Corona-Krise

Pankows leere Corona-Klinik bleibt für Notfälle reserviert

Das frühere Krankenhaus Prenzlauer Berg hält 200 Betten für Covid-19-Patienten bereit. Pankows Gesundheitsamt gerät dadurch in Raumnot.

Das historische Krankenhaus Prenzlauer Berg soll der Behandlung von Corona-Patienten dienen.

Das historische Krankenhaus Prenzlauer Berg soll der Behandlung von Corona-Patienten dienen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Es geht darum, eine Reserve zu haben – für den Fall, dass die steigenden Corona-Infektionszahlen das Gesundheitssystem in Berlin doch noch an seine Grenzen bringen sollten. Seit April ist das Krankenhaus Prenzlauer Berg als Corona-Klinik mit 200 Betten für den Notfall gerüstet. Wenn Patienten im einwohnerstärksten Bezirk Pankow beatmet werden müssen, soll das historische Medizingebäude an der Fröbelstraße eine womöglich entscheidende Kapazitätsreserve darstellen – so sieht es der Plan der Senatsgesundheitsverwaltung vor.

Bis heute hält sich der Krankenhauskonzern Vivantes für die Aufnahme von Erkrankten bereit. Mit einem Vorlauf von 10 bis 14 Tagen könne man die Belegung starten, wie eine Vivantes-Sprecherin auf Anfrage erklärt. „Die Behandlungsteams werden regelmäßig geschult, um dort eingesetzt werden zu können“, heißt es. Doch der Notfall blieb aus. Die Zahl der Patienten: Null.

Mit der großen Corona-Klinik in den Messehallen am anderen Ende Berlins in Westend, wo rund 800 Covid-19-Patienten Platz finden könnten, hat das Pankower Krankenhaus etwas gemein: Auch am Standort Prenzlauer Berg war die Aktivierung des Betriebs bislang unnötig. Ein Glücksfall, wie die Gesundheitsverwaltung und das Bezirksamt Pankow betonen. Aber so wie die Messehallen für ihre eigentliche Bestimmung bis auf weiteres nicht mehr zur Verfügung stehen, so bleibt auch das Krankenhaus Prenzlauer Berg für wichtige Zukunftsplanungen blockiert.

Corona-Krise: Pankows Gesundheitsamt will ins Krankenhaus ziehen

Im Gesundheitsamt Pankow, dessen Kontaktpersonen-Nachverfolgung auf verschiedene Räumlichkeiten im Bezirk verstreut ist, schielt man sehnsüchtig auf die Immobilie, die dem Bezirk schon vor Jahren zur Nachnutzung versprochen war. „Wir müssen zusehen, dass wir schnellstmöglich dort reinkommen. Das wäre für uns tatsächlich der Idealfall“, sagt Pankows Gesundheitsstadtrat Torsten Kühne (CDU) zum Szenario, dass die Klinik zur Corona-Zentrale der 410.000 Einwohner starken Kommune wird.

„Derzeit ist das aber noch ein voll funktionsfähiges Notfallkrankenhaus und steht ständig bereit, wenn die Infektionszahlen weiter steigen.“ Schon vor Corona habe man einen „intensiven Blick“ auf den Standort mit der Adresse Fröbelstraße 15 geworfen – schon weil die heutigen Dienstgebäude des Bezirksamts in Prenzlauer Berg gleich daneben liegen.

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Als Vivantes die Klinik 2019 stilllegte und seine Abteilungen am Standort Friedrichshain konzentrierte, war eigentlich klar, dass der Backsteinbau möglichst bald in die Nutzung des Bezirks übergeht – zumal schon vor der Corona-Krise Büroflächen fehlten. Mit den neuen Aufgaben des Gesundheitsamts während der Pandemie gilt das erst recht. Doch das Notfall-Szenario bekam Vorrang. Und Vivantes kehrte ab April 2020 in die Fröbelstraße 15 zurück.

Als Zentrale zur Kontaktpersonen-Nachverfolgung des Bezirks dient deshalb das stark belegte Rathaus Pankow, wo auch die bezirkseigene Corona-Hotline für die Bürger betreut wird. Durch zehn Mitarbeiter, die hauptsächlich aus dem Fachbereich Kultur stammen. Mit insgesamt 84 Vollzeitstellen arbeite das Gesundheitsamt derzeit laut Kühne „hart an der Belastungsgrenze oder darüber“. In Spitzenzeiten der Pandemie habe man 100 Posten vorhalten können, wie es das Robert-Koch-Institut empfiehlt. Aber die Zielsetzung bleibt unverändert hoch: Die komplette Kontaktpersonennachverfolgung der im Bezirk gemeldeten Corona-Infizierten binnen eines Tags.

Obwohl Pankow mit einer Inzidenz von durchschnittlich 20 Infizierten auf 100.000 Einwohner im Berliner Vergleich noch glimpflich davonkommt, gelingt dieses Ziel nur mit einem „agilen Personalmanagement“ – und der Schützenhilfe anderer Abteilungen des Bezirks. „Wir schaffen es mit der Verfolgung der Kontaktpersonen gerade so binnen eines Werktags“, sagt der Gesundheitsstadtrat.

Nicht nur ihm, sondern auch den Amtskollegen in anderen Bezirken bereitet eine neue Tatsache Sorge: Das Infektionsgeschehen in Berlin verläuft zunehmend „diffus“. Die Erkrankungen lassen sich also nicht mehr größeren Ausbrüchen zuordnen und damit klar eingrenzen. Weil sich Berliner wieder häufiger als im Frühling treffen, haben es die Bezirke nun oft mit Listen von 200 Kontaktpersonen pro Krankheitsfall zu tun – die alle einzeln kontaktiert werden müssen. Trotz erhöhter Fallzahlen bleibt die Zahl der Personen, die mit einen schweren Corona-Verlauf im Krankenhaus behandelt werden müssen, aber auf niedrigem Niveau.

Land Berlin soll Zusatzkosten der Krankenhäuser decken

Um die Kosten durch hohe Bettenreserven für den Ernstfall aufzufangen, hat Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) den Berliner Krankenhäusern zusätzliche Landesmittel in Millionenhöhe in Aussicht gestellt. Sie setze sich dafür ein, dass das Land Berlin die Co-Finanzierung übernehmen solle, wenn die Kliniken im Rahmen des Krankenhauszukunftsgesetzes eine weitere Finanzspritze bekommen, sagte Kalayci (SPD) kürzlich dem Gesundheitsausschuss. Wie Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhaus-Gesellschaft, erläuterte, geht es dabei bundesweit um drei Milliarden Euro, von denen 150 Millionen für Berlin gedacht seien.

Vereinbart sei, dass die Bundesmittel um weitere 30 Prozent aufgestockt werden sollen, sagte Schreiner. Es stehe die Möglichkeit im Raum, dass das Land die Krankenhausträger zur Co-Finanzierung heranziehen könnte. Schreiner äußerte die „ganz dringende Bitte“, dass die Co-Finanzierung aus Landesmitteln ermöglicht werden sollte. Gesundheitssenatorin Kalayci sagte: „Ich habe die Zusage gemacht, dass ich mich sehr dafür einsetzen werde, dass die 30 Prozent komplett vom Land Berlin übernommen werden. Das wären 66 Millionen Euro. Wir sind noch in den Verhandlungen senatsintern, aber ich kann Ihnen schon einmal sagen, es sieht gut aus.“

Auch wenn die Krankenhäuser ihre Zusatzkosten beglichen bekommen, sind die Platzprobleme durch Notfallkrankenhäuser, die für andere Nutzungen blockiert sind, nicht gelöst. In Pankow richtet sich das Gesundheitsamt darauf ein, dass der Einzug in die Klinik an der Fröbelstraße so bald nicht gelingt. Deshalb gibt es laut Stadtrat Kühne auch einen Plan B. Man müsse auch den Einzug des Amts und der Kontaktpersonen-Scouts in den Ratskeller im Rathaus Pankow prüfen – diese Gaststätte steht als eine von ganz wenigen Räumlichkeiten derzeit leer.