Holocaust

Berliner Schüler bringen Stolpersteine zum Sprechen

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Nicole Dolif
Schülerinnen der Grundschule am Teutoburger Platz mit der 97-jährigen Holocaust-Überlebenden Eva Evans, die per Bilsdschirm zugeschaltet ist.

Schülerinnen der Grundschule am Teutoburger Platz mit der 97-jährigen Holocaust-Überlebenden Eva Evans, die per Bilsdschirm zugeschaltet ist.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Schüler der Grundschule am Teutoburger Platz erinnern mit einer App und einem Podcast an den Holocaust.

Berlin. Rosalie (10) lächelt stolz. Die Fünftklässlerin der Grundschule am Teutoburger Platz in Pankow gehört zu einer Gruppe von zehn Kindern, die gemeinsam mit ihrer Lehrerin Stephanie Mühlbauer ein ganz besonderes Projekt geschaffen haben: Sie haben die Stolpersteine vor ihrer Schule zum Sprechen gebracht.

Die drei goldglänzenden Steine an der Templiner Straße erinnern an die jüdische Familie Zeisler. Genau an dem Ort, an dem jetzt das Schulgebäude steht, lebte Daniel mit seinen Eltern, bis sie im Holocaust ermordet wurden. Drei ältere Geschwister konnten aus Nazi-Deutschland fliehen. Gemeinsam mit ihrer Lehrerin haben die Viert-, Fünft- und Sechstklässler die Geschichte der Familie wochenlang rekonstruiert. Sie haben für einen Podcast ein Interview mit einer in Israel lebenden Nachfahrin der Familie geführt, Informationen und Bildmaterial gesammelt. „Das hat sehr viel Spaß gemacht, war aber auch unheimlich traurig“, sagt Rosalie.

Zusammen mit Nicola Andersson, die im Rahmen ihrer Masterarbeit eine App entwickelt hat, mit der man den Stolperstein scannen kann und dann Informationen zu den Personen bekommt, brachten sie die Steine vor ihrer Schule zum Sprechen. Richtet der Betrachter das Handy auf die Steine, erscheinen Bilder und Informationen zu der Familie. Mittlerweile haben die Schülerinnen und Schüler bereits Informationen an vier weiteren Standorten recherchiert. Außerdem führten sie per Videoschalte ein Interview mit der in England lebenden Holocaust-Überlebenden Eva Evans. Dies und der daraus entstandene Podcast erregten sogar die Aufmerksamkeit der Queen und führten zu einem Schreiben aus Windsor Castle an die Tochter von Frau Evans, in dem die Privatsekretärin der britischen Königin das Projekt lobte.

Die Bildungsverwaltung möchte das Projekt finanzieren

„Wir würden unser Projekt gern für die Allgemeinheit zugänglich machen und für Interessierte als Spaziergang anbieten“, sagt Lehrerin Mühlbauer. Noch ist die App allerdings nur ein Prototyp auf dem Handy von der Entwicklerin Andersson. „Für die Umsetzung brauchen wir natürlich ein bisschen Geld“, sagt Mühlbauer. Die Senatsverwaltung, die bereits viele Angebote unterstützt, um Antisemitismus zu begegnen, hat auch bereits signalisiert, dass sie Mittel dafür gern bereitstellen möchte.

„Es ist mir ein wichtiges Anliegen, die Erinnerung an die Judenverfolgung und den Holocaust während der NS-Zeit wachzuhalten. Das ist uns Pädagoginnen und Pädagogen ein Bildungsauftrag“, sagte Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) bei dem Besuch des Gedenkprojekts. „Und ich bin beeindruckt, wie sehr sich Schülerinnen und Schüler hier gemeinsam mit ihren Lehrkräften und weiteren Partnerinnen und Partnern engagiert haben.“

Vor allem das Gespräch mit der 97-jährigen Eva Evans, die per Bildschirm zugeschaltet war, habe Busse tief bewegt. Die betagte Frau aus England erzählte über den Bildschirm, dass es ihr große Freude mache, mit den Kindern zu sprechen. Sie spüre, dass die Fragen der Jungen und Mädchen von Herzen kämen. das zeige ihr, dass sich in Deutschland vieles verändert habe. „Auch wenn ich als 15-jähriges Mädchen Deutschland verlassen musste und mich kaum noch erinnern kann, interessiert mich die Entwicklung noch immer sehr“, sagte Evans.

Engagement der Schüler von der Queen gewürdigt

Busse bedankte sich mehrfach für Evans Einsatz bei dem Projekt. „Kein Buch und kein Film können das Gespräch mit einem Zeitzeugen ersetzen“, sagte Busse. „Es ist so wichtig für die Kinder.“ Auch Nicholas Wareham, Botschaftssprecher der British Embassy ist begeistert von dem Projekt, das die Schüler auf die Beine gestellt haben: „Sie haben gezeigt, wie Geschichte und Erinnerung lebendig wird: mit Interesse und Aufklärung, mit persönlichen Geschichten, mit Kontakt zwischen allen Generationen und verschiedenen Ländern. Das großartige Engagement von ihnen, die Wege der Überlebenden nachzugehen, hat Königin Elizabeth II. gewürdigt. Ich schließe mich ihr an.“

Für Rosalie und ihre Freundin Aafje endet das Projekt nach den Winterferien. „Es sollen ja auch noch andere Schüler unserer Schule die Möglichkeit bekommen mitzumachen, deshalb wechseln wir alle halbe Jahre“, sagen sie. „Obwohl wir eigentlich am liebsten weitermachen würden.“ Die beiden Mädchen hoffen, dass sich bald Schulen in ganz Berlin an dem Projekt beteiligen werden und so in der ganzen Stadt Stolpersteine die Geschichten der Menschen erzählen, an die sie erinnern sollen. „Das wäre einfach richtig toll“, sagt Rosalie.