Abschied von Tegel

Himmlische Ruhe: Pankower feiern die Tegel-Schließung

Bürger wollen den letzten Flieger am Pankower Dorfanger feierlich verabschieden. Doch die Ruhe könnte zu steigenden Mieten führen.

Biergarten mit Aussicht: Von der Gaststätte auf dem obersten Parkdeck eines Einkaufszentrums nahe Tegel lassen sich die Flieger beobachten – noch.

Biergarten mit Aussicht: Von der Gaststätte auf dem obersten Parkdeck eines Einkaufszentrums nahe Tegel lassen sich die Flieger beobachten – noch.

Foto: dpa Picture-Alliance / Arno Burgi / picture-alliance/ dpa

Berlin. Es wird der einzige Tag in der Geschichte von Tegel sein, an dem Pankow auf Ostwind hofft. Denn bei dieser Wetterlage dröhnen die Flugzeugtriebwerke bei Startmanövern über dem Rathaus-Turm an der Breiten Straße am lautesten. Gleich nebenan soll am 7. November auf dem alten Dorfanger das letzte Aufkreischen der Turbinen eines Passagierflugzeugs im Jubel der Anwohner untergehen. Ein letztes Mal ertönt dann das Geräusch, das sie jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr aus dem Bett riss und erst spätabends in die Nachtruhe entließ – die aber zuletzt dank Ausnahmegenehmigungen immer öfter durch Landeanflüge unterbrochen war.

Das letzte Dröhnen eines Fliegers am Himmel über der Rathausturm, es wird für die Initiative „Pankow sagt nein zu Tegel“ und das Bündnis befreundeter Gruppen ein Triumph. „Der Flughafen wird wegen uns geschossen. Es ist unser großer Erfolg“, beschreibt Sprecher Berend Hendriks die Vorfreude auf den Tag, der das Leben in der Einflugschneise für immer verändern wird. Der Moment, in dem der Stadtteil genau wie die anderen lärmbelasteten Gegenden in Reinickendorf und Spandau, mit einem Mal vom Fluglärm befreit werden, will die Initiative „Pankow sagt nein“ nutzen, um dem jahrelangen Widerstand gegen eine mögliche Offenhaltung von TXL ein Gesicht zu geben.

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Zu Wort kommen sollen Schüler, die bei sommerlicher Hitze die Fenster ihrer Klassenzimmer geschlossen halten mussten. Die Ärzte, die nicht daran vorbeikamen, Patienten in ihren Wartezimmern dem Krach aussetzen. Die Schichtarbeiter, die im Takt des Flugplans schliefen. Als Tegel 2019 mit 24 Millionen Fluggästen einen Passagierrekord brach, donnerte alle zwei Minuten ein Airbus oder eine Boeing über die von Ruß geschwärzten Dachfirste. Gesprächspausen, die ein Überflug erzwingt, nennt man in Pankow „gelerntes Verhalten“. Kein Wunder: Beim Volksentscheid über die Offenhaltung von Tegel 2017 war der Stadtteil Berlins Zentrum des Widerstands, viel mehr als das ebenfalls stark betroffene, aber Tegel-affine Spandau.

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Auch die Tegel-Gegner zollen dem Flughafen Tribut

„Ein Volksentscheid auf Kosten einer Minderheit ist problematisch und nicht gerecht“, zeigt sich Karl Kremer auch von der Pankower Protestinitiative heute noch wütend darüber, dass 2017 eine Mehrheit der Berliner die Lärmgeplagten in der Einflugschneise überstimmen konnte. Nun kommt drei Jahre nach dem knappen Votum für Tegel die Genugtuung: Der City-Airport schließt. Die Leidtragenden triumphieren. Aber das Ausmaß der Party dürfte sich wegen der Pandemie in Grenzen halten.

Wie groß das Fest am Pankower Dorfanger ausfallen kann, wird abhängen von den Möglichkeiten der Corona-Regeln zu dieser Zeit. Wenn kein Volksfest ratsam sein sollte, wollen Hendriks und seine Mitstreiter die Vielgesichtigkeit des Widerstands gegen Tegel eben digital abbilden. Ob man zur Verabschiedung des letzten Fliegers gemeinsam mit dem Bezirksamt Pankow ein Programm aufzieht oder für sich feiert, ist noch nicht entschieden. Hendriks sieht das Aus von TXL als Sieg des Realismus über die Nostalgie und sagt: „Es war ein toller Flughafen. Und wir verstehen, dass man ihn würdigt. Aber jetzt ist es vorbei.“

Wofür es bei „Pankow sagt nein“ zu keiner Zeit Verständnis gab, war die politische Vereinnahmung der Stimmung zur Tegel-Offenhaltung durch die Berliner FDP. Protestaktionen gegen den Fluglärm richteten sich deshalb auch gegen die Liberalen. Unvergessen bleibt den Flughafen-Gegnern ihre Kundgebung vor der FDP-Zentrale, als die Initiative über Lautsprecher Turbinen-Geräusche abspielte. Und den Platz räumen musste, mit der Begründung, dies sei zu laut.

So wird der Abschied vom Airport auch noch einmal dazu dienen, die politische Lage beim Kampf um Tegel zu rekonstruieren – nicht nur in Pankow. „Die Schließung des Flughafens Tegel ist für viele unserer Mitstreiter sicherlich ein Grund zum Feiern. Schließlich haben sie viele Jahre darum gekämpft, dass die Politik ihre Zusagen einhält und für TXL mit der Eröffnung des BER die Betriebserlaubnis erlischt. Es war ein hartes Ringen mit Höhen und Tiefen, oft sehr emotional und auch aggressiv ausgetragen“, blickt Klaus Dietrich auf den Konflikt zwischen Tegel-Befürwortern und Gegnern zurück.

Er vertritt eine zweite große Protestgruppe, die in den vergangenen Jahren vor allem für Lärmopfer aus Reinickendorf sprach. Ihr Name war Programm: „Tegel endlich schließen“. Als Physiker weiß Dietrich, wie schädlich Schall wirken kann. Und wie viele Leidtragende, bekam er Routine darin, die kleinen und großen Passagierjets am Geräusch zu unterscheiden.

Tegel wird Technologiestandort und Wohnquartier

Durch die Corona-Krise sind seit dem Frühling wenigstens die meisten der besonders eindringlich aufheulenden Langstrecken-Flugzeuge Berlin fern geblieben. Dass es nach dem Lockdown und der zeitweisen Ausdünnung des Flugplans nicht gelang, Tegel vorzeitig zu schließen, sieht Dietrich als Fehler an. Er spricht von einer „völlig sinnlosen und nicht nachvollziehbaren Entscheidung“, die aus seiner Sicht der Angst um Wählerstimmen geschuldet war. Nun, da die Schließung im November wirklich naht, blickt man bei „Tegel endlich schließen“ mit Genugtuung auf den langen Kampf um Ruhe zurück.

„Wir empfinden es als hoch gerecht, dass die Anwohner nach langen Jahren der Belastung durch einen stetig ansteigenden Lärmpegel und den damit verbundenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen erlöst werden“, sagt Dietrich zum Erfolg, den sich die Protestinitiativen ankreiden wollen. Auch er ist dankbar für die Zeit, als Tegel Berlins „Tor zur Welt“ war. „Aber man muss auch loslassen können. TXL wird als Flughafen nicht mehr gebraucht. Er wird aber in seiner neuen Funktion als Technologiestandort und als neues Wohnquartier eine würdige Nachfolge darstellen.“

TXL ist der beste Flughafen - nur leider am falschen Ort

Auch in Spandau hatte so mancher Lärmgeplagter auf die Nachnutzung gehofft – lieber früher als später. Für den Abend des 2. Juni 2012, als der Flugverkehr am Flughafen Tegel ursprünglich beendet werden sollte, hatte Reinhardt Wilk ein großes Fest geplant. Freunde waren eingeladen, seine Frau hatte kleine Flugzeuge als Dekoration ausgeschnitten. Dann wurde die Eröffnung des neuen Flughafens BER abgesagt – und Tegel blieb offen.

„Die Enttäuschung war groß“, erinnert sich der Spandauer, der sich seit Anfang der 2000er-Jahre in der Bürgerinitiative „Bürgerinnen und Bürger gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen“ engagiert hat. Ein Fest will er dieses Jahr nicht noch einmal veranstalten. „Das Risiko gehe ich nicht nochmal ein“, sagt er, fügt aber hinzu: „Es sah allerdings noch nie so gut aus.“

Wilk sehnt die Schließung von Tegel seit Langem herbei, dabei kann er durchaus ins Schwärmen über den Airport geraten. „Vom Konzept her ist das der beste Flughafen, den ich weltweit erlebt habe“, sagt er, „nur liegt er leider am falschen Ort“. Wilk wohnt seit 1980 im Falkenhagener Feld, sein Haus liegt in der Einflugschneise. Die Landungen seien noch moderat. „Aber bei den Starts sieht es anders aus. Dann ist es so laut, dass man sein Gespräch unterbrechen muss.“ Zu Stoßzeiten, etwa am Morgen, habe er bis zum Beginn der Corona-Pandemie die Maschinen teilweise im Anderthalb-Minuten-Takt vorbeifliegen gehört. Ähnlich ist das in anderen Bereichen von Spandau, etwa in der Wasserstadt oder in der Neustadt.

Milieuschutz soll vor Verdrängung schützen

Die Neustadt ist, zusammen mit der Wilhelmstadt, erst vor Kurzem als Milieuschutzgebiet ausgewiesen worden, was die Verdrängung von Mietern verhindern soll. Dabei wurde auch auf die erwartete Schließung von TXL verwiesen. Denn durch die anschließende Umnutzung und die damit einhergehende Entlastung vom Fluglärm könnten weitere Aufwertungstendenzen erwartet werden, hieß es in der Verordnung. Schon in den vergangenen Jahren wurden in der Neustadt zahlreiche Miet- in Eigentumswohnungen umgewandelt.

Die Wasserstadt ist bereits heute ein zentrales Gebiet für den Neubau von Wohnungen, wohl auch in Erwartung des baldigen Endes vom Fluglärm. Auch Wilk ist sich sicher, dass die Grundstückspreise im Bereich der Einflugschneise nach der Tegel-Schließung steigen werden. Zudem hofft er, dass manche Ausflugslokale an der Havel wiederbelebt werden können, die mit zunehmendem Lärm geschlossen wurden.

Überall, wo auf Lärmkarten im Norden Berlins ein tiefroter Korridor mit über 55 Dezibel ausgewiesen war, bringt die Ruhe eine neue Lebensqualität. Knapp 300.000 Berliner waren laut einer Erfassung der Senatsumweltverwaltung von Fluglärm betroffen. Steigt mit einkehrender Stille nun die Miete? Droht den Tegel-Anrainern ein „Tempelhof-Effekt“, der bei der letzten Flughafen-Schließung südlich des Zentrums zu beobachten war?

Der Pankower Linken-Abgeordnete Udo Wolf sieht mit der Neunutzung des Flughafen-Geländes eher eine Entlastung für den Wohnungsmarkt kommen. Allein die 5000 Wohnungen im Schuhmacher–Quartier können aus Wolfs Sicht helfen, den Wohnraummangel in Berlin zu lindern. Was auch dem benachbarten Pankow helfe. „Gleichwohl ist es richtig, dass wenn Wohnlagen durch weniger Lärmbelastung attraktiver werden, Miet- und Kaufpreise für Wohnungen steigen können. Allerdings betrifft das die Mieten in den nächsten fünf Jahren in Berlin und damit auch in Pankow sicher nicht im Bestand, denn dafür haben wir in Berlin den Mietendeckel“, sieht der Linken-Politiker den Schutz für heutige Anwohner gegeben.

Im Mietspiegel fällt ein Negativmerkmal weg

Beim Berliner Mieterverein erwartet man sehr wohl Aufwertungstendenzen, die sich sogar bis über den Stadtrand hinaus ziehen können – bis nach Falkensee. „Es wäre ein natürliche Entwicklung, wenn sich mit der wegfallenden Lärmentwicklung etwas im Mietspiegel ändert“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Sebastian Bartels. Mit dem Krach eines Airports falle in der Einflugschneise im Mietspiegel ein „Negativmerkmal“ weg. „Investoren ist klar, dass bei Immobilien vor allem im Osten von Tegel deutliche Steigerungen zu erwarten sind“, erklärt Bartels mit Blick auf Reinickendorf und Pankow. Für gefährlich hält der Verein die Umwandlung von Miet- und Eigentumswohnungen, was auch in Milieuschutzgebieten mit Hilfe von Ausnahmeregelungen gelingt.

Dieser Trend zur Umwandlung in Eigentumswohnungen sei auch nach Einführung des Mietendeckels ungebrochen, beobachtet Bartels. Dabei führe die Ausweisung von immer neuen Milieuschutzgebieten dazu, dass der Druck sich weiter nach außen verlagere. „Der Mietendeckel hat dem nicht Einhalt geboten“, stellt er fest.

Bezirksamt Pankow beobachtet Lage mit Sorge

Auch das Bezirksamt Pankow beobachtet die Lage im sozialen Erhaltungsgebiet Pankow Zentrum mit Sorge, spätestens seitdem Ende Mai die Büros Argus und Stern eine aktuelle Untersuchung vorlegten. Darin wird der Aufwertungsdruck in Pankow als „mittel bis hoch“ geschildert – mit vergleichbaren Trends wie in Altbauvierteln von Prenzlauer Berg, die ebenfalls analysiert wurden. „Rege Bautätigkeit“, steigende Bestandsmieten und ein „dynamisches Verkaufsgeschehen“ seien in Alt-Pankow ebenso zu beobachten. Trotz des Fluglärms zum Zeitpunkt der Analyse.

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der erwarteten Tegel-Schließung und den Entwicklungen auf Pankows Immobilienmarkt? Berend Hendriks von „Pankow sagt nein“, sieht Kostensteigerungen eher im Zusammenhang mit dem Gesamtgeschehen in Berlin. „Die Effekte sind eher dem allgemeinen Wohnraummangel geschuldet“, meint der Sprecher. Eine befürchtete Mietsteigerung mit der Argumentation gegen eine Flughafenschließung zu verbinden, hält er für falsch. Und sagt: „Entweder die Miete ist hoch mit viel Lärm. Oder die Miete ist hoch ohne Lärm.“

„Einige von uns wollen sich künftig für den Klimaschutz einsetzen“

Was aber wird aus der Initiative, wenn die unliebsame Geräuschkulisse am 7. November verschwindet? In dem Moment, wenn der Zusammenschluss sein Ziel erreicht, verliert er zwar seinen Daseinszweck. Aber die Lust am Engagement für Umwelt- und Gesellschaftsthemen beim harten Kern von rund 500 Mitgliedern wird wohl auf verschiedene Weise überleben. „Einige von uns wollen sich künftig für den Klimaschutz einsetzen“, sagt Karl Kremer, einer der Aktivisten. Andere, wie Berend Hendriks, werden sich wahrscheinlich bei den BER-Fluglärm-Initiativen im Süden Berlins engagieren. Oder in Kampagnen zur Abschaffung von Inlandsflügen, die man im Bündnis als obsolet empfindet. Wie durch politischen Druck Ruhe erzwungen wird, das wissen sie in Pankow.

Aber natürlich möchten auch viele Mitstreiter ab November einfach ein ganz normales Leben führen, davon ist Hendriks überzeugt. Nach dem Kampf gegen Tegel ist plötzlich Zeit für ein neues, nicht ganz so zeitaufwendiges Hobby.

Danke, Tegel!

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