Fahrradstraße

Stargarder Straße: Pankow plant Kontrollen erst im Frühjahr

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Nikolija Korzanovic
Umgewöhnung für Autofahrer: Die Stargarder Straße in Prenzlauer Berg soll Radfahrer begünstigen. In der Praxis zeigen sich nun Schwächen bei der Umsetzung.

Umgewöhnung für Autofahrer: Die Stargarder Straße in Prenzlauer Berg soll Radfahrer begünstigen. In der Praxis zeigen sich nun Schwächen bei der Umsetzung.

Foto: Thomas Schubert

Die Zahl der Autos auf Prenzlauer Bergs neuer Fahrradstraße ist auffällig hoch. Also soll es mehr Kontrollen geben – doch das dauert.

Berlin. Drei Lieferwagen parken in der zweiten Reihe auf dem rechten Fahrstreifen. Links daneben versuchen sich Autos aus beiden Richtungen an den stehenden Fahrzeugen vorbei zu manövrieren – und zwischen den Autos ein benachteiligter Radfahrer. Diese Szene lässt sich auf der Stargarder Straße in Prenzlauer Berg täglich beobachten. Die Stargarder Straße, die durch den Helmholtzkiez führt, ist Ende Dezember zur Fahrradstraße ernannt worden. Eigentlich sollten die Radfahrenden hier das Tempo angeben und den meisten Platz einnehmen dürfen. Doch in der Praxis geht dieses Konzept nicht auf.

Auf einer Fahrradstraße ist das Autofahren nicht komplett untersagt. So dürfen zum Beispiel weiterhin Anlieferungen erfolgen – die drei Lieferwagen aus dem beschriebenen Szenario dürfen die Stargarder Straße also befahren. Auch Anwohnerinnen und Anwohner sowie Besucherinnen und Besucher und Gäste der dortigen Restaurants dürfen mit ihren Fahrzeugen auf die Stargarder Straße fahren und dort parken. Das Durchfahren ist jedoch nicht erlaubt. Wer also nicht das Ziel hat, sich auf der Stargarder Straße aufzuhalten, darf die Fahrradstraße mit seinem Auto nicht mehr befahren.

Bezirksamt Pankow: Kein Anstrich des Asphalts bei Winterwetter

Und trotzdem ist auf der belebten Straße in Prenzlauer Berg immer noch reger Autoverkehr zu beobachten – fast so, als seien die eindeutigen Schilder nicht existent. „Mir wäre die Straße gar nicht als Fahrradstraße aufgefallen“, merkt Bianca Mietke an, Anwohnerin im Helmholzkiez. Einige Hinweise dafür, dass es sich um eine Radverkehrszone handelt, gibt es eigentlich schon. So weisen Schilder an den Straßenenden darauf hin, dass Velos hier Priorität haben. Einige Parkplätze wurden mit rot-weißen Pollern abgesperrt, um mehr Fahrradabstellfläche zu schaffen. Ein wesentliches Merkmal fehlt jedoch noch: Auf dem grauen Asphalt gibt es kaum Markierungen für den Vorrang des Radverkehrs.

Grund dafür laut Bezirksamt Pankow: das Winterwetter. Straßen dürften erst ab Frühjahr wieder markiert werden, damit sie gut austrocknen können. Trotzdem hat der Bezirk sich dafür entschieden, die Fahrradstraße bereits ohne die Markierungen zu eröffnen: „Die Beschilderung ist vollständig, konsistent und ohne Widerspruch. Somit stand der Inbetriebnahme der Fahrradstraße nichts entgegen“, erklärt Ordnungs- und Verkehrsstadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU).

Pankower Fahrradnetzwerk fordert mehr Polizeikontrollen

Nun ist die Straße eröffnet, aber auf die Markierungen muss man warten. Um für einen sicheren Straßenverkehr zu sorgen, schlägt Tobias Kraudzun vom Netzwerk Fahrradfreundliches Pankow vor, mehr Polizeikontrollen auf der Stargarder Straße einzuführen: „In Bereichen, in denen sich die Straßenregeln verändert haben, muss die Ordnungsstadträtin mithilfe der Polizei dafür sorgen, dass die Straßenverkehrsordnung eingehalten wird.“ Viele Autofahrerinnen und -fahrer wüssten unter Umständen nicht, dass Fahrradfahrerinnen und -fahrer auf der Stargarder Straße nun den Vortritt haben.

Anders-Granitzki (CDU) erklärt, dass verstärkte Polizeikontrollen erst nach Fertigstellung der Gesamtmaßnahmen geplant sind, also erst nachdem die Piktogramme auf den Straßen markiert wurden.

Fehlende Lieferzonen: Transporter versperren Radfahrern den Weg

Anwohnerin Bianca Mietke ist der Meinung, dass die neuen Regelungen bei den Verkehrsteilnehmenden noch nicht angekommen sind: „Oder sie fahren hier noch aus Gewohnheit durch.“ Generell sei ihr nicht klar, welche Regeln nun für private Autofahrerinnen und -fahrer gelten. Ein weiteres Manko auf der Stargarder Straße seien die fehlenden Lieferzonen, wie Kraudzun berichtet. Denn deswegen stünden die Transportwagen auf der Straße und verengten den Platz für die Fahrradfahrer. Mit diesem Platzmangel würde man zwar noch auskommen, doch durch die Autos, die trotz neuer Verkehrsregeln durch die Straße fahren, bleibe den Radfahrern nur noch wenig vom Weg übrig.

Oda Hassepaß, Sprecherin für Fuß- und Radverkehr bei den Grünen, verteidigt die bereits stattgefundene Inbetriebnahme der Fahrradstraße: „Meiner Einschätzung nach sind in der Stargarder Straße deutlich weniger Autos und definitiv mehr Fahrräder unterwegs. Die Verkehrssituation hat sich verbessert, wenn auch noch nicht in dem Ausmaß, wie gewünscht. Das ist auch in anderen Fahrradstraßen zu beobachten, so zum Beispiel in der Pankower Ossietzkystraße. Es braucht generell ein bisschen Zeit, bis alle Verkehrsteilnehmer*innen wissen, dass es eine Änderung in der Straßenwidmung gibt und es erfordert häufig Nachbesserungen.“

Stargarder Straße soll erst einmal beobachtet werden

Am Beispiel der Ossietzkystraße ist jedoch auch zu erkennen, dass nicht alle Verkehrsteilnehmer bereit sind, sich den Änderungen anzupassen. Eine Bürgerinitiative meldet auf der Ossietzkystraße weiterhin Konflikte. So seien viele Autofahrer aggressiv, wenn ihnen der Platz auf der Straße „geraubt“ werde. Der ehemalige Pankower Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) kündigte sogar Sperren aus Pollern an, wenn Autofahrer sich nicht fügen wollten.

Pankows neue Verkehrsstadträtin Anders-Granitzki möchte nun erst einmal abwarten, bevor es auf der Stargarder Straße zu weiteren Maßnahmen kommt: „Es ist vorgesehen, die Fahrradstraße ein Jahr lang zu evaluieren. Dabei sollen die Regeltreue, das Durchgangsverkehrsaufkommen und die Verkehrsverlagerungen untersucht und bewertet werden.“ Erst dann könne man den Verkehr auf der Stargarder Straße bewerten – und möglicherweise weiter einschränken.

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