Sanft und mit rosa Blüten beladen wogen die Zweige der Kirschbäume im Wind – die Kirschblüten in Berlin sind ein floraler Gruß aus dem Mauerpark an die Flaneure auf der Schwedter Straße. Während sich viele der Berliner Kirschbaumalleen noch in spätwinterlicher Zögerlichkeit üben, ganz karg und grau auf das Ende der Nachtfröste warten, ereignet sich hier in Prenzlauer Berg bereits das, was man in Asien unter den Titeln „Sakura“ oder „Hanami“ zelebriert: Eine Huldigung der erwachenden Natur unter dem rosigen Dach des Prunus avium, wie Botaniker das Gewächs zu nennen pflegen.

Die Kirsche in voller Blüte, sie ist längst auch in Berlin ein kultbehafteter Baum, vor dem man sich gern auf Selfie-Fotos zeigt. Verschickbare Beweisstücke dafür, dass es in der Stadt nicht mehr so grau ist. Und der aktuell relevanteste Ort für die Kirschblüten-Schau mitsamt der Selbstinszenierung im rosaroten Schimmer: die Schwedter Straße am Mauerpark.

Kirschblüte in Prenzlauer Berg: „Berlin ist nicht nur bunt durch Graffiti“

Kira Hövel schwenkt ihr Smartphone mal quer für eine Aufnahme in der Totalen, dann wieder hochkant für ein Selbstporträt. Fotoserien, gleich versendet an Freunde daheim im Rheinland. „Ich hatte das vor April noch gar nicht erwartet“, staunt Kira über den frühen Austrieb der Blüten, so nah an ihrer Urlaubsbleibe in Prenzlauer Berg. „Berlin ist nicht nur bunt durch Graffiti“, stellt sie beim Durchwischen der Bilder auf ihrem Handybildschirm fest.

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Aber warum sind manche Prunus avium-Gehölze so zeitig dran, während andere auf noch mildere Tage warten? „Kirschbaum ist eben nicht gleich Kirschbaum“, weiß Derk Ehlert, der Umweltexperte des Berliner Senats. Je nach Art und Sorte könnten sich Blüten schon im März oder erst ab April entfalten. „Und natürlich ist der Standort entscheidend.“ In sonnigen, nährstoffreichen Lagen wagt sich die Zierkirsche früher vor als im harten Schatten. „Den Berliner Kirschbäumen geht es gut, wenn sie gut versorgt sind“, sagt Ehlert zur Gesamtsituation. Von Schädlingen sei das Gehölz nicht mehr oder weniger betroffen als andere Gattungen auch.

„Blossom Berlin“: Visit Berlin bewirbt Kirschbäume als Frühlingsattraktion

Allerdings bedeutet laut Ehlert der Klimawandel für dieses Berliner Stadtgewächs durchaus eine Bedrohung – insofern die ersten Wärme-Wetterlagen im Jahr immer zeitiger stattfinden. Und dann durch Kälteeinbrüche Blüten erfrieren. Mit der Folge für Süß- und Sauerkirschen, dass sie dann keine Früchte tragen.

Rauschend Rosa: Eine Joggerin vor den blühenden Kirschbäumen am Mauerpark.
Rauschend Rosa: Eine Joggerin vor den blühenden Kirschbäumen am Mauerpark.© Thomas Schubert

Am prächtigsten stellen freilich Zierkirschen ihre florale Pracht zur Schau. In Prenzlauer Berg und anderen prominenten Standorten wie dem Landwehrkanal oder im Süden an der Berliner Stadtgrenze zwischen Lichterfelde und Teltow, wo man sogar 1000 Exemplare zählt, nimmt die Huldigung der Kirsche inzwischen ein Ausmaß an, das Visit Berlin als „Riesen-Thema“ einschätzt.

So sieht der Sprecher der Tourismus-Gesellschaft, Christian Tänzler, die Blütezeit als bedeutenden neuen Faktor für das Standort-Marketing. Unter dem Stichwort „Berlin Blossom“ habe man sogar einen eigene Stadtkarte für die besten Schauplätze kreiert. „Die Leute fragen danach und begeben sich bewusst an diese Orte“, berichtet Tänzler von den Erfahrungen. Es habe sich in sozialen Medien mit den Jahren eine Gemeinschaft gebildet, die das blühende Berlin bebildert und kommentiert.

Kirschbäume am Berliner Mauerweg in Prenzlauer Berg blühen später

Nur 500 Meter weiter nördlich an der bekannten Kirschbaumallee vor den Bornholmer Gärten sind die Äste noch fast kahl.
Nur 500 Meter weiter nördlich an der bekannten Kirschbaumallee vor den Bornholmer Gärten sind die Äste noch fast kahl.© Thomas Schubert

Schönheit und Vergänglichkeit sind gemäß des japanischen Sakura-Kults in den wogenden weiß-rosa Zweigen verbildlicht. Es ist eine Aufforderung der Natur, den Moment der Blüte zu genießen. Eben weil er wieder vergeht.

Und in diesen Genuss verfallen Touristen wie Einheimische auch alljährlich auf der Kirschbaumallee an den Bornholmer Gärten – die Nummer eins der „Berlin Blossom“-Karte von Visit Berlin. Sie befindet sich rund 500 Meter nördlich der frühblühenden Kirsch-Ansammlung des Mauerparks und bildet das für Sakura-Spektakel besonders einladende „Dach“ über den Köpfen der Passanten.

Auf der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg stehen die Kirschen so früh in voller Blüte wie an kaum einem anderen Ort.
Auf der Schwedter Straße in Prenzlauer Berg stehen die Kirschen so früh in voller Blüte wie an kaum einem anderen Ort.© FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Noch sind die Zweige der Alleebäume, die sich hier berühren, aber erst zart rosa gesprenkelt. An den Bornholmer Gärten, entlang des Berliner Mauerwegs, steht die Hoch-Zeit des Sakura erst noch bevor – mit 215 Einzelexemplaren handelt es sich um das längste Kirschbaum-Spalier in Pankow und dem Osten Berlins, 1993 gestiftet von japanischen Bürgern aus Freude über die Wiedervereinigung Berlins. Doch weil es sich hier auch um eine stark befahrene Fahrradverbindung handelt, kommen sich Velo-Freunde und Blüten-Fotografen ab April leicht in die Quere.

Mauerpark – der erste Kirschblüten-Hotspot des Frühlings

Kirschblüten vor Fernsehturm.
Kirschblüten vor Fernsehturm.© Jörg Krauthöfer | Jörg Krauthöfer

An der Schwedter Straße vor dem Mauerpark, dort ist das Geschehen entzerrt, weil hier der Bürgersteig allein den Kirsch-Fans gehört. Deborah Simons hantiert mit einer Selfie-Stange, um eine ästhetische Distanz zu schaffen zwischen sich und der Kameralinse. Hinter ihr türmt sich eine rosarote Wolke. „Awesome“, nennt die amerikanische Touristin das Naturschauspiel. Auch wenn die Kirschbaumblüte nicht der Anlass ihrer Berliner-Reise gewesen sei, gelte für nächstes Mal die Erkenntnis: „Das wäre ein Grund wiederzukommen.“