Das Thema Abtreibung hat zuletzt durch den US-Wahlkampf eine medial herausragende Rolle gespielt. Nun bringt es die Grünen-Fraktion Pankow auf Bezirksebene – mit dem Zeug für eine überregionale Debatte. Sie will, dass das Bezirksamt prüft, inwieweit im Gesundheitsamt die Möglichkeit geschaffen werden kann, medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche anzubieten. Ein Antrag dazu soll am Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow diskutiert werden.

Donnerstag

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Das Vorhaben sei eine Reaktion darauf, dass sich immer wieder Abtreibungsgegner vor solchen Praxen versammeln würden, die Abbrüche anbieten, heißt es seitens der Fraktion. Diese führe dazu, dass viele Ärzte Abtreibungen gar nicht erst anböten oder aber das Angebot nicht bewerben möchten.

Im Gesundheitsamt würden bereits Praxisräume für andere medizinische Angebote in bestimmten Zeitfenstern zur Verfügung gestellt, argumentiert die Grünen-Fraktion. Gynäkologen und neu ausgebildetes Pflegeperson sollten daher die Möglichkeit erhalten, dort auch Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen und damit die Angebotslage zu erweitern.

Pankow: Abtreibungen „ohne Belästigungen oder Anfeindungen“

„Frauen sollten frei und sicher abtreiben können, ohne sich Belästigungen oder Anfeindungen aussetzen zu müssen”, erklärt Can Aru, Mitinitiator des Antrags. Mit den in Gesundheitsämtern vorhandenen Praxisräumen für ärztliche Behandlungen „schaffen wir einen sicheren Ort für Frauen und unterstützen Ärzt*innen und Fachpersonal, die Abtreibungen durchführen“, so Aru weiter.

Der Bundesverband Lebensrecht weist auf Morgenpost-Anfrage darauf hin, dass es in Berlin aktuell 135 gemeldete Abtreibungseinrichtungen gibt und damit bundesweit die zweitmeisten nach Nordrhein-Westfalen. Was fehle, seien gute Beratungsstellen, die Frauen im Schwangerschaftskonflikt ernst nehmen und auch zum Schutz des ungeborenen Kindes beraten.

Es sei „im Interesse der Mütter und der Kinder viel eher die Menge und dann vor allem auch die Qualität der Schwangerenberatungsstellen zu prüfen, als noch mehr Abtreibung anzubieten“, so der Verband. Zudem weist er auf die gesundheitlichen Gefahren hin. So sei die Wahrscheinlichkeit, nach einer chemischen Abtreibung in die Notaufnahme zu müssen, laut Studien deutlich höher als bei einer operativen Abtreibung.

Berlin, Marsch für das Leben Deutschland, Berlin - 21/09/2019: Im Bild ist ein Transparent von Gegendemonstrant*innen i
Der Bundesverband Lebensrecht veranstaltet jährlich den Marsch für das Leben , unter anderem gegen Schwangerschaftsabbrüche. Hier ist das Transparent von Gegendemonstranten im Jahr 2019 zu sehen: eine wütende Vulva.© IMAGO | IMAGO stock

Berlin: Die meisten Schwangerschaftsabbrüche medikamentös

Im Jahr 2022 war das Werbeverbot für Abtreibungen in Deutschland abgeschafft worden. Grundsätzlich strafbar ist der Abbruch immer noch, bis zur zwölften Woche nach der Empfängnis aber straffrei. Ein medikamentöser Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland bis zur neunten Schwangerschaftswoche möglich und findet ambulant in einer Klinik, Arztpraxis oder zu Hause statt und ist nur nach Voruntersuchung und Beratung möglich. Die Patientin erhält eine Tablette, die die Entwicklung des Embryos unterbricht, und eine weitere, die zum Abstoßen von Gebärmutterschleimhaut und Embryo führt.

Die Kosten beginnen bei etwa 300 Euro. In bestimmten Fällen werden sie übernommen. Liegen kriminologische Indikatoren, wie Schwangerschaften durch Vergewaltigungen, sowie medizinische wie Krankheiten oder Fehlbildungen vor, kommt die Krankenkasse für die Kosten auf. Auch bei sozialer Bedürftigkeit der Patientin, also dem Unterschreiten einer gewissen Einkommensschwelle, werden sie übernommen – unabhängig davon, ob sie krankenversichert ist oder nicht.

Mehr Beiträge aus Berlin-Pankow

Dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge haben im Jahr 2023 insgesamt 9332 Frauen (2022: 9382 Frauen) mit Wohnsitz in Berlin eine Abtreibung vornehmen lassen. Bei über der Hälfte (57,1 Prozent) dieser Eingriffe handelte es sich um medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche. 47,2 Prozent der Abbrüche haben Frauen zwischen 25 und 35 Jahren vornehmen lassen. 20,1 Prozent der Abbrüche gehen auf Frauen zwischen 35 und 40 Jahren zurück, 18,3 Prozent waren zwischen 20 und 25 Jahren alt. 65,4 Prozent der Patientinnen waren ledig.

Recht auf Abtreibung war großes Thema im US-Wahlkampf

Das Thema Abtreibung war zuletzt durch die US-Wahl omnipräsent. Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris legte einen Schwerpunkt ihres Wahlkampfes auf das Recht auf Abtreibung. Im Juni 2022 hatte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das Grundsatzurteil Roe v. Wade aus dem Jahr 1973 gekippt, das dieses Recht bundesweit garantiert hatte und überwies es damit in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten.

Zahlreiche republikanisch geführte Bundesstaaten haben nach dem Urteil Abtreibungsverbote oder strikte Beschränkungen erlassen. Angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten in entsprechenden Bundesstaaten findet die medikamentöse Abtreibung in den USA erhöhten Zulauf: über 60 Prozent erfolgen mittlerweile auf diesem Weg. Einige Bundesstaaten versuchen, auch den Zugang zu den Medikamenten zu regulieren oder zu verbieten. Im Juni hat der Oberste Gerichtshof entschieden, den Zugang zum Wirkstoff Mifepristone, der bei den meisten Abbrüchen in dem Land zum Einsatz kommt, aufrechtzuerhalten.