Verkehrswende in Berlin

Pankows Grüne zeigen Vision für Wohnstraßen ohne Parkplätze

Fahrradgaragen und Gärten statt Blech: In Alt-Pankow sollen Parkplätze verschwinden. Neue Begegnungszone vor Rathaus Center.

Autos in die Quartiersgarage, Kinder auf die Straße: So stellen sich Pankows Grüne und der Planer Martin Aarts die Kavalierstraße in Pankow im Jahr 2030 vor.

Autos in die Quartiersgarage, Kinder auf die Straße: So stellen sich Pankows Grüne und der Planer Martin Aarts die Kavalierstraße in Pankow im Jahr 2030 vor.

Foto: MLA+/Martin Aarts / BM

Berlin. Autos gibt es schon noch. Aber sie verschwinden in einer Quartiersgarage statt vor Gründerzeithäusern unter Laternen in Alt-Pankow zu parken. Hier entstehen Spielplätze und Urban Gardening-Kästen auf ehemaligen Stellplätzen. Dazu eine Fahrradstraße mit Parklets am Schlosspark, eine neue Straßenbahnlinie neben einem grünen Radweg auf der Mühlenstraße. Und dann ist da noch die Begegnungszone mit Tempo 20 zwischen dem Dorfanger an der Breite Straße und dem Einkaufszentrum Rathaus Center: Pankows Grüne haben eine Vision für fünf Straßenbereiche, die manch leidenschaftlichen Autofahrer zusammenzucken und bekennende Radfahrer hoffen lässt. Die Fraktion um die Vorsitzende Cordelia Koch lässt bei ihrem neuen Konzept Stadtraum 2030 für Alt-Pankow nicht nur Simulationsbildern sprechen, sondern auch Anwohner und renommierte Planer. „Das ist eine Hilfestellung zum Umdenken“, sagt Christoph Michael vom Büro MLA+, das im Auftrag der Grünen mit Fantasie und Detailverliebtheit planen durfte

Grüne zeigen Vision einer Begegnungszone an der Dorfkirche Pankow

Gemeinsam mit MLA+, geleitet vom niederländischen Experten Martin Aarts, legen die Lokalpolitiker farbenfrohe Animation vor für Wohnstraßen ohne Parkplätze und einen verkehrsberuhigten Kiezmittelpunkt am Dorfanger. Vor dem Rathaus Pankow ragt eine Tribüne auf, um einen Versammlungsort zu schaffen, wie ihn Martin Aarts in seiner Zeit als Stadtplaner in Rotterdam schon einmal verwirklicht hat. Fußgänger sollen sich gleichberechtigt mit Autos auf der Breite Straße bewegen können, wenn sie von der Tribüne ins Rathaus Center hinüberlaufen wollen. Denn das ist das Prinzip einer Begegnungsszone, wie man sie aus der Maaßenstraße in Schöneberg oder der Bergmannstraße in Kreuzberg kennt.

Aber wie viel Kreuzberg oder Rotterdam verträgt Alt-Pankow? Das wollen die Grünen gemeinsam mit Anwohnern herausfinden. Eine erste wissenschaftliche Befragung mit 400 Teilnehmern ist bereits abgeschlossen und erbrachte eine knappe Mehrheit für Maßnahmen gegen die Dominanz des Autos: 40 Prozent der Teilnehmer wünschen sich weniger Parkplätze, um Raum für Erholung und Freizeit zu gewinnen. 32 Prozent vertreten wiederum eine Gegenposition, wollen eher mehr Parkplätze als weniger.

Straßen ohne Parkplätze: Tests an zwei oder drei Orten in Pankow

Noch stehen Pankows Grüne am Anfang ihrer Zukunftskampagne, für die man auch die Partnerfraktionen der Linken und der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung begeistern muss. Wie ernst es den Grünen mit den Veränderungen in Alt-Pankow ist, zeigt die Ankündigung der Grünen-Fraktionsvorsitzenden für Maßnahmen noch diesem Jahr: „Wir wollen zwei oder drei Straßen testweise sperren lassen“. Dafür in Frage kommen die untersuchten Wohngegenden an der Kavalierstraße und der Ossietzkystraße, die an Durchgangsverkehr in den schmalen Nord-Süd-Passagen leiden.

Die Neugestaltung dieser beiden Straßen bildet auch den aussichtsreichsten Bestandteil der Vision Stadtraum 2030. Denn sie basiert auf einem Vorgang, bei dem die Bezirkspolitiker selbst die Stellschrauben drehen können: In Arbeit ist ein Bebauungsplan für die Neugestaltung des Sommerbads Pankow mit dem Bau einer neuen Schule auf dem Badgelände. Und mit der Schaffung von Parkplätzen für über 200 Autos von Besuchern. Die ideale Grundlage für eine neue Quartiersgarage, meinen Cordelia Koch und die Grünen. „So ein Besucherparkplatz, das ist eine Vorstellung von 1960, nicht von 2020. Wir werden sehen, wie man hier Autos sinnvoller unterbringen kann“, sagt die Sprecherin zum Ziel, Autos von Anwohnern aus dem Kiez an der Kavalierstraße in einer Garage des Schwimmbads unterzubringen.

„Straßenraum ist Gold wert und wird jetzt erst aktiviert“

So hätte man eine Voraussetzung, die Parkstreifen auf der Kavalierstraße oder Ossietzkystraße komplett zu streichen. Die Simulationen des Büros MLA+ zeigen allenfalls noch Ladezonen, wo man den Einkauf auspackt, um das Auto dann in die Quartiersgarage zu bringen. Wenn keine Autos mehr am Straßenrand parken, meint Christoph Michael, entsteht neuer Raum für Familien. „Hier kann man heute auf keinen Fall Kinder allein über die Straße schicken“, sagt der Planer zum Ist-Zustand. Künftig wäre hier Platz zum spielen und gärtnern. Und für kompakte, rundliche Fahrradgaragen mit Öffnungsklappe, wie man sie aus Holland unter der Bezeichnung „Fiets Hangar“ kennt. „Der Straßenraum ist Gold wert und wird jetzt erst aktiviert“, beschreibt Michael das Bild der parkplatzfreien Kavalierstraße.

Für ihre Vision haben die Grünen durch das Team von Martin Aarts eine durchgängige Straßenstrecke vom Süden Alt-Pankows im Bereich des U-Bahnhofs Vinetastraße bis zum Sommerbad Pankow untersuchen lassen. Mittendrin: der Dorfanger, der heute laut Christoph Michael als verkehrsumtoste „Verkehrsinsel“ kaum Anreize gibt, um sich dort aufzuhalten. Kann eine Neugestaltung mit Begegnungszone vor der Mall, mit einer Tribüne als Anziehungspunkt und der Begrünung des gepflasterten Angers das ändern? „Wir sagen nicht, das muss gemacht werden – sondern wir sprechen mit Anwohnern und fragen: Ist das gut und gerecht?“ kündigt Cordelia Koch eine „Planung von unten“ an.

Neue Straßenbahntrasse auf der Mühlenstraße schwierig umzusetzen

Anders als bei den parkplatzfreien Passagen im Viertel an der Kavalierstraße sind die Einflussmöglichkeiten von Bezirkspolitikern am Pankower Dorfanger geringer. Aber auch hier gibt es bei einem künftigen Wohnungsbauprojekt auf der früheren Kaufhallen-Brache gegenüber der Dorfkirche die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, sagt Almut Tharan, der Grünen-Sprecherin für Stadtentwicklung in der BVV: „Das kann nicht zeitnah geschehen, sondern eher mittelfristig.“

Die geringsten Aussichten gibt es wohl für eine neue Tram auf der Mühlenstraße, zumal es sich hier um eine stark befahrene Durchgangsstraße handelt und eine Bahntrasse mit weniger Raum für die Fahrbahnen einherginge. Und weil die Tram ebenso wie die Begegnungszone am Dorfanger für lange Debatten sorgen dürfte. So gesehen ist die Vision der Grünen nicht unbedingt eine Vorstellung, die alle Berliner gleichermaßen begeistern soll. Deshalb gebrauchte Cordelia Koch bei der Vorstellung noch eine andere Formulierung für den neuen Plan: „Wunsch 2030“.