Bildung

Drei Schulen zu wenig: Pankower Kinder pendeln bis Spandau

Der familienreichste Bezirk lässt mehr als 2000 Kinder auswärts unterrichten. Bis zu eine Stunde Fahrzeit ist möglich – trotz Corona.

Schüler, die von Pankow nach Spandau zum Unterricht fahren, sind täglich rund zwei Stunden mit Bussen und Bahnen unterwegs.

Schüler, die von Pankow nach Spandau zum Unterricht fahren, sind täglich rund zwei Stunden mit Bussen und Bahnen unterwegs.

Foto: Franziska Kraufmann / dpa (Symbolfoto)

Berlin. Zu Hause in Pankow, zum Unterricht nach Spandau – in Berlin gilt das als normaler Schulweg. Denn Pankow hat vor allem an Oberschulen seit Jahren zu wenige Plätze. Und musste auch in diesem Sommer Familien enttäuschen, die einen kurzen Schulweg für ihren Nachwuchs fordern.

Recherchen der Berliner Morgenpost ergaben: Insgesamt werden über 2000 Kinder aus dem nord-östlichen Bezirk ab kommenden Schuljahr Klassen in anderen Teilen der Stadt besuchen. Am Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasium in der Spandauer Siemensstadt wird derzeit sogar eigens eine zusätzliche siebte Klasse eröffnet, um dort 30 Kindern aus Pankow den Unterricht zu ermöglichen.

Bis zu einer Stunde Fahrzeit pro Strecke ist nach dem jetzigen System zur Vergabe von Plätzen an Oberschulen zumutbar. Dieses Zeitlimit wird besonders im Fall von Familien aus Pankow – mit rund 75.000 Kindern der mit Abstand nachwuchsreichste Bezirk Berlins – ausgeschöpft, wie sich nun zeigt.

Statt räumlicher Nähe zählt bei Schulen die Neigung

Weil laut Bezirksamt im Gebiet der drei früheren Einzelbezirke Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee derzeit drei Oberschulen fehlen, gehen entsprechend viele Kinder auf Reisen. Im Extremfall bis nach Zehlendorf, Grunewald oder Spandau. „Traditionell ist der Bezirk Pankow im Oberschulbereich auch auf Schulplätze in anderen Bezirken angewiesen“, bestätigt Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) das Phänomen des Ungleichgewichts zwischen der Zahl von Kindern und freien Plätzen. „Insgesamt sind über 2000 Pankower Schüler an Schulen in anderen Bezirken. Das ist rechtlich zulässig, weil bei Oberschulen ganz Berlin als Einschulungsbereich gilt“, erklärt der Stadtrat zur aktuellen Situation. Im Bezirksjournal „Pankow News“ wird die Zahl der pendelnden Schüler sogar noch höher angegeben: dort ist von 3000 Jugendlichen die Rede. Dass Schulwege von bis zu einer Stunde hinzunehmen sind, sei bereits überprüft worden und gerichtlich bestätigt. „Das ist selbst nach Spandau möglich“, bestätigt Kühne die Zulässigkeit der Fahrstrecke.

Auch die Senatsverwaltung für Bildung hat gegen entsprechende Schulwege von täglich rund 25 Kilometern mit Hin- und Rückweg keine Einwände. Und verweist auf die Vorteile des Verfahrens, bei dem nicht die räumliche Nähe ausschlaggebend ist, sondern die Neigung. Das erlaube, dass sich Kinder für Wunschschulen im gesamten Stadtgebiet bewerben könnten. „Gut 90 Prozent erhalten auch einen Platz an ihren Wunschschulen, deshalb hat sich das nun schon seit zehn Jahren gültige Verfahren weitgehend bewährt“, sagt ein Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die selbst aus Pankow stammt.

Trotzdem bleiben Kapazitätsengpässe ein Problem. Denn auch Pankows Grundschulen sind „übernutzt“, wie der Bezirk bestätigt – es müssen mehr Kinder aufgenommen werden als nach der Vorgabe des Senats wünschenswert ist. Für optimale Raumbedingungen bräuchte man schon jetzt vier weitere Grundschulen. Um das Defizit aufzufangen, startete in Berlin die Schulbauoffensive, die nun auch für Pankow Entlastung bringen soll. So arbeitet Stadtrat Kühne bis 2030 Pläne für 24 neue Schulen ab. Und weil das noch nicht reicht, kommen 45 Ausbaumaßnahmen an bestehenden Standorten hinzu. 12.000 weitere Kinder gilt es bis Ende des Jahrzehnts zu versorgen. „In einer Übergangsphase kommt es für einzelne Schüler zu Härten“, sagt Scheeres Sprecher und bestätigt auch, dass es Beschwerden gibt. „Doch muss auch gesagt werden, dass etwa 1000 Pankower Schüler von sich aus Schulen in anderen Bezirken anwählen, vor allem in Lichtenberg.“

Um das Ungleichgewicht zwischen den Bezirken, die zu viele Schüler haben, und denen mit zu viel freien Kapazitäten auszubalancieren, stimmt sich die Bildungsverwaltung regelmäßig mit den Bezirken ab. Dazu dienen sogenannte Ausgleichskonferenzen im Rahmen der Aufnahmeverfahren für die siebten Klassen. Dabei würden die noch offenen Plätze in Klassenstufe sieben mit den noch zu vermittelnden Schülern ohne Platz abgeglichen, erklärt die Bildungsverwaltung. Das Ergebnis: ein „überbezirklicher berlinweiter Austausch“.

Den findet auch der Landeselternausschuss nicht falsch – mit Verweis auf das Prinzip der freien Schulplatzwahl in Berlin. Oftmals seien Familien ein besonderes Profil einer Schule wichtiger als die Nähe zum Wohnort, sagt der Eltern-Vorsitzende Norman Heise. „Dass es auch größere Pendelbewegungen gibt, ist in der Tat nicht ungewöhnlich“, äußert er sich zum Fall des Schulwegs von Pankow und Spandau. In der Regel würden größere Strecken „mehr oder weniger freiwillig“ zurückgelegt, um Lernorte mit einem besonderen Schwerpunkt zu erreichen. Wenn man aber mit dem Ausgang des Vergabeverfahrens unzufrieden sei, zum Beispiel wegen der Distanz, dann rät Heise Familien zur Eigeninitiative. Man könne dann selbstständig näher gelegene Schulen abtelefonieren, weil sich kurzfristig hin und wieder noch Änderungen ergeben und Schüler spontan nachrücken können.

Spandauer Gymnasium will Pankower auf Klassen verteilen

Das Siemens-Gymnasium in Spandau hat die Neuzugänge aus Pankow jedenfalls fest eingeplant. Räumlich sei eine zusätzliche Klasse möglich, auch wenn nun alles etwas enger werde, sagt Schulleiterin Claudia Kremer. Zur Verfügung stünden damit bis zu 30 Plätze für Pankower Jugendliche, wobei diese auf die nun fünf siebten Klassen verteilt werden sollen. „Das Schulamt ist an mich herangetreten und hat gefragt, ob ich bereit wäre, eine weitere siebte Klasse einzurichten“, sagt Kremer. Sie stimmte zu, zu helfen.

Dass ein besonders langer Schulweg zwischen Pankow und Spandau während der Corona-Pandemie ein Infektionsrisiko birgt, halten sowohl das Bezirksamt Pankow als auch der Landeselternausschuss für unwahrscheinlich. „Es ist noch kein Fall nachgewiesen, in dem sich ein Kind in öffentlichen Verkehrsmitteln infiziert hat“, betont der Ausschuss-Vorsitzende Heise. Auf das gleiche Argument stützt sich Stadtrat Kühne, wenn er sagt: „Ein besonderes Risiko im Hinblick auf die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs besteht nicht. Im ÖPNV gilt nicht umsonst auch eine Maskenpflicht.“