Prenzlauer Berg

Corona-Sprechstunde im Hinterhof - Anwohner protestieren

Vor den Herbstferien erleben Teststellen einen Ansturm. In Prenzlauer Berg protestieren Anwohner gegen eine neue Station in ihrem Haus.

Im Hinterhof eines Gründerzeit-Hauses an der Eberswalder Straße werden Patienten mit Covid-19-Symptomen begrüßt. Anwohner begegnen ihnen im Flur.

Im Hinterhof eines Gründerzeit-Hauses an der Eberswalder Straße werden Patienten mit Covid-19-Symptomen begrüßt. Anwohner begegnen ihnen im Flur.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Auf den ersten Blick ist es eine gewöhnliche Hofdurchfahrt am Mauerpark. Doch bis zum Hauseingang des Mietshauses an der Eberswalder Straße aufgereiht, warten in korrektem Sicherheitsabstand Besucher, die hier nicht wohnhaft sind – alle tragen Masken. Wenigstens das beruhigt die Nachbarn ein wenig.

Sorgen bereitet einer hier lebenden Frau, die anonym bleiben will, aber der Grund des Besucherandrangs: Die Maskierten warten allesamt auf die Untersuchung von Atemwegsinfekten in einem orangefarbenen Zelt im Hinterhof, jeden Morgen ab sieben Uhr. Und auf einen Corona-Test – davon ist die Frau überzeugt.

Worum es sich hier handelt, ist die so genannte „Infektsprechstunde“ einer Hausarztpraxis, die sich an einem ganz anderen Ort in Prenzlauer Berg befindet. Am Hauptsitz an der Stargader Straße nimmt sie aber nur solche Patienten an, die „keine Symptome wie Fieber, Husten und Halsschmerz sowie in den letzten 14 Tagen keinen Kontakt zu einem positiven Corona-Fall hatten“, wie es auf der Internetseite der Praxis heißt. Alle anderen sollen ins orangefarbene Zelt im Hinterhof am Mauerpark.

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Dort fanden Anwohner erst durch eigene Erkundigungen heraus, dass zwischen ihren Mülltonnen und dem Eingang zum Hinterhaus offenbar eine Corona-Teststelle eröffnet hat. „Ich finde es unmöglich, dass man hier Anwohner gefährdet und wir nicht einmal darüber informiert werden, was hier geschieht“, sagt die Frau, die eine Ansteckung mit Covid-19 befürchtet. „Wenn ich an meinen Briefkasten im Flur will, muss ich die Patienten bitten, beiseite zu treten“, erzählt sie aus ihrem Alltag.

Teststellen lehnen Corona-Atteste zum Ferienantritt ab

Eine Erklärung von der Hausarztpraxis war für die Nachbarn nicht zu bekommen. Auch eine Anfrage der Berliner Morgenpost zu den Hintergründen der ausgelagerten Infektionssprechstunde und zu den Sicherheitsvorkehrungen für Anwohner blieb unbeantwortet. Auf sämtlichen Telefonleitungen ertönt das Besetztzeichen.

Es ist ein Ton, den in diesen Tagen viele Berliner zu hören bekommen – so wie bei der ersten Corona-Welle im März und April. Die einen rufen in Praxis-Sprechstunden und Hotlines an, weil sie Klarheit darüber wollen, ob sie an Corona erkrankt sind. Die anderen wünschen sich ebenfalls dringend einen Test – weil sie ab Montag zum Start der Herbstferien verreisen wollen. Und ohne Nachweis über einen negativen Corona-Test fällt der Urlaub in Zeiten, da ganz Berlin als Risikogebiet gilt, aus. Selbst Brandenburg will keine Gäste aus der Hauptstadt mehr beherbergen, wie das Gesundheitsministerium in Potsdam am Freitag bekannt gab. Nur noch Berufspendler und Tagesausflügler werden akzeptiert – es sei denn, ein höchstens 48 Stunden alter schriftlicher Befund bescheinigt, dass man nicht an Covid-19 leidet.

„Pandemiezeit ist weder Partyzeit noch Reisezeit“

Laut Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) ist das Bitten um einen Corona-Test für touristische Zwecke generell nicht mit der Infektionslage in Einklang zu bringen. Sie empfiehlt Berlinern nun ausdrücklich, in den Ferien zu Hause zu bleiben. „Pandemiezeit ist weder Partyzeit noch Reisezeit“, sagt die SPD-Politikerin erneut.

Und das bedeutet: Die begrenzten Kapazitäten für Corona-Tests in Berlin sollen nicht durch medizinisch unnötige Zwecke zusätzlich geschmälert werden. Ein Sprecher der Senatsgesundheitsverwaltung teilt auf Anfrage dementsprechend mit, dass man in keiner der landeseigenen Teststellen mit einem Corona-Test für die Rettung seiner Urlaubsreise rechnen darf. Auch nicht an der Corona-Teststelle am Flughafen-Tegel, die laut Morgenpost-Informationen derzeit noch freie Kapazitäten hat.

„Ausreisende aus Berlin in andere Bundesländer sind nicht Bestandteil der Berliner Teststrategie“, so Moritz Quiske, Sprecher der Gesundheitsverwaltung. Und weiter: „Ausreisende müssen sich innerhalb der durch die entsprechenden Bundesländer geltenden Frist bei einem Arzt oder einer Ärztin vor Einreise testen lassen. Dieser Test ist für sie kostenpflichtig. Mit einem Testergebnis kann zwischen 24 und 48 Stunden gerechnet werden, je nach Belastung der Labore auch etwas länger.“

Anwohner der Corona-Anlaufstelle in Prenzlauer Berg riefen die Polizei

Die Zeit drängt, die Testmöglichkeiten sind beschränkt, die Telefonleitungen besetzt. Und so erklären sich auch Bilder von Schlangen auf Bürgersteigen, wie sie zum Beispiel auf der Bürknerstraße in Neukölln zu sehen sind. Hier bietet eine Ärztin laut der Zeitung B.Z. spontane Corona-Tests an, auch für Besucher ohne Symptome. Kostenpunkt: 180 Euro pro Test. Der Rachenabstrich wird hier durch ein offenes Fenster auf dem Bürgersteig erledigt.

An der neuen Corona-Station am Mauerpark in Prenzlauer Berg müssen Patienten durch die Hauptpforte in den Hinterhof treten – und begegnen im schmalen Durchgang immer wieder Hausbewohnern, wie es auch am Freitag zu beobachten war. Weil sie sich dadurch gefährdet sehen, riefen Nachbarn vor einigen Tagen die Polizei. Die verwies an das Pankower Ordnungsamt. Dort gab man die Verantwortung ans Gesundheitsamt weiter. Eine Auskunft darüber, inwiefern der Betrieb des Zelts zulässig ist, war vom Bezirksamt Pankow bisher nicht zu erhalten. Glücklich äußerte sich am Freitag dafür ein Patient, der sich im Hof untersuchen ließ. „Ich bin froh, dass ich hier einen Termin bekommen habe. Das ist momentan echt nicht leicht.“ Für die Sorge der Anwohner hat er zwar Verständnis, sagt aber auch: „Corona ist ja nicht die Pest.“