„Von unten sah es viel höher aus.“ Mit diesen Worten kommentiert Julia Schneider ihren Ausflug auf 164 Meter Höhe. Die grüne Bundestagsabgeordnete kletterte in dieser Woche gemeinsam mit Parteikollegin und Pankower Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch auf ein Windrad an der brandenburgischen Grenze.

Donnerstag
Mein Pankow-Newsletter
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter zu Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Nicht ohne Grund: Gut zwei Monate vor der Wahl wollen die Politikerinnen öffentlichkeitswirksam ihr Vorhaben bekräftigen, weitere Windräder im Bezirk zu bauen. Die sollen nicht nur Strom erzeugen, sondern auch ordentlich Geld in die Kassen spülen. Denn Pankow verpachtet als erster Bezirk in Berlin Land an Windradbetreiber – und will durch weitere Windräder die Bezirkskasse aufbessern.
Der Senat hat seine Pläne zur Windenergie noch nicht besiegelt. Doch Pankow will jetzt Nägel mit Köpfen machen.
Auch interessant
Sechs Windräder in Pankow liefern Ökostrom
Bis heute ist Pankow der einzige Berliner Bezirk mit Windrädern. 2008 wurde das erste eingeweiht, mittlerweile sorgen sechs für grünen Ökostrom. Vier befinden sich auf Privatgrundstücken nahe des Autobahndreiecks Pankow, zwei stehen auf landeseigenen Flächen nahe des Zubringers zum Autobahndreieck Barnim. Rechnerisch können knapp 10.000 Zwei-Personen-Haushalte damit versorgt werden.
Doch der Gesetzgeber verlangt mehr. 2022 hatte die Ampel-Regierung ein Gesetz eingeführt, das den Ausbau von Windenergie vorantreiben soll. Demnach müssen alle Bundesländer einen Teil ihrer Flächen als Windenergiegebiete ausweisen. Für Berlin sind das 446 Hektar bis 2032.
Die Bausenatsverwaltung will bis Ende 2027 festlegen, welche Flächen infrage kommen. Bereits 2024 gab es Analysen dazu. Zuletzt wurden acht Standorte in den Fokus genommen, drei davon in Pankow: Blankenfelde/Arkenberge, Buchholz Nord und der Landschaftsraum Wartenberg/Falkenberg an der Grenze zu Lichtenberg.

Sollten diese Flächen final festgelegt werden, bedeutet das nicht, dass dort automatisch Windräder genehmigt werden. „Sondern da kann immer noch festgestellt werden, dass man das leider nicht realisieren kann“, sagte Bausenator Christian Gaebler (SPD) gegenüber der „Abendschau“. „Wenn wir aber dieses Verfahren nicht machen würden, wäre laut Bundesgesetz ganz Berlin auf einmal eine geeignete Fläche. Und das wollen wir ja alle nicht.“ Für Investoren heißt die Ausweisung der Flächen also lediglich, dass sie einen Antrag stellen könnten.
Bis Ende 2027 soll Klarheit herrschen, wo künftig Windräder stehen dürfen und wo nicht. Doch Pankow möchte darauf nicht länger warten.
Bezirk will Windräder in Buchholz-Nord bauen
„Der Bezirk Pankow wartet nicht auf eine Landesinitiative, sondern geht den bezirklichen Weg weiter“, schreibt Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch auf Morgenpost-Anfrage. Bereits im Februar fasste das Bezirksamt den Beschluss, im Gewerbegebiet Buchholz-Nord bis zu vier Windräder zu bauen.
Auch interessant
Schon jetzt verdient Pankow an der Windkraft. Die zwei Windräder nahe Malchow liegen auf landeseigenen Grundstücken im Vermögen des Straßen- und Grünflächenamtes (SGA). Jährlich nimmt das SGA Pankow damit 65.000 Euro ein. Hinzu kommt eine variable Gewinnbeteiligung aus der Einspeisung des Stroms.
Bei neuen Windrädern soll sogar noch mehr drin sein. Das Bezirksamt rechnet pro Windrad mit möglichen jährlichen Pachteinnahmen im sechsstelligen Bereich.
Stadtwerke sollen Windkraftanlagen bauen und betreiben
Unterstützung gibt es von der Bundesparteiebene. Die Pankower Abgeordnete Julia Schneider sieht in den Plänen einen doppelten Nutzen: „Zum einen leisten wir einen konkreten Beitrag zur Energiewende vor Ort. Zum anderen profitiert der Bezirk durch die Pachteinnahmen finanziell.“
Bereits im September 2025 gab es Gespräche zwischen Koch und den Berliner Stadtwerken. Diskutiert wurde eine „zeitnahe Realisierung einzelner Windkraftanlagen“, heißt es in einem Bericht des Bezirksamtes. Die Verpachtung von bezirklichen Flächen an die Stadtwerke soll laut Beschluss „so bald als vertraglich möglich“ stattfinden.

Die Stadtwerke sollen Bau und Betrieb der Windräder in Buchholz-Nord übernehmen. Ortsansässige Unternehmen sollen dabei unterstützen. Auf Morgenpost-Anfrage schreibt Koch, dass derzeit ein Ausschreibungsverfahren vorbereitet werde.
Alle anderen Potenzialflächen der Senatsstudie kämen nach Ansicht des Bezirksamtes nicht in Betracht. Ebenso sehen es Naturschützer von NABU und BUND. Die Flächen liegen teils in Landschaftsschutzgebieten oder im Wald. Wälder zu roden, um Windräder aufzustellen, halten sie nicht für sinnvoll.
Ein Windrad könnte in Bürgerhand landen
Was in Berlin noch ein Novum ist, ist in anderen Bundesländern bereits Praxis. Die Gemeinde Simmerath in der Eifel verpachtet ihr Land für 22 Windräder. Jedes Jahr fließen dadurch zwei Millionen Euro in den Haushalt. Neben der Pacht nimmt die Gemeinde Gewerbesteuer von den Betreibern ein. Außerdem ist sie am Gewinn beteiligt und bekommt 0,2 Cent pro Kilowattstunde.
Für die Sanierung der Pankower Bezirkskasse könnte sich das Konzept als wahrer Geldsegen herausstellen. Pankow schloss das Jahr 2025 mit einem Defizit von 3,5 Millionen Euro ab. Die Gesamtverschuldung beträgt 23,2 Millionen.
Die Pläne der Bürgermeisterin beinhalten auch sogenannte „Bürgerwindenergie“. Ein Windrad soll von Bürgern selbst finanziert werden. Sie können Kleinstbeträge investieren und an der Windenergie mitverdienen. Für solche Bürgerenergiegesellschaften braucht es mindestens 50 Personen.
Auch interessant
Flächennutzungsplan entscheidet 2027 über Genehmigungen
Auch wenn der Senat erst bis Ende 2027 die Flächen für Windenergie festlegen will – warten muss Pankow darauf nicht. Einzelne Standorte können schon jetzt genehmigt werden. „Dem Bezirk Pankow steht es frei, seine bezirkseigenen Flächen zu verpachten. Dafür bedarf es keines Senatsbeschlusses“, schreibt die Wirtschaftssenatsverwaltung auf Anfrage. Die Einnahmen aus der Verpachtung dürften vollständig beim Bezirk verbleiben.
Trotzdem sind die Änderungen des Senats am Flächennutzungsplan nicht irrelevant für den Bezirk. Der Plan entscheidet über die Genehmigung größerer Windenergieparks. Solange die Änderungen noch nicht beschlossen sind, können einzelne Windkraftanlagen zugelassen werden. Sobald die Änderungen beschlossen sind – also voraussichtlich 2027 –, ist der Bau von Windrädern außerhalb der dann festgelegten Gebiete „nahezu ausgeschlossen“, so ein Sprecher der Wirtschaftssenatsverwaltung.
Sollte es bis Ende 2027 keine Einigung geben, richtet sich die Genehmigungsfähigkeit ab 2028 nach dem Baugesetzbuch. Ist ein Windrad dann erstmal beantragt, kann ein Flächennutzungsplan dem nichts mehr entgegensetzen. In allen Fällen benötigt ein Windrad aber eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz.
Laut NABU sollte Pankow nicht vor 2027 mit dem Ausbau starten: „Bis dahin müsste der Bezirk unserer Meinung nach warten, da ja noch nicht feststeht, welche Flächen Windeignungsgebiet werden.“
EEG-Novelle notwendig für Förderung
Die Grünen sehen Pankow als Vorreiter. „Während Pankow die Energiewende konkret voranbringt, trödelt die Bundesregierung und riskiert den Ausbau der Erneuerbaren Energien“, so Schneider. Zum Jahresende läuft das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus. Bis dahin muss Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine Novelle vorlegen und die EU-Genehmigung einholen. Kommt die Neuregelung nicht rechtzeitig, dürfen neue Anlagen zwar in Betrieb genommen, aber nicht gesetzlich gefördert werden.








