Corona-Krise

Pankower Kunsthaus schließt: Angst vor Rauswurf im Lockdown

Auszug am Höhepunkt der Corona-Krise: Weil ein Kunsthaus saniert wird, landen die Nutzer zur Weihnachtszeit auf der Straße.

Abgesang zum dritten Advent: Ein Künstlerkollektiv nimmt Abschied vom Pankower Bürohaus, das ihm ein Jahr lang als Arbeitsort diente.

Abgesang zum dritten Advent: Ein Künstlerkollektiv nimmt Abschied vom Pankower Bürohaus, das ihm ein Jahr lang als Arbeitsort diente.

Foto: Privat / BM

Berlin. In der vergangenen Woche war der bevorstehende Auszug noch eine traurige Angelegenheit. Doch mit der Verkündung eines erneuten harten Lockdowns am Sonntag entwickelt sich die Schließung eines Pankower Kunsthauses zum handfesten Drama. Spätestens zu Silvester fallen im DDR-Plattenbau an der Prenzlauer Promenade die Türen ins Schloss. Dann endet die kreative Zwischennutzung zugunsten einer Sanierung der landeseigenen Immobilie. So steht es in den Verträgen der Künstler mit der Hausverwaltung. Während das Coronavirus also den Alltag der Berliner Stadtgesellschaft lähmt, muss die Gemeinschaft um Illustrator Christian Badel einen Umzug organisieren. „Es wird für uns richtig brenzlig“, warnt Badel – und bittet wegen des Härtefalls um eine Gnadenfrist. Das Pikante: Der Vermieter des Hauses ist das Land Berlin.

Pankows Bürgermeister warnt vor „Nomadisierung“ von Künstlern

Dass Künstler zur Weihnachtszeit, noch dazu bei einer Verschärfung der Coronakrise, ihren Lebensmittelpunkt verlieren, dieses Problem haben Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) und Kultur-Staatssekretär Torsten Wöhlert schon vor dem Lockdown-Beschluss der Ministerpräsidenten und Kanzlerin Angela Merkel als Problem erkannt. In einem gemeinsamen Empfehlungsschreiben an den Berliner Atelierbeirat fordern sie, auf eine Räumung des Kunsthauses zu verzichten.

„Sie kennen den Ateliermarkt und wissen aus eigener Erfahrung um die Fragilität der Schaffensprozesse notgedrungen nomadisierender Kolleg*innen und jener, die auf den engen Privatbereich als Arbeitsort zurückgeworfen sind. Wir meinen, dass solidarische Gemeinschaften von Künstler*innen unterstützt werden sollten und mit diesem Blick der konkrete Fall auch anders bewertet werden könnte“, schreiben Benn und Wöhlert an den Beirat – mit der Bitte, den Fall erneut zu prüfen.

Atelierbeirat akzeptiert keine Bewerbungen von Künstlerkollektiven

Tatsächlich gäbe es aus Sicht der Politiker eine nahe liegende Lösung, den Auszug der jetzigen Hausnutzer zu vermeiden: Der Atelierbeirat müsste dazu eine gemeinsame Bewerbung der Künstlergemeinschaft akzeptieren, damit sie die Arbeitsräume nach der Sanierung des Hauses dauerhaft nutzen darf.

Diese Bewerbung liegt zwar vor, sie erhielt aber eine Absage. Aus formellen Gründen. Denn Künstler dürfen sich in Berlin nur einzeln um Ateliers bewerben, aber nicht – wie hier geschehen – als Kollektiv. „Auch wenn wir Ihre Begründung im Grundsatz sehr gut nachvollziehen können, bitte wir Sie zu überdenken, ob es nicht begründete Ausnahmen geben kann“, heißt es im Brief von Benn und Wöhlert an de Beirat.

Die gleichen Künstler mussten bereits einem Wohnprojekt weichen

Auch Pankows Bezirksverordnete wollen einen Auszug der Künstler im Lockdown nicht hinnehmen und verlangen per Dringlichkeitsantrag die Verschiebung der Räumung. „Die Künstlerförderung muss sich hier der Realität anpassen“, sagt Linken-Fraktionschef Mattias Zarbock. Und Stephanie Wölk von der SPD bittet darum „Künstler nicht in eine ungewisse Zukunft zu entlassen, obwohl ein Start der Sanierung des Hauses nicht feststeht“.

Trotz solcher Rettungsversuche müssen die Kreativen aus dem Bürobau an der Prenzlauer Promenade jetzt ihre Kisten packen. Bislang gebe es keine Zusage, die Nutzung zu verlängern, bedauert Badel. „Wir könnten höchstens unsere Sachen bis in die erste Januarwoche dort lagern“, beschreibt er den Status quo.

Zweiter Auszug innerhalb kurzer Zeit

Für die Gruppe wäre es schon der zweite Auszug binnen eines Jahren. Zuletzt hatten die Künstler Ende 2019 ihren Sitz im früheren Haus des DDR-Devisenbeschaffers Intrac in der Pestalozzistraße verloren, wo man einem neuartigen Wohnprojekt mit 320 Co-Living-Einheiten weichen musste.

Nun droht nach dem Ende der dortigen „Kunst-Etagen Pankow“ der nächste harte Einschnitt am Ausweichstandort in der Prenzlauer Promenade. Es wäre eine Verdrängung von staatlichem Grund und Boden zum Höhepunkt der Corona-Krise. Badel legt allerdings wert auf die Feststellung, dass die Künstlergemeinschaft bisher immer ein tadelloses Auskommen mit dem Atelierbeirat und der Hausverwaltung hatte. Und hofft deshalb, dass die Vertragspartner etwas anerkennen, was bis vor kurzem nicht vorherzusehen war: ein harter Lockdown zu Weihnachten und Silvester.