Die Wände strahlen in sattem Weinrot. Die tiefen Sessel laden dazu ein, darin zu versinken. Gedämpftes Licht hüllt den Saal in eine intime Atmosphäre. Und doch werden die kommenden Minuten rein gar nichts mit einer Kinovorstellung zu tun haben.

Donnerstag

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Das Filmtheater Colosseum im Gleimviertel von Prenzlauer Berg bietet am Montag ein ungewohntes Bild. In Kinosaal 10 steht ein einzelnes Rednerpult zentral auf der Bühne. Darüber erhebt sich die Leinwand – ein strahlender Schriftzug darauf: „Café Kyiv“.

Kurz vor 11 Uhr betritt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) diese Bühne.

Vier Jahre Krieg: Friedrich Merz bei „Café Kyiv“

Zum vierten Mal findet das „Café Kyiv“ statt. Wie alljährlich, seitdem Russland 2022 die Ukraine angegriffen hat und Krieg gegen den Nachbarstaat führt. Ausgerichtet wird die Veranstaltung von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Solidarität mit der Ukraine ist das Programm des „Café Kyiv“. Merz spricht in seiner Rede von „vier monströsen Kriegsjahren“. Mit Nachdruck hebt er die Zahl hervor, die für zahllose Schicksale steht. „Unzählige Menschen, die in diesen vier Kriegsjahren getötet, verletzt oder traumatisiert wurden“, betont der Kanzler.

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Merz über ambivalente Haltung und historische Perspektiven

Städte seien dem Erdboden gleichgemacht worden. Russland würde keine Rücksicht nehmen. Gleichgültig führe Putin diesen Krieg, so Merz.

„Lassen Sie mich ein Wort zu Russland sagen, meine Damen und Herren“, äußert Merz inmitten seiner Rede. In „unserem Land“ – Deutschland – gebe es oft eine ambivalente Haltung gegenüber Russland. Diese Haltung sei aber keineswegs neu.

Als Nächstes verweist Merz deswegen auf Astolphe de Custine (1790–1857), einen französischen Intellektuellen und Russlandreisenden. In seinem Werk sei ein bemerkenswerter Satz zu finden, findet der Kanzler: „Russland ist in unseren Tagen für den Beobachter das merkwürdigste Land, weil man in ihm die tiefste Barbarei neben der höchsten Zivilisation findet.“

In vielen Bereichen – künstlerisch, musikalisch, literarisch – von höchster Zivilisation geprägt, befinde sich Russland derzeit trotzdem am Tiefpunkt. Am Tiefpunkt der „tiefsten Barbarei“.

„Niemand kann einen Zweifel daran haben, mit welchem Regime und mit welcher Barbarei wir es in diesen Jahren aus Russland heraus zu tun haben“, stellt Merz fest. Er erntet Applaus. Auch von Oleksii Makeiev, dem Botschafter der Ukraine.

Café Kyiv: Friedrich Merz zu Besuch im Colosseum
Friedrich Merz begrüßt Oleksii Makeiev, den ukrainischen Botschafter, im Kinosaal des Colosseum.© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Ein Kino mit Geschichte: Das Colosseum als lebendige Plattform für Events und Politik

Denkwürdige Worte in einer ungewöhnlichen Umgebung. Denn der Kanzler spricht nach wie vor in einem Kinosaal, während die Anwesenden tief in ihren Sesseln versunken lauschen. „Es ist nicht einfach nur ein Kino“, erklärt David Boldt, einer der drei Geschäftsführer der Colosseum Event Berlin GmbH, die das Haus seit gut zwei Jahren betreibt.

David Boldt / Colosseum
„Warum etwas abreißen, wenn man daraus etwas Neues machen kann?“, dachten sich David Boldt und seine Geschäftspartner und modernisierten das Filmtheater. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Seit mehr als 100 Jahren ist das Colosseum in Prenzlauer Berg bereits eine Institution im Bezirk. Allein 2025 fanden hier 256 Veranstaltungen statt, zusätzlich zum Kinobetrieb.

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Nachdem das frühere Cineplex-Kino 2020 wegen Insolvenz geschlossen wurde, verhalfen die neuen Betreiber dem Ort ab 2023 zu neuem Glanz. Vieles, wie die gemütlichen Stoffbezüge an den Wänden, blieb erhalten. Aber das Kinoprogramm wurde um abwechslungsreiche Events erweitert. In diesem Jahr organisierte das Team erstmals Berlinale-Premieren – und nun auch schon zum zweiten Mal das „Café Kyiv“, das vorher auch schon in der Urania und im Café Moskau stattfand.