Neugestaltung

Fünf Sockel und zehn Filme für Berlins Thälmann-Denkmal

Ein Trio um die Dokumentarfilmerin Betina Kuntzsch darf das Monument in Prenzlauer Berg 2021 künstlerisch erweitern. Das ist ihr Plan.

Kult und Filmkunst: Betina Kuntzsch (M.) arbeitet mit Maria Wischnewski (l.) und Barbara Caveng an der Weiterentwicklung des Ernst-Thälmann-Denkmals.

Kult und Filmkunst: Betina Kuntzsch (M.) arbeitet mit Maria Wischnewski (l.) und Barbara Caveng an der Weiterentwicklung des Ernst-Thälmann-Denkmals.

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Wäre da nicht dieses immense Gewicht – Berlin hätte Ernst Thälmann schon längst von seinem graffitibesprühten Sockel gestoßen, da besteht für Filmkünstlerin Betina Kuntzsch kein Zweifel. An einem sonnigen Novembertag steht sie mit ihrem Stativ vor dem bronzenen Ebenbild des Arbeiter-Idols mit seiner für immer geballten Faust und ruft es sich noch einmal ins Bewusstsein: „Er wäre weg, hätte man ihn bewegen können.“ Man kann sagen, Kuntzschs Auftrag fing damit an, dass es politische Entscheider schließlich einsahen: Die 50 Tonnen schwere Büste des Kommunistenführers wird nicht mehr aus Prenzlauer Berg verschwinden. Aber sie verträgt weitere Sichtweisen als den Blickpunkt der DDR-Heldenverehrung. Wenn man Kuntzschs Konzept „Vom Sockel denken“ zugrunde legt, sind es sogar zehn – und jede Betrachtung eignet sich für einen Film, per Smartphone abzurufen an fünf neu aufgestellten Podesten. Eine Jury kürte diese Idee im Wettbewerb des Bezirksamts Pankow zum Siegentwurf für die künstlerische Erweiterung des Thälmann-Denkmals . Und in diesen Tagen ist die Gewinnerin des Filmpreises „Goldene Taube“ mit der Umsetzung befasst.

Erweiterung des Thälmann-Denkmals im Auftrag des Bezirksamts Pankow

Gemeinsam mit ihren Projektpartnerinnen Maria Wischnewski und Barbara Caveng, nimmt die gebürtige Prenzlauer Bergerin im Angesicht Thälmanns Maß. Fünf zusätzliche Sockel, jeder von ihnen 86 Zentimeter hoch, sollen „Herr Lehmann“, wie manche im Kiez das Denkmal nennen, ab Ende 2021 auf dem bislang kahlen Vorplatz flankieren. Nicht, dass es einen Bezug zum so benannten Roman von Sven Regener gäbe. Lehmann ist eine Amalgamierung der beiden Namen Lenin und Thälmann.

Die Existenz solch einer Bezeichnung ist nur eine von vielen Erkenntnissen aus Begegnungen mit der Bewohnerschaft der umliegenden Häuser. Und die Interviews sind noch nicht alles. Kuntzsch, Wischnewski und Caveng bauen am zentralen Ort der Plattenbausiedlung versuchsweise Sockel als Pappe auf. Erst Skizzen zeigen, wie sie leicht verschachtelt auf dem Plateau ihre Positionen einnehmen werden. Anders als der Sockel der Büste sollen sie aus Beton bestehen und nicht aus Bronze. Alle Steine werden maßstabsgerecht verkleinerte Repliken des Originals. „Sicher werden sie wie der Rest des Denkmals mit Graffiti beschmiert“, sagt Kuntzsch voraus. Vielleicht kann es sogar das Zeichen sein, dass alte und neue Elemente auf dem Platz zusammengehören.

Der Platz zwingt dazu, vor Thälmann zu stehen

Sobald Besucher die fünf Sockel als Sitzmöbel annehmen, wird etwas anders sein. „Es ist ein Platz, der dazu gemacht ist, dass man vor dem Denkmal stehen muss“, erklärt Wischnewski den Appellhof-Charakter. Die Filmproduzentin des Studios „Koberstein“ muss es wissen: „Ich wurde als Pionierin hier geweiht.“ Sie wuchs praktisch mit dem Thälmann-Kopf auf. Genau wie Betina Kutzsch, die ihre ersten 25 Lebensjahre an der Greifswalder Straße verlebte, ist sie tief an diesem Ort verwurzelt. Beide erlebten, wie die DDR Mitte der 1980er-Jahre das Gaswerk aus der Kaiserzeit abräumen ließ, um in Prenzlauer Berg Platz für die Verehrung Thälmanns zu schaffen.

Es ist eine Geschichte, die noch einmal neu erzählt werden wird – mit Hilfe der zehn Filme. Denn der eigentliche Fluchtpunkt des Kunstprojekts „Vom Sockel aus gedacht“ wird das Bewegtbild. Film Nummer eins führt den Denkmalbesuchern Originalaufnahmen von der Eröffnung des Denkmals aus dem Jahre 1986 vor Augen. Szenen von Erich Honeckers Ansprache sind unter dem Titel „Ich sehe was“ neu arrangiert. Von der Entstehungsgeschichte dieses Orts, den Plänen des Schöpfers Lew Kerbel und dem Thälmann-Mythos erzählt das Werk „Kopf - Faust - Fahne“. Eine Biografie des von Nazis ermordeten Kommunistenführer mit Rezeptionen in Ost- und West-Deutschland soll mit „Rote Zahlen“ überschrieben sein. Und die Geschichte der Thälmann-Pioniere wird unter dem Schlagwort „Halstuch“ präsentiert.

Besucher sollen mit QR-Codes zehn Filme streamen

Per Smartphone lassen sich künftig an jedem der fünf Blöcke je zwei QR-Codes scannen. So setzt oder stellt man sich künftig selbst auf einen Sockel – und gelangt via Handy auf die Internetseite des Projekts mit den Filmen. Und wer kein Smartphone besitzt? Der wird die Beiträge womöglich nebenan im Kulturzentrum „Wabe“ sehen können. Oder im Zeiss-Planetarium. Oder in einem benachbarten Kino. Für die Umsetzung mit der Kulturabteilung des Bezirksamts Pankow gibt es reichlich Ideen – 180.000 Euro liegen für die Neugestaltung bereit. „Es geht um die Fragen: Wie reflektiere ich, was da steht? Was soll das Denkmal bedeuten oder nicht bedeuten?“, sagt Barbara Caveng, der so etwas wie eine Schlüsselrolle bei dem Vorhaben zukommt. Sie darf unter dem Arbeitstitel „Ein Ausblick“ das Filmwerk über die heutigen Anwohner und Besucher des Gedenkorts ausgestalten. Und spricht mit Menschen, die täglich in einer eigentümlichen Ästhetik die Weite des Platzes durchmessen – „manchmal sind es fast ballettmäßige Bewegungen“.

Alle drei Frauen wissen, dass sie sich behutsam an die Neugestaltung des Orts begeben müssen. „Er ist emotional hoch aufgeladen“, weiß Caveng. Wer mit den Nachbarn spricht, erfährt von verschiedenen Befindlichkeiten. Die einen beklagen sich bei den Künstlerinnen über eine Rattenplage im benachbarten Park, andere wollen das Denkmal am liebsten einzäunen lassen, um Graffitysprayer fernzuhalten .

Anwohner werden zu Protagonisten des zehnten Films

Viele von denen, die über ihr Verhältnis zum bronzenen Koloss sprechen, sollen eine künstlerische Möglichkeit der Mitwirkung bekommen – indem sie Teil des zehnten Films werden. Weil es die Corona-Krise schwer macht, in die Archive der Museen und die Wohnzimmer der Leute zu kommen, freut sich Barbara Caveng über Zuschriften von Kandidaten, die über ihr Leben mit Thälmann erzählen wollen. Dementsprechend heißt die E-Mail-Adresse: dasistmeinernst@mail.de. Wer für das Kunstprojekt historische Bilder und Dokumente einsenden will, schreibt an ein zweites E-Mail-Konto: info@koberstein-film.de. Betina Kunztsch weiß schon aus eigener Lebenserfahrung, wie stark sich die Büste auf Biografien auswirkt – „das ist eine Projektionsfläche. Sogar eine ziemlich groß.“