Stadtentwicklung

Neue Häuser in Höfen von Pankower Plattenbau-Kiezen

Von Thomas Schubert
Lesedauer: 6 Minuten
Die Gesobau-Siedlung an der Vesaliusstraße in Pankow wird durch Neubauten im Innenhof ergänzt.

Die Gesobau-Siedlung an der Vesaliusstraße in Pankow wird durch Neubauten im Innenhof ergänzt.

Foto: Thomas Schubert

Die Gesobau will zwei Siedlungen aus der DDR-Zeit nachverdichten. Für einen Siebengeschosser wird auch ein Spielplatz abgerissen.

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Berlin. Als hier die ersten Mieter einzogen, galt der üppige Freiraum vor dem Fenster als Errungenschaft. Nun aber müssen sich so manche Bewohner zweier Plattenbau-Siedlungen in Pankow von der Vorstellung verabschieden, aus ihren grünen Höfen in die Ferne zu blicken. Zwei Anlagen aus der DDR-Epoche im Bezirk Pankow – die eine in der Hansastraße in Weißensee, die andere an der Vesaliusstraße direkt am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf – erhalten durch Nachverdichtung einen neuen Charakter.

Im ersten Fall sind auf dem Bestandsgrundstück 90 zusätzliche Wohneinheiten geplant, im zweiten 75. Weil die Corona-Pandemie Anwohnerversammlungen erschwert, habe man die Mieter der Anlagen zunächst mit kurzen Filmen über die Pläne informiert, sagt Lars Holborn, der Prokurist der Gesobau. Die landeseigene Gesellschaft ist Eigentümerin der Siedlungen, die Bauherrin beider Wohnungsbauprojekte – und hat zugleich wegen eines ganz ähnlichen Vorhabens mit Mieterprotesten zu kämpfen.

Protestinitiative in Pankow lehnt „neue Mietskasernen“ ab

In einem Kiez aus der Nachkriegszeit zwischen Kavalier- und Ossietzkystraße am Schlosspark Schönhausen fährt die Initiative „Grüner Kiez Pankow“ seit vielen Monaten eine Kampagne gegen die Nachverdichtung zweier Höfe mit neuen Wohnblöcken, die Aktivisten von Anfang an als „neue Mietskasernen“ gebrandmarkt haben. Inzwischen ist die Gesobau dort von ihrem Maximalpensum von 175 Wohnungen abgerückt und nennt nur noch 100 Einheiten als Ziel – der Protestinitiative ist das aber immer noch zu dicht.

Bei den beiden neuen Projekten in den Plattenbau-Siedlungen läuft die Beteiligungskampagne gerade erst an. Im Fall der Hansastraße in Weißensee plane die Gesobau „vier Baukörper, die wir an Stirnseiten angliedern wollen und damit eine Nachverdichtung erzielen“, erklärte Holborn bei der Vorstellung der Maßnahmen im Bauausschuss der Pankower Bezirksverordnetenversammlung.

Bei den Bestandsgebäuden aus den 1980er Jahre handle es sich um eines der letzten Plattenbau-Projekte der DDR – bis heute blieb das Objekt weitgehend unsaniert. Deshalb werden diese Häuser ab 2023 im Rahmen der Nachverdichtung auf einen modernen Stand versetzt. Bereits 2022 soll in der Hansastraße die Errichtung der Neubauten starten – mit dem Ziel, die Gesamtmaßnahme bis 2025 abzuschließen.

Gesobau plant Mieterbeteiligung im Corona-Modus

Weil der Corona-Infektionsschutz Vorrang hat, läuft die Bürgerbeteiligung sowohl in Weißensee als auch an der Vesaliusstraße in Pankow vorwiegend digital ab. Mitreden sollen die Bestandsmieter aber fast ausschließlich darüber, wie die Gesobau verbliebene Freiflächen gestalten soll. Was Pankows Linksfraktion für problematisch hält. „Ich könnte mir denken, dass der Eingriff aus Sicht der Anwohner in die städtebaulicher Figur nicht so attraktiv ist und man eher dazu Gesprächsbedarf hätte“, sagt der baupolitische Sprecher Fred Bordfeld. Und Fraktionschef Matthias Zarbock sagt nach Mieter-Gesprächen: „Es gibt erste Beschwerden über die Abstände der Neubauten in der Vesaliusstraße.“

Die Gesobau wiederum versichert, alle geltenden Regeln einzuhalten. Und auch Pankows Stadtentwicklungsamt sieht bislang keine gravierenden Probleme. „Es geht darum, großzügige Höfe zu erhalten und Gebäudestrukturen fortzuführen“, nennt ein Sprecher die Vorgaben für eine Genehmigung. Bislang habe man jedoch nur grobe Konzeptstudien und „keine vermaßten Pläne“ zu sehen bekommen.

Landeseigene Gesellschaften sollen 30 Siedlungen nachverdichten

Dass die Gesobau genau wie alle anderen Berliner Wohnungsbaugesellschaften ihre Objekte überprüft, hängt mit dem politischen Auftrag zusammen. Rund 23.000 Wohnungen sollen sie in 30 bestehenden Siedlungen errichten – so steht es im Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030 des Senats. Und weil man schon genutzte Flächen nicht teuer anzukaufen braucht, lässt sich der Kostenvorteil der neu eingefügten Häuser durch niedrigere Mieten weitergeben. So lautet zumindest der Plan.

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Dass die heutigen Nachbarn wenig erfreut sind, wenn zusätzliche Gebäuderiegel ihnen die Sicht verstellen, müssen die landeseigenen Gesellschaften unter dieser Zielsetzung in Kauf nehmen. Bei den Kubaturen der Neubauten in der Hansa- und Vesaliusstraße wolle man „so zurückhaltend wie möglich sein“, verspricht der Gesobau-Prokurist Holborn. „Wir sind bei der Mindestmasse, was die Wirtschaftlichkeit anbelangt.“ Gerade an der Hansastraße gebe es noch große Freifläche, die sich intelligent gestalten und mehr auf die Bedürfnisse von Familien ausrichten lassen.

Bürgerinitiative „Grüner Kiez“ sammelt 1600 Unterschriften

Am Kiez in der Vesaliusstraße, wo ab 2022 die Bagger anrollen, kommt man allerdings nicht darum herum, einen bestehenden Spielplatz zu überbauen. Das bereite bei dem Vorhaben „am meisten Schmerz“, erklärt ein Projektverantwortlicher. Anstelle des Sandkastens müssen sich die Anwohner auf einen bis zu sieben Stockwerke hohen Block in ihrem Hof einrichten. Ziel soll es sein, auf dem Gelände noch vor dem Abriss des alten Spielplatzes einen neuen eröffnen zu können. Viele Details zur Gestaltung der verdichteten Anlagen werden sich aber erst im weiteren Planungsprozess entscheiden.

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Am Ende der Vorbereitung steht die Planung für die Nachverdichtung der Gesobau-Anlage an der Kavalierstraße am Pankower Schlosspark. Während der Bauantrag für die neuen Wohnriegel beim Bezirksamt geprüft wird, wartet ein Einwohnerantrag der Initiative „Grüner Kiez“ auf eine Behandlung in den Fachausschüssen. „Es haben sich 1600 Anwohner mit ihrer Unterschrift für den Grün-Erhalt und einen dreijährigen Veränderungsstopp zum Nachdenken und nachhaltigen Planen ausgesprochen“, sagt die Bürger-Sprecherin Anja Buntrock. Mit dem Einreichen des Gesobau-Bauantrags für die Wohnriegel in den Höfen der Kavalierstraße werde dieser Antrag „torpediert“.

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