Bis jetzt war der Herbst in Berlin angenehm warm, nun aber steht der Winter vor der Tür. Es wird langsam kalt in der Stadt und für wohnungslose Menschen öffnen ab November wieder Kälteplätze. Sie bieten ihnen für das nächste halbe Jahr wieder einen Schlafort in geschlossenen Räumen.

Donnerstag
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Sie entlasten vor allem Anlaufstellen, die das ganze Jahr geöffnet sind. Denn Wohnungslosigkeit ist ein ganzjähriges Problem und der Bedarf an Schutzräumen groß. Die Anlaufstelle Tee- und Wärmestube (TWS) und die Frauennotunterkunft Evas Obdach in Neukölln sind zwölf Monate im Jahr geöffnet. Bei einem Besuch erzählen die jeweiligen Verantwortlichen, der Armutsbeauftragten Thomas de Vachroi und die Leiterin Natalie Kulik, über die derzeitige Lage, insbesondere von wohnungslosen Frauen.
Berlin: Dieser Winter wird hart
Die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben eine angespannte Situation hinterlassen, die die Lage wohnungsloser Menschen verschärft. Wie viele obdachlose Menschen es eigentlich gibt, lässt sich kaum schätzen. Mehrere tausend dürften es sein. Und die Zahl steigt.
Ein großes Problem ist die derzeitige Wohnsituation: Steigende Mieten, Inflation, Energieversorgung mitsamt steigender Strom- und Gaskosten sowie die Benachteiligung von obdachlosen Menschen bei der Wohnungssuche. Viele Berlinerinnen und Berliner kommen in finanzielle Engpässe und sind von Armut bedroht. Besonders hart trifft es Neukölln.

Obdachlosenhilfe benötigt mehr Geld und Plätze
Sozialstadtrat Falko Liecke (CDU) kritisierte erst kürzlich, dass die Finanzierung der Kältehilfe „vollkommen unzureichend” sei und bezeichnete sie als ein „absolutes Notsystem”. Die Plätze in Neukölln reichten nicht aus, seien unterfinanziert und auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen: „Es kann nicht sein, dass Berlin das Überleben von Menschen im Winter von Ehrenamt, Spendengeldern und dem Hoffen auf einen milden Winter abhängig macht.“ Ein Problem sei dabei der viel zu niedrig angesetzte Tagessatz in Höhe von 17,10 Euro. Stattdessen seien pro Übernachtung etwa 53 Euro notwendig.
Vor allem nach der Kältezeit brechen viele Plätze weg, die weiterhin notwendig sind, um wohnungslosen Menschen Schutzräume zu bieten, sagt Kulik. „Obdachlos sind sie nicht nur sechs, sondern zwölf Monate im Jahr”, so de Vachroi.
Hinzu komme, dass die steigenden Preise nicht nur wohnungslose Menschen bedrohten, sondern auch die Arbeit der sozialen Träger erschwere, sagt Kulik. Nicht nur sie, sondern auch Mitmenschen könnten sich laut de Vachroi Spenden und Ehrenamt in diesen schwierigen Zeiten nicht mehr leisten. Dabei seien gerade Wohnungslosenhilfen auf deren Unterstützung angewiesen.
Krisen mit Folgen
Längst nehmen nicht mehr nur obdachlose Menschen die Angebote sozialer Träger in Anspruch. Kulik berichtet davon, dass besonders viele ältere Frauen das Berliner Duschmobil aufsuchen, weil sie Wasser- und Heizkosten sparen wollen. Dort können sie jeden Mittwoch in der Nansenstraße neben einer frischen Dusche auch Beratungsangebote wahrnehmen und in Kontakt mit anderen Frauen kommen.

Aber nicht nur die finanziellen Engpässe bringen sie hierher. Durch Corona habe sich auch eine emotionale Armut ausgebreitet. „Was wir deutlich merken, ist, dass die Corona-Pandemie den Zustand unserer Besucherinnen zugespitzt hat. Dass sie mit der Extremsituation zu kämpfen hatten, weil viele Angebote erst geschlossen waren. Die psychische Verfassung einige der Besucherinnen hat sich verschlechtert”, sagt Kulik.
Besonders zu Beginn des Lockdowns sei spürbar gewesen, dass Menschen nicht mehr auf Angebote zugreifen konnten. Der Körperabstand wirkt stigmatisierend und isoliert obdachlose Menschen, bemerkte auch de Vachroi. Hinzu käme, dass Menschen, die Gebärdensprache sprechen, durch Masken Gesten und Mimik nicht mehr erkennen konnten.
TWS+: Die Tee- und Wärmestube mit einem Plus
Zwar kein Tee, aber dafür mit Kaffee sitzt Armutsbeauftragter Thomas de Vachroi im gemütlichen Wohnraum der Tee und Wärmestube. Sie bietet etwa 200 Menschen pro Woche eine Anlaufstelle für warmes Essen und Beratungsangebot. Und das nicht nur in den kalten Wintermonaten, sondern ganzjährig. „Wir nehmen uns hier die Zeit für die Menschen.”

Seit 1984 gibt es die Tee- und Wärmestube. Nun soll sie bald ein Plus bekommen, denn es braucht mehr Kapazität. De Vachroi erzählt: „2019 hatte ich eine Vision. Wir müssen die Tee- und Wärmestube umändern. Wir können es so nicht mehr lassen. Sie ist zu klein.” Denn der Bedarf wächst.
Ein Plus für die Appartements
De Vachroi zeigt die Broschüre zum neuen Projekt, das Objekt wirkt geradezu futuristisch. Wirklich ein Plusprojekt. In der Größe mehr als verdoppelt zur jetzigen TWS. Gebaut wird auf Kirchengrund im Schillerkiez. „Wir bleiben im Kiez. Da haben wir eine freie Fläche, wo noch nichts gebaut ist.” Perfekt für das fette Plus. Das vertreibt die Sorge um den auslaufenden Mietvertrag am jetzigen Standort.
Besonders an dem Projekt sind die 16 Appartements, die auf das neue Gebäude der zukünftigen Tee- und Wärmestube kommen, mit eigenem Klingelschild und Postkasten. Sie sind nicht nur Übernachtungsplätze, sondern sie werden vermietet. Und das unbefristet. „Die Sozialarbeiter haben die Aufgabe, die Leute zurückzuholen. Wenn sie zwei Jahre bleiben, dann bleiben sie.”

Separate Wohneinheiten für Frauen
Statt wie geplant eine, gibt es in der TWS+ zwei oder gar drei separate Etagen nur für Frauen, um ihnen geschützte Wohnräume zu bieten. Sie haben es schwieriger auf der Straße und bei der Suche nach Übernachtungsplätzen. Männern ist der Zutritt verboten.
„Das Problem bei diesen Notunterkünften ist, dass die Frauen da nicht reingehen. Logisch, wenn man sich die mal angeschaut hat”, sagt de Vachroi. Logisch, denn Gemeinschaftssäle sind unsicher und die hygienischen Umstände für Frauen unpassend. Besonders Frauen mit Kindern haben es schwer, weil ihnen meistens ein Platz verwehrt wird.
Interessenten haben sich auch gleich gefunden für die Etagen, obwohl der Bau der TWS+ noch nicht einmal begonnen hat. Das Projekt Evas Haltestelle wird hier Wohneinheiten bekommen, es gehört zu dem breit aufgestellten Frauenhilfesystem des Sozialdiensts katholischer Frauen. Ein weiteres Projekt des Trägers ist Evas Obdach, das ein Katzensprung von der Tee- und Wärmestube entfernt ist.
Schutzraum in Evas Obdach
In der Notunterkunft Evas Obdach gibt es heute Curry. Hier wird jeden Tag selbst gekocht, das sei schon besonders, erzählt Kulik. Seit drei Jahren wohnt das Projekt Evas Obdach in der Fuldastraße. Die Symbole auf dem Poster neben der Tür erklären für alle verständlich, was Frauen hier bekommen können: Essen, gewaschene Wäsche, Gemeinschaft, warme Getränke, Schlafplatz, Beratung und Duschen.

Ganzjährig ist sie für Frauen geöffnet. 30 Plätze gibt es und vier Wochen am Stück können die Besucherinnen bleiben. Seit der Krise merkt man auch hier Veränderungen: „Die Krise wird sicherlich die Situation zuspitzen. Corona hat sie schon zugespitzt, weil viele Menschen ihre Arbeit verloren haben.” Seit Beginn der Energiekrise sind spürbar unbekannte Gesichter in der Einrichtung aufgetaucht, erzählt Kulik.
Die Unsichtbaren
„Viele unserer Besucherinnen versuchen sehr lange, ihre Wohnungslosigkeit zu verstecken.” In dem sie ein gepflegtes Äußeres haben, sich unauffällig in der Öffentlichkeit bewegen. Sie halten sich oft in geschlossenen Räumen auf und sind dadurch unsichtbarer als Männer. Oft verbringen sie die Tage in Bibliotheken oder Einkaufszentren. Eine Folge sei dabei, dass Frauen seltener in ihrer Wohnungslosigkeit erkannt würden und damit auch die Dunkelziffer an obdachlosen Frauen weitaus höher liegen dürfte.
Von ihnen wird außerdem oft eine Gegenleistung für einen Schlafplatz erwartet. Da ginge es auch viel um Sexualität und ein fehlendes soziales Netz, welches sie auffangen könnte, so Kulik. Hinzu kämen Gewalterfahrungen, sodass beispielsweise Frauen ihre Wohnorte verlassen, weil sie nicht mehr sicher bewohnbar sind. „Es braucht Schutzräume, wo Frauen sich sicher fühlen können und unter sich sind. Wo sie sich ausruhen, neue Kraft schöpfen können, um neue Perspektiven zu entwickeln. Und wo sie keine Sorge haben müssen, dass es zu Übergriffen kommt.”

Trotz der steigenden Bedarfe lobt Kulik das Berliner Hilfenetz für wohnungslose Menschen und die Bemühungen, passende Angebote zu finden. Die Aufmerksamkeit der Politik ist keine Selbstverständlichkeit, sagt de Vachroi. „Da muss man die Kirche im Dorf lassen. In den letzten Jahren hat sich sehr sehr viel geändert hier im Bezirk, was Armut betrifft.” Sowohl höhere Ebenen im Bezirksamt wie die Fraktionen hörten jetzt bei dem Thema Obdachlosigkeit zu und stünden hinter den Projekten.




