Es ist eine Ansage: „Brennpunkt Deutschland – Armut, Gewalt, Verwahrlosung. Neukölln ist erst der Anfang“, so lautet der Titel des Buches von Falko Liecke, CDU-Politiker in Neukölln, seit dem Jahr 2009 Stadtrat in dem Bezirk und inzwischen auch stellvertretender CDU-Vorsitzender.

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Auf knapp 290 Seiten holt Liecke, der als streitbarer Kommunalpolitiker und durch seinen Kampf gegen Clan-Kriminalität auch bundesweit bekannt geworden ist, aus. Es ist ein Wutausbruch eines Mannes, der seit vielen Jahren Politik in Neukölln macht und angesichts von Verwahrlosung, Drogenproblemen, Intensivtätern, Clankriminalität, Kopftuch-Streit oder veralteter Verwaltungsstrukturen verzweifelt.

Political Correctness ist dem Neuköllner Stadtrat fremd

Viele Probleme benennt Liecke mit der ihm bekannten Offenheit. Political Correctness ist ihm fremd. Eine sprachliche Zurückhaltung auch, da schwillt ihm häufiger „die Halsschlagader“, da schreibt er: „Wir Neuköllner schütteln also den Kopf, kotzen sinnbildlich in die Ecke, holen tief Luft und machen einfach weiter“ oder „Deutschland sitzt mit heruntergelassener Hose und einem miesen Blatt da“.

Er teilt aus gegen sozialdemokratische, linke und grüne Politiker, gegen das „linke Berlin“, gegen Senatsmitglieder, die er nicht beim Namen nennt, gegen die AfD und die „linke Hauptstadtpresse“. Seine These: Alle verschließen die Augen vor der Realität, die dadurch aber nicht weggeht oder sich verändert.

Drastische Beschreibungen der Drogenszene in Neukölln

Politiker Falko Liecke hat ein Buch mit dem Titel "Brennpunkt Deutschland" geschrieben
Politiker Falko Liecke hat ein Buch mit dem Titel "Brennpunkt Deutschland" geschrieben© Falko Liecke | Falko Liecke

Liecke, der als Gesundheits- und Jugendstadtrat in Neukölln tätig war und seit der letzten Abgeordnetenhauswahl nun für Soziales zuständig ist, ist der Meinung, dass sich alle Probleme Deutschlands in Neukölln widerspiegeln. Mit drastischen Beschreibungen schildert er die Drogenszene an den U-Bahnhöfen Hermannplatz und Schönleinstraße („Wer vom Anita-Berber-Park wieder in Richtung Norden fährt und eine Station hinter dem Hermannplatz aussteigt, kommt zum schlimmsten Drogenloch der Stadt, dem U-Bahnhof Schönleinstraße. Das menschliche Elend ist hier kaum auszuhalten.“), beschreibt die Drogenszene, aber auch die Vermüllung und die Ratten am Anita-Berber-Park.

Dass das Bezirksamt Neukölln, dessen Mitglied Liecke seit vielen Jahren ist, dagegen nichts unternimmt, dass es keine Drogenmobile – wie Liecke sie vorschlägt – oder nicht mehr Drogenkonsumräume gibt, erklärt er mit der Zuständigkeit des Senats.

Auch Clankriminalität oder die Kopftuch-Debatte wird thematisiert

Ein Schwerpunkt seines Buches sind die muslimischen Strukturen und Familien – angefangen von dem Thema Verwandtenehe, über Clankriminalität, Kopftuch-Debatte bis hin zum Islamismus, wo er sich vor allem dem sogenannten legalistischen Islamismus widmet. Liecke ähnelt in der Analyse der von Thilo Sarrazin, der mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010 bundesweit Aufmerksamkeit erlangte. Der Neuköllner macht sich aber keine Mühe, seine Thesen mit Zahlen zu belegen, verzichtet auf jeglichen intellektuellen Anspruch.

Liecke warnt vor religiösem Fundamentalismus, etwa am Beispiel der High-Deck-Siedlung in Neukölln, die er als „Schule des Verbrechens“ bezeichnet. Da stehen dann Sätze wie: „Die Lage war schon vor 2020 – wie der Neuköllner sagt – beschissen.“ In jenem Jahr habe es in der High-Deck-Siedlung, die am südlichen Ende der Sonnenallee zu finden ist, allein 1220 Straftaten gegeben. „Mehr als dreimal am Tag wurde irgendwo eingebrochen, härteste Drogen gehandelt, Menschen mit Messern und Eisenstangen malträtiert. (...) Es gab zwei Überfalle mit Schusswaffen auf den letzten verbliebenen Laden im Kiez, regelmäßig wurden Polizeibeamte und Ordnungsamtsmitarbeiter bedroht, attackiert, angespuckt.“

Und an anderer Stelle im Buch, als Liecke sich mit dem Kopftuch als politischem Symbol auseinandersetzt, heißt es: „In der nahe gelegenen High Deck Siedlung können selbst Polizistinnen in Zivil nur dann ungestört ihrer Arbeit nachgehen, wenn sie sich ein Kopftuch überziehen. Als Frau ohne Kopftuch in der Siedlung unterwegs zu sein, gleicht einem Spießrutenlauf und kann richtig gefährlich werden.“

Vorschläge im Kampf gegen die Clankriminalität in Neukölln

Ausführlich widmet sich der Neuköllner Stadtrat der Clankriminalität, auf die er seit Jahren aufmerksam macht – und bundesweit mit seinen Vorschlägen auch Gehör gefunden hat. Auch wegen seines Engagements hat ein Umdenken in der Politik stattgefunden. Seine Beschreibungen sind zutreffend, sie zeigen, dass die Clankriminalität Neukölln noch lange beschäftigen wird – und Berlin.

Liecke, 49 Jahre alt, ist seit 25 Jahren in der Kommunalpolitik tätig, wie er an mehreren Stellen betont. Bei einigen Themen wie Jugendkriminalität macht er Vorschläge oder erklärt Neuköllner Projekte, die in der Vergangenheit ins Leben gerufen wurden. Häufig aber bleibt man nach der Zustandsbeschreibung ratlos zurück: Wer, wenn nicht die Politiker in Berlin, sollen die Probleme, mögen sie noch so schlimm sein, denn angehen? Liecke behauptet zwar, er wolle mit den anderen Politikern eine Lösung findet, drischt dann aber immer wieder auf sie ein. Und auf allen anderen auch.

Das Buch eines Wutbürgers in Neukölln

Wie ein Wutbürger, der viele Probleme zutreffend benennt, aber mit seiner Art wenig erreichen wird. Man hätte Liecke gewünscht, dass ihm ein verantwortungsvoller Verlag zur Seite steht, der seinen Text nicht nur sprachlich auf ein anderes Niveau gehoben hätte.