa 15 Minuten nachdem sich die Familie aus dem Haus retten konnte und löschte von drei Seiten. Dennoch ist das Gebäude vorerst unbegehbar, denn die Decke zum ersten Stock brach ein. Am heutigen Montag hofft Frau Jung auf erste Gutachten über den Zustand im Innern des Hauses.

Vollkommen schwarz vom Ruß wurde die Familie per Krankenwagen ins Vivantes Humboldt-Klinikum in Borsigwalde gebracht. Kerstin Jung hatte Glassplitter in den Füßen und eine Rauchgasvergiftung, alle drei standen unter Schock. „Das Einzige, was uns geblieben ist, sind die Schlafanzüge, die wir trugen“, sagt die 45-Jährige. Nicht nur die Kleidung, sondern auch Papiere, Fotos und Möbel fielen den Flammen zum Opfer. Das neue Klavier, das Tochter Lena zu Weihnachten bekam, der Computer ihres Bruders, Kleidung, Handys, Bücher – nichts ist ihnen geblieben. „Besonders schlimm ist es für mich, dass Erinnerungsstücke wie Fotos oder Filme nun für immer weg sind“, sagt Kerstin Jung. Aber auch Papiere wie Zeugnisse und andere wichtige Dokumente sind unwiderruflich verschwunden.

Auch eine der zwei Katzen und drei Kornnattern im Terrarium haben das Feuer nicht überlebt.

Derzeit ist die Familie bei der Mutter von Kerstin Jung untergebracht. Doch Zeit zum Verzagen und Verzweifeln hat sie nicht. Schließlich gibt es viel zu tun – angefangen von Benachrichtigung der Versicherung bis hin zu Behördengängen für neue Ausweise und Pässe. „Wir sehen das Unglück positiv, sind heilfroh, dass wir alle noch am Leben sind. Das haben wir Hund Chewy zu verdanken. Er hat uns gerettet“, sagt Kerstin Jung. „Hätte er uns nicht gewarnt, wären wir womöglich nicht mehr alle hinausgekommen.“

Neben Kleiderspenden von Nachbarn können die Familie Jung auch auf Hilfe von ihrem Vermieter, der Baugenossenschaft „Freie Scholle“, hoffen: „Die Genossenschaft ist sehr hilfsbereit und möchte uns eine Gästewohnung zur Verfügung stellen“, sagt die 45-Jährige. „Dann haben wir erst einmal ein Dach über dem Kopf.“