Es war in den ersten Monaten der Corona-Pandemie, als Bernt Roder, Leiter des Pankow Museums, die Kartons mit den auf Flyer-Größe gefalteten Fotoplakaten entdeckte. Und auch die Mappen, in denen noch ungefaltete Exemplare gesammelt waren. Wegen des Lockdowns war das Museum dicht und Roder hatte die Zeit genutzt, sich den Beständen seines Hauses zu widmen. Fotografin und Kuratorin Christine Kisorsy erinnert sich noch an Roders Anruf bei ihr: „Er sagte, er hab da etwas gefunden, das ich mir unbedingt ansehen müsse – den von 1992 bis 1997 in Plakatform vom Kulturamt Prenzlauer Berg herausgegebenen ,Seitenflügel‘.“ Schnell war beiden klar: Das Material, das nach der Bezirksfusion 2001 aus dem damaligen Kulturamt Prenzlauer Berg ins Archiv des Museums Pankow gewandert war, ist ein foto- und lokalhistorischer Schatz.
Der „Seitenflügel“ kombinierte pro Monat je ein fotografisches Motiv auf der Vorderseite mit Veranstaltungsankündigungen auf der Rückseite. In der von Christine Kisorsy konzipierten Sonderausstellung „Seitenflügel Berlin Prenzlauer Berg 1992-1997“ zeigt das Museum Pankow im Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner nun erstmals alle 67 „Seitenflügel“-Ausgaben. Im Original. Und ungerahmt. Das war Kisorsy wichtig.
„Ich wollte keine museale Präsentation von Alltagskultur“, sagt sie. Auch sei es ihr nicht darum gegangen, dem „Mythos Prenzlauer Berg“ noch eine weitere Ausstellung hinzuzufügen. „Die ,Seitenflügel‘-Motive sind ein einmaliger Querschnitt des fotografischen Schaffens in den Jahren nach dem Mauerfall – mal mit journalistischem oder dokumentarischem, mal mit künstlerischem Blick“, sagt Kisorsy.
Das Projekt war eine Idee des einstigen Kultursenators

Die Motive zeichneten sich durch hohe fotografische Qualität aus. Sie hätten aber auch ihren Wert als zeithistorische Dokumente einer Umbruchperiode. Ihnen allen gemein: der persönliche Blick auf Prenzlauer Berg. „Zugleich vermitteln die Ankündigungen auf den ,Seitenflügel‘-Rückseiten einen guten Eindruck davon, wie unfassbar vielfältig – und international – die Kulturlandschaft in Prenzlauer Berg in den 1990er-Jahren war.“ Da wurden nicht nur Lesungen, Konzerte oder Theateraufführungen in Kultureinrichtungen des Bezirks aufgeführt, sondern auch Auftritte an Orten der freien Szene.
Der „Seitenflügel“ sei ein neues Instrument kommunaler Kulturförderung gewesen, erläutert Kisorsy. Der damalige Kulturamtsleiter (und spätere Kultursenator) Thomas Flierl hatte seinerzeit die Idee, Fotografen zu unterstützen, indem er einen jurierten Wettbewerb für die Plakate ausschrieb.
Veröffentlicht wurden in den 67 Ausgaben Bilder von 42 Fotografen, darunter Jürgen Hohmuth und Rolf Zöllner, Ingar Krauss und Manfred Paul, Andreas Rost, Ulrich Wüst und Gerhard Zwickert. Oder auch von Merit Pietzker (heute Merit Schambach), die als 15-Jährige begann, ihr Umfeld in Prenzlauer Berg mit der Kamera zu dokumentieren. Ihre Fotos erzählen die Geschichten junger Leute in Prenzlauer Berg, der Hausbesetzer aus der Dunckerstraße ebenso wie der Teenies in der Disco.
Persönliche Aufnahmen, Architektur, Clubkultur
Die Fotos, die es in den „Seitenflügel“ schafften, gaben Einblicke in persönliche Lebenswelten, es waren aber auch Architekturaufnahmen dabei – beispielsweise vom Gleimtunnel. Oder von Brandwänden. Wie auf dem Foto von Sven Hobbiesiefken, das auch die Frontseite des Ausstellungsflyers ziert. „Wir haben es ausgewählt, weil es viel Spielraum für Interpretationen lässt“, sagt Kisorsy. „Brandmauern waren damals ein Anblick, den man vielerorts in Prenzlauer Berg hatte. Und die Brache im Vordergrund ist ein Sinnbild dafür, was in den 1990er-Jahren alles möglich war.“ Pamela Schobeß, die von 1996 bis 2011 mit Lars Döring den „Icon“-Club betrieb, beschreibt das in einem Ausstellungstext: „Leerstand, ungeklärte Besitzverhältnisse, marode Gebäude, schlechte Infrastruktur. Ein Paradies für Kreative, Kulturschaffende, Individualist*innen und Nachtschwärmer*innen. Denn all das bedeutet Freiräume.“
Zu sehen sind in der Ausstellung zudem Fotos von Orten, die im Veranstaltungsteil des „Seitenflügels“ Erwähnung fanden, sowie von Räumen der freien Szene, der Clubkultur und der queeren Community – wie dem Knaack-Club, dem EWA-Frauenzentrum, dem „Icon“ oder dem Sonntagsclub. „Viele dieser Orte, die damals die kulturelle und gesellschaftliche Identität des Bezirks prägten, sind heute aus dem durchgentrifizierten Prenzlauer Berg verschwunden“, sagt Kirsorsy. Sie zeigt auf die alten Schwarz-Weiß-Fotos vom „Café Westphal“ am Kollwitzplatz. Um den Wandel zu verdeutlichen und eine Brücke in die Jetztzeit zu schlagen, hat sie die Orte noch einmal aufgesucht und aktuelle Fotos geschossen. In den einstigen Räumen des Cafés zum Beispiel hat heute eine Kieferorthopädie ihren Sitz.
Einen weiteren lokalhistorischen Bezug liefert die Auswahl zeitgenössischer Flyer, die Kirsorsy in die Ausstellung aufgenommen hat. Sie stammen aus der Sammlung „Flyer Soziotope“, einer der deutschlandweit größten Privatsammlungen dieser Art.
„Seitenflügel Berlin Prenzlauer Berg 1992-1997“ Sonderausstellung bis 26. November, Museum Pankow, Standort Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner, Prenzlauer Allee 227/228, Tel. 902 95 39 17, www.berlin.de/museum-pankow, Di.–So. 10–18 Uhr, Eintritt frei


