Über 800 Baumfällungen

Schutz vor Starkregen: So wird die Panke jetzt neu gestaltet

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Von der "Stinke Panke" zum Berliner Vorzeigefluss: Die Panke soll auch im Bürgerpark Pankow ein natürlich geschwungenes Ufer erhalten – aber mit Blick auf den Baumschutz nicht überall.

Von der "Stinke Panke" zum Berliner Vorzeigefluss: Die Panke soll auch im Bürgerpark Pankow ein natürlich geschwungenes Ufer erhalten – aber mit Blick auf den Baumschutz nicht überall.

Foto: Thomas Schubert / Berliner Morgenpost

Öko-Baustelle für 28 Millionen Euro: In Pankow und Mitte soll die Panke-Renaturierung Tieren und Menschen helfen. Hier geht es los.

Berlin. Solche Flutkatastrophen wie in Erftstadt oder in der Eifel wird die Panke wohl selbst nach extremen Unwettern nicht bewirken können. Auch als nach dem heftigsten Regen seit Jahren am 25. Juli Straßen und Senken in Pankow und Reinickendorf motorhaubentief unter Wasser standen, blieb der Fluss in seinem Bett. Und dennoch bildet der kleine Strom einen entscheiden Ansatzpunkt für den Hochwasserschutz im Norden Berlins. Mindestens 28 Millionen Euro wird sich das Land die Neugestaltung der Panke kosten lassen, dafür über 800 Bäume fällen müssen. Und am Ende trotzdem einen Mehrwert schaffen für Mensch und Tier.

Nach Vorplanungen, die bis ins Jahr 2003 reichen, rücken jetzt zu einer der ersten sichtbaren Maßnahmen tatsächlich die Bagger an. Ihre Schaufeln bearbeiten den Grund der Panke ganz am südlichen Ende, wo der Fluss im Bezirk Mitte in ein Hafenbecken mündet. Ein Baubeginn steht hier unmittelbar bevor. So geht es aus einer noch unveröffentlichten Anfrage des Pankower SPD-Abgeordneten Torsten Hofer hervor.

Panke bekommt dieses Jahr eine „Wanderhilfe“ für Fische

„In diesem Jahr beginnt die bauliche Umsetzung von Maßnahmen im Mündungsbereich der Panke am Nordhafenvorbecken. Hier wird das Becken entschlammt, eine Fischwanderhilfe neu gebaut und der Gewässerlauf bis zur Chausseestraßenbrücke mit dem gezielten Einbau von Strukturelementen ökologisch aufgewertet“, beschreibt Umwelt-Staatssekretär Stefan Tidow das aktuelle Programm.

Noch stärkere Eingriffe sind hingegen im Gebiet des Bezirks Pankow zu erwarten, wo sich rund drei Viertel des 27 Kilometer langen Flusslaufs durch mehrere Ortsteile und zwei beliebte Parks erstrecken. Allerdings künstlich begradigt und deshalb ungünstig für den Artenreichtum des Gewässers – und unvorteilhaft für den Schutz vor Überflutungen. Sie könnten im Zuge des Klimawandels durch vermehrte Starkregen-Ereignisse zunehmen und verlangen aus Sicht von Umweltschützern und Senatsexperten einen Rückbau zum natürlichen, geschlängelten Gewässerverlauf. Es braucht deshalb eine umfassende Renaturierung in mehreren Etappen bis zum Abschluss im Jahr 2027.

Vereinfacht gesagt bedeutet das Konzept: Wo die Panke heute durch steile Böschungen eingezwängt ist, entstehen wieder flache Auenlandschaften, wie sie vor dem Eingriff des Menschen vorhanden waren. Fischarten, die aus dem durch Abwässer getrübten Fluss verschwanden, sollen zurückkehren. Auch an Land ist es das Ziel, die neue Panke als Lebensraum für Tiere zu gestalten, die durch eine industriefreundliche Umformung von den Ufern verschwanden.

Panke-Umbau: Berlin kauft auch private Flächen

Gewunden, statt gerade, befreit von Verschmutzungen, mit Fokus auf die Natur statt auf Bedürfnisse des Städtebaus – so soll die Panke künftig durch Pankow und Mitte laufen. Wo ein Fluss Platz hat, sich bei Hochwasser über eine Aue zu ergießen, da schwindet auch die Gefahr einer Flut. Das haben die Umweltexperten in den Plänen mitbedacht. Entsprechende Einschätzungen von Fachleuten lässt sich der Senat einiges kosten. Rund 2,67 Millionen Euro in zwei Phasen flossen bisher allein in Gutachten, Planung und bauvorbereitende Maßnahmen.

Doch es ist nicht erst seit den jahrelangen Debatten zwischen dem Bezirk Pankow und dem Senat bekannt, dass dieser Plan auch harte Einschnitte bedeutet. Vor allem in den nördlichen Pankower Ortsteilen Karow und Blankenburg werden die Sägen röhren und Hunderte Gehölze weichen müssen. Laut den Auskünften des Senats auf die Anfrage von Torsten Hofer womöglich schon dieses Jahr.

Derzeit seien die Ausführungsplanungen in den Bereichen Karow und Buch bis zur Landesgrenze mit Brandenburg im Gange, teilt Staatssekretär Stefan Tidow mit. „Vorlaufend haben vorbereitende Maßnahmen wie Vermessung, Baumschnitt und Baumfällung oder archäologische Prospektionen begonnen“, beschreibt er die noch für 2021 geplanten Schritte. Dafür ist es teilweise sogar nötig, privates Gelände anzukaufen. 1423 Quadratmeter in zwei Teilflächen sind für eine „dauerhafte Inanspruchnahme“ vorgesehen. Weitere 7957 Quadratmeter an privatem Boden braucht die Senatsumweltverwaltung zumindest zeitweise während der Bauarbeiten.

Baumfällungen in Pankow: Proteste drohen vor allem in Parks

Welche Bäume am Panke-Ufer weichen müssen und welche unbedingt zu erhalten sind, bestimmen Experten im Einzelfall. Laut Tidow festgeschrieben ist „die Berücksichtigung des vorhandenen, denkmalwertgebenden Altbaumbestandes“. Ursprünglich waren 1200 Bäume durch Fällungen bei der Öko-Großbaustelle bedroht, nach letzten Planungen sind es immer noch zwischen 800 und 900.

Besonders wichtig wird die Selektion von wertvollen und verzichtbaren Gehölzen dort, wo ein größeres Publikum die Fällarbeiten verfolgen kann: Im Bürgerpark Pankow und Schlosspark Schönhausen. Nach kontroversen Debatten in den 2010er Jahren sah die Einigung zwischen Bezirk und Senat zuletzt vor, den geraden Verlauf der Panke nur noch stellenweise durch den ursprünglich gewundenen Verlauf zu ersetzen, im Bürgerpark zum Beispiel lediglich am Nordufer, wo weniger Bäume verschwinden müssten.

Zu den Maßnahmen im Bürgerpark, wo durch die Bauarbeiten zur Renaturierung umfangreiche Sperrungen drohen, nennt der Senat derzeit noch keinen konkreten Termin. Parkbesucher müssen aber in den nächsten Jahren vor allem im Abschnitt oberhalb des Musikpavillons mit Einschränkungen und Baumfällungen rechnen. Vorgesehen sind laut Tidow die „lokalen Anpassungen der vorhandenen Uferböschungen unter Berücksichtigung des Baumbestandes, Maßnahmen zur Erhöhung der Strukturvielfalt auf der vorhandenen Gewässersohle, die Anpassung vorhandener Einleitungen an die Uferböschungen und der Einbau versteckter Sicherungen an den Parkbrücken.“

Schlosspark in Pankow erhält eine neue Flutmulde

Und im Schlosspark Schönhausen? Hier wird der neue Hochwasserschutz zum Ausgleich des Pegels für die Panke optisch noch deutlicher sichtbar sein: Im rechten Uferbereich entsteht mitten im Park eine Flutmulde, die als Rückhaltebecken dient. Eine Vorkehrung, wie sie auch in manchen der nordrhein-westfälischen Hochwassergebieten als Sicherung dienen soll – für den Fall, dass erneuter Starkregen beschauliche Gewässer bedrohlich anschwellen lässt.

Berlin baut jetzt an der Panke vor, damit es niemals so weit kommt.