Manche Helfer drehen sich weg, beißen die Zähne zusammen. Das panische Fiepen der Rehkitze ist schwer zu ertragen, trotz allem. Egal, wie vorsichtig sie die Tierbabys auch anfassen. Niemals mit bloßen Händen, sondern nur mit dicken, weichen Grasbüscheln, um keinen Geruch zu hinterlassen und um bloß nicht zu fest zuzudrücken. Egal, wie oft sie sich sagen: „Die Kitze wissen ja nicht, dass wir sie nachher wieder freilassen und dass ihre Mütter dann schon auf sie warten.“ Mit diesem Satz beruhigt eine Helferin sich selbst und die anderen.

Donnerstag

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Etwa 20 Freiwillige sind in der Juninacht zusammengekommen, um Rehkitze vor dem grausamen Tod unter dem Mähdrescher bewahren. Etwa die Hälfte ist aus Berlin, die anderen aus dem Umland. Viele sind berufstätig, aber auch Rentner und eine Familie mit zwei Kindern, 9 und 11 Jahre alt, sind dabei. Etwa zehn Freiwillige sind zum ersten Mal dabei. Rehkitzrettung wird immer beliebter, gerade auch unter Berlinern. Insgesamt gebe es rund 140 freiwillige Helfer allein bei der Rettungshundestaffel Barnim, sagt Thommy Dobrosch, der den Sucheinsatz per Wärmebilddrohne in dieser Nacht leitet.

Das Zusammentreffen am schummrigen Dorfrand von Grüntal im Barnim wirkt zunächst fast konspirativ. 15 Autos sind Punkt Mitternacht vorgefahren. Die Helfer schlüpfen schweigend in Gummistiefel und Regensachen, die Wiesen sind nass. Aus dem Einsatzbus der Rettungshundestaffel Barnim holt Drohnenführer Thommy Dobrosch Stativ, Monitore und die Drohne. Abgesucht werden vier Felder beim idyllischen Sydower Fließ bei Grüntal im Barnim.

Ortung und Rettung der gefährdeten Tierkinder klappt nur ohne Sonne

Es gelte, schnell zu sein, mahnt Dobrosch und dreht sich um: „Bitte die Autotüren nicht zuknallen.“ Zwar sei die Polizei über den Kitz-Rettungseinsatz informiert. Aber wecken wollen sie natürlich nur Rehkitze.

Reportage Kitzrettung Rettungshundestaffel Barnim
Leiter des Einsatzes ist Thomas „Thommy“ Dobrosch vom Verein Rettungshundestaffel Barnim e.V..© BM | Uta Keseling

Ein heiseres Bellen dringt vom Waldrand: zu spät. „Eine Ricke, sie klingt wütend“, flüstert Dobrosch, während er nebenbei die „Leader“ für die drei Teams einteilt: Sandra, André und Thomas. Dann startet er seine Drohne, die rot blinkend und summend in den Nachthimmel schwirrt. Prompt erscheint der erste verdächtige weiße Punkt auf dem Bildschirm. Eilig füllen die letzten Helfer Kisten mit ausgerupftem Gras, legen Gummi- und Lederhandschuhe und Walkie-Talkies bereit. Die Erfahrenen weisen die Neuen ein, dann stapfen sie ins Dunkel. Die Zeit tickt.

Denn Sonnenaufgang ist an diesem Tag schon um 4.40 Uhr, und die Ortung und Rettung der gefährdeten Tierkinder per Wärmebilddrohne klappt nur, solange die Sonne keine warmen Stellen erzeugt, erklärt der Drohnenführer, „etwa auf Steinen oder Maulwurfshügeln, die auf dem Monitor als ähnliche weiße Punkte erscheinen würden wie Rehkitze“.

Diese liegen meist mutterseelenallein am Boden. Aus Sicherheitsgründen, wie Dobrosch erklärt. Meist würden zwei Kitze zugleich geboren, aber einzeln abgelegt, sodass bei einem Angriff durch einen Fuchs oder Wolf wenigstens eines überlebt. Die Muttertiere suchten die Kitze meist nur zum Säugen auf, sagt Dobrosch, während er einen Helfertrupp via Funkgerät zum mutmaßlichen ersten Fundort dirigiert.

„Ich habe meine Frau gefragt: Willst du Bambis retten?“

Das Feld hat Dobrosch zuvor genau vermessen und die Drohne programmiert, die wie ein surrendes Riesen-Insekt jeden Punkt dreimal überfliegen wird. Der Copter sei „in der Mission“, hat das Steuergerät auf Englisch gerade informiert. Ein Wort, das in mehrerer Hinsicht passt. Der Jargon aus Abkürzungen und Fachbegriffen ist eine Mischung aus Jagd und Militär. Die Drohne etwa heißt in dieser Nacht „Vier-Vier“, der Ausgangspunkt kurz „AP“. Als Dobrosch den ersten Helfer zum ersten weißen Punkt navigiert hat, meldet der über Funk: „Negativ. Wühlmaus.“

Reportage Kitzrettung Rettungshundestaffel Barnim
Die Drohne zeigt Wärmepunkte als weiße Flecken an. Nicht immer sind es Kitze, die sie aufstöbern.© BM | Uta Keseling

Dann: der erste Zugriff. „Unter der Vier-Vier, die Signatur ist ziemlich verdächtig“, meldet Dobrosch und navigiert einen Helfer: „30 Grad rechts, jetzt etwas links, eine Armlänge vor, jetzt bist du mit der Hand darüber.“ Stille, dann knackt das Funkgerät: „In Sicherheit“, meldet André. Das erste Kitz dieser Nacht ist in einer Kiste untergebracht. Dobrosch bittet: „André, wenn du wieder Luft hast, erzähl mir was über Größe und den Zustand des Tieres.”

Was treibt Menschen dazu, immer wieder nachts durch hohe Wiesen zu stapfen, durch Schilf und Sumpf, Mückenschwärme und unübersichtliche Gräben, wie jetzt Helfer Thomas meldet? Sylvie und Christoph etwa stammen aus der Schweiz, leben seit fünf Jahren in Berlin-Weißensee. Sie arbeitet in der Energiebranche, er in einem Start-up. Auf die Idee, Kitze zu retten, habe ihn jemand aus seiner Nabu-Bezirksgruppe gebracht, erzählt Christoph. „Ich habe meine Frau gefragt: Willst du Bambis retten?“ Sie meinte: ‚Na klar!‘”, Sylvie lacht. Bei zwei Kitzrettungen waren sie schon dabei. An diesem Tag werden es deutlich mehr werden.

Die Rettung hilfloser Rehkitze als kleinster gemeinsamer Nenner

Andere Helfer kommen aus der Umgebung. Sandra etwa ist Sozialarbeiterin in Bernau. Erik, ein Bundespolizist, ist gerade vom Einsatz auf der Fanmeile in Berlin zurückgekommen. Für sie sei die Kitzsuche ein Ausgleich zum Job, sagt Sandra. Und Erik: „Ich will etwas Sinnvolles tun, in der Natur, mit netten Menschen.“ Eine Teilnehmerin aus Berlin sagt: Sie habe einen Ehrenamtseinsatz außerhalb ihrer politischen „Blase“ in Pankow gesucht, auch um herauszufinden, warum die Gesellschaft immer stärker in politische Lager zerfällt. Die Rettung hilfloser Rehkitze sei vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle noch einigen könnten.

Vielleicht auch deshalb verzeichnen Seiten wie die deutsche-wildtierrettung.de oder kitzrettung-hilfe.de inzwischen Hunderte Kitzretter-Gruppen in ganz Deutschland. Ungefähr 15 sind es wohl etwa in Berlin und Brandenburg, darunter die Rettungshundestaffel Barnim. Der gemeinnützige Verein hat die Rehkitz-Rettung als zusätzliches Ziel in die Satzung aufgenommen, sagt Dobrosch, der sich hier seit Jahren engagiert.

Reportage Kitzrettung Rettungshundestaffel Barnim
Die Helfer sind angehalten, im Gänsemarsch zu laufen, um möglichst wenig der Ernte zu zertrampeln. Nebenbei bietet die Kitzrettung ein großes Naturschauspiel. © BM | Uta Keseling

Die akribische Kitzsuche per Drohne sei auch eine gute Übung für die Suche nach vermissten Menschen, sagt Dobrosch. Dabei gelte derselbe Grundsatz: „Die Rettung von Leben hat absolute Priorität“. Wird ein Kitz gefunden, ordnet er deswegen eine weitere Suche an: „Wahrscheinlich liegt irgendwo noch ein Geschwister.“ Deswegen stellt Dobrosch seine Helfer via Funk nun zu einem akkuraten Kreis auf, in dessen Mitte sie tatsächlich ein weiteres Rehkind finden. Sein Fiepen gellt bis an den Feldrand. Irgendwo bellt eine Ricke. Dobrosch seufzt.

Die Kitze haben keinen Fluchtreflex

Hunde, erklärt er, könnten bei der Rehkitzsuche nicht helfen. „Kitze kommen geruchlos zur Welt.“ Das sei eine Sicherungsmaßnahme der Natur, um die Tierbabys vor Feinden zu schützen. „Die Kitze haben keinen Fluchtreflex, sondern ducken sich bei Gefahr an den Boden.“ So sind zwar schwer zu entdecken, laufen aber eben Gefahr, von Mähwerken erfasst zu werden.

Dass Rehkitze gerade bei der Heumahd grausam sterben, ist für Landwirte wie Tierschützer ein großes Thema. Seit 2002 steht der Tierschutz in Deutschland im Grundgesetz, Bauern drohen Geld- oder sogar Freiheitsstrafen, wenn sie gegen die Pflicht zur Kitzrettung verstoßen. Jäger- und Bauernverbände und Wildtierretter geben seit Jahren in seltener Einigkeit Tipps für den Kitz-Schutz. Besonders empfehlen sie inzwischen den Einsatz von Wärmebilddrohnen. Deren Anschaffung wird vom Bund gefördert.

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Die Flächen dieser Nacht gehören Landwirt Gunnar Pflug. Um drei Uhr ruft er Dobrosch an: ist die erste Fläche schon frei? Er hat es eilig. Am Vormittag soll es regnen. Und je früher die Wiese gemäht sei, desto eher können die ersten „Eumelchen“, wie Dobrosch sie liebevoll nennt, wieder in die Freiheit entlassen werden. Länger als einige Stunden sollten die Kitze nicht in den Kisten bleiben, damit die Muttertiere sie nicht verstoßen.

Momentan fragen bei mir 20 bis 25 Landwirte täglich an

Landwirt Pflug tuckert wenige Minuten später mit dem Traktor durchs stille Dorf. Die Kitzrettung sei für ihn „eine unwahrscheinliche Hilfe“, sagt er später. Zum einen, weil getötete Kitze natürlich Tierquälerei seien. Aber auch, weil Tierkadaver das Futter verunreinigten. Er baut Pferdeheu an, außerdem Getreide und Raps. Pflug leitet einen Familienbetrieb mit einem Angestellten. Die Kitzretter kämen seit vier oder fünf Jahren zu ihm.

Reportage Kitzrettung Rettungshundestaffel Barnim
Landwirt Gunnar Pflug gehören die Flächen, die abgesucht werden. Er ist dankbar für die Hilfe.© BM | Uta Keseling

Eine Voraussetzung für die Kitzsuche sind jedoch ausreichend Helfer, sagt Dobrosch. Die Setzzeit der Rehe sei im Mai und Juni, „momentan fragen bei mir 20 bis 25 Landwirte täglich an.“ Dobrosch klingt müde. Seit Anfang Mai ist er mehrere Tage pro Woche unterwegs. Leisten kann er sich das, weil er lediglich in Teilzeit in Berlin bei der Post arbeitet und ansonsten freiberuflich tätig ist. Andere Helfer fahren vom Feld direkt in den Job oder nach Hause, um Frühstück für die Familie zu machen. Bei ihm gilt: nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz.

Dobrosch sieht in der Kitzrettung seine Mission. Dazu gehört auch, weitere Ehrenamtliche zu begeistern. „Wenn wir nicht genug Helfer finden, wird auf den Feldern weiter gestorben“, warnt er, während er seine Technik am zweiten Feld schon wieder abbaut. Ein Kitz haben sie hier nicht festsetzen können, stattdessen sind einige mutmaßliche „Abspringer“ entwischt: Kitze, die schon so groß sind, dass sie weglaufen. „Erschrecken sie sich, etwa durch Mähdrescher, kehrt der Duck-Reflex zurück“, sagt Dobrosch.

„Team Thomas, Kisten und Handschuhe bitte. Wir haben was“

Doch hier haben sie nur einen Igel kurzzeitig festgesetzt. Dobrosch hat einen „Beutegreifer, Fuchs oder Marderhund” identifiziert, Helferin Sandra einen Dachs gemeldet, „der ein Sandloch buddelt”. Die Drohne hat eine Katze erfasst, die in schlängelndem Gang einen winzigen weißen Punkt verfolgte: eine Maus.

Als die Helfer zum letzten großen Feld ziehen, stehen am türkisfarbenen Sommerhimmel Wolken in Pink und Gelb. Hähne krähen, ein Kuckuck ruft, es duftet nach Kamille und Linden. Kitzrettung ist auch ein großes Naturerlebnis. Einige Teilnehmer fotografieren an einem Gerstenfeld noch den Sonnenaufgang, als Thommy Dobrosch sie zusammenruft: „Team Thomas, Kisten und Handschuhe bitte. Wir haben was.“

Reportage Kitzrettung Rettungshundestaffel Barnim
Die Helfer bilden einen Kreis, um ein Kitz zu fangen, das wegzulaufen droht, ein sogenannter „Abspringer“. © BM | Uta Keseling

Das „Einkreisen“: Für Außenstehende wirkt es wie eine anmutige Choreografie, wenn die Helfer sich zum symmetrischen Rund formen. Schulter an Schulter, schweigend, dicke Grasbüschel in den Händen, nähern sie sich dem Kitz. Gehen synchron in die Hocke, ziehen vorsichtig die Halme auseinander. Dann greifen Hände vorsichtig den gepunkteten Leib, das Köpfchen mit den flauschigen Ohren. Auch hier fiept das Kitz, wieder halten alle den Atem an.

Unter ihm schauen zwei weitere Kitz-Ohren aus dem Gras

Zwei Helfer stellen eine Kiste bereit, andere reichen Gras, um das Kitz zu schützen, Kabelbinder, um den Deckel zu schließen. André, der neben der Kiste kniet, ruft plötzlich „huch!“ Unter ihm schauen zwei weitere Kitz-Ohren aus dem Gras. Noch eine Kiste wird gereicht. Zeit, sich über den Zufallsfund zu amüsieren, haben sie erst später. Es knackt in den Walkie-Talkies, Thommy hat schon den nächsten Wärmepunkt entdeckt. Im Minutentakt tragen jetzt Helfer Kisten unter die Bäume in den Schatten, machen von jeder ein Foto mit Geotag, um sie hinterher wiederzufinden und befestigen ein Stück Flatterband an einem Ast.

Reportage Kitzrettung Rettungshundestaffel Barnim
Die Kitze werden in luftdurchlässigen Kisten in einem Bett aus viel Gras gelegt und wieder freigelassen, sobald die Wiese gemäht ist.© BM | Uta Keseling

Es ist schon halb acht, als das eigentliche Happy End dieser Nacht folgt. Der Moment, in dem fühlbar wird, warum sie das hier machen. Erik und Sandra gehören zum „Freilasser-Team“, das die abgestellten Kisten nach der Mahd nach einem festgelegten Protokoll öffnet. Aus jeder Kiste schieben sich vorsichtig eine schwarze Nase, zwei weiche Ohren, schauen zwei große dunkle Augen eher neugierig als verschreckt in den Morgenhimmel. Erik hebt ein Kitz samt Grasbüscheln heraus und setzt es an einem Waldrand ab. „Hoffentlich findet die Ricke es bald“, sagt er.

Insgesamt acht Kitze haben sie in dieser Nacht gerettet. Und während die Helfer noch ihre Nacht und den glücklichen Zufallsfund rekapitulieren, ist Thommy Dobrosch schon dabei, den nächsten Einsatz zu planen. Er wirkt nachdenklich. Ja, sie haben acht Tiere gerettet. „Aber gleichzeitig frage ich mich: Was ist mit den Kitzen auf Flächen, die niemand absucht?“

Kontakt: Rehkitzrettung im Barnim, Thommy Dobrosch, 0170 3819599, kontakt@rehkitzrettung-im-barnim.de, www.rehkitzrettung-im-barnim.de