Ehrenamt in Berlin

Machen statt Motzen: Das Gießkommando aus dem Bürgerpark

Gegen Dürre und destruktive Stimmung: Ein Pankower Verein will Wutbürgern entgegentreten. Der Vorsitzende parodiert gerne Donald Trump.

Die Regenmacher vom Bürgerpark: Christian Friedrich, Marianne Glaser, Katrin Mirtschink, Ines Kempe und Klaus Liebenow (v.l.)

Die Regenmacher vom Bürgerpark: Christian Friedrich, Marianne Glaser, Katrin Mirtschink, Ines Kempe und Klaus Liebenow (v.l.)

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Wenn der Wetterbericht Gewitter angesagt – so wie an diesem Wochenende –, dann darf sich die „Pankower Regenwolke“ ruhigen Gewissens verziehen. Dann können Christian Friedrich und seine Mitstreiter vom Bürgerpark-Verein ihr so getauftes Hilfsprogramm für Bäume im Hitzestress ein paar Tage ruhen lassen. Sie müssen nicht mehr mit eigenen Wasserkannen ausgleichen, was der Himmel nicht hergibt. Ausnahmsweise. Dass man überhaupt dazu kam, im grünen Herzen Pankows eine Regenwolke simulieren zu wollen, mit Einsatzplänen und vollen Kannen, lag am stahlblauen Himmel über dem historischen Torbogen des Bürgerparks von März bis Mai. Als zum dritten Frühjahr in Folge dramatische Dürre herrschte, fasste die 40-köpfige Truppe einen Entschluss: Man verwandelte den Verein kurzerhand in ein Gießkommando, schleppte Kannen auf die Obstwiese mit jungen Apfelbäumen, wässerte staubtrockene Beete. Keiner klagte, jeder half.

Parkverein in Pankow will Protesthaltung überwinden

„Pankower Regenwolke“ – diese neue Aktion für den Bürgerpark ist geradewegs abgeleitet aus dem Motto des vor drei Jahren gegründeten Vereins: „Machen statt motzen“. Drei Worte, ein Programm: Die Parkpfleger-Truppe möchte einen Gegenakzent setzen zur in Berlin allgegenwärtigen Proteststimmung. Einen Kontrast zu Wutbürgern, die Kraft mit Ärger verschwendet, ohne sich aktiv für eine Verbesserung zu betätigen. „Machen statt motzen“, erzählt Christian Friedrich, dieser Ausspruch gehört sozusagen zur DNA des Bürgerpark-Vereins. In einer Zeit, da Sanierungsvorhaben im Park und der Streit um eine Ansiedlung des Altenheims der Tiere neben der großen Liegewiese die Nachbarn entzweite, setzt ein kleines Grüppchen auf die verbindende Wirkung des Handelns. „Da haben wir gesagt: Lasst uns lieber ein Dafür-Verein sein als ein Dagegen-Verein.“ Seitdem gibt es mehrmals im Jahr eine Putzaktion, Ideensammlungen zur Weiterentwicklung des Parks. Oder eben Gießeinsätze auf dürren Böden.

Diese Art der ehrenamtlichen Daseinsvorsorge für den Park an der Panke teilen seitdem Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Werdegang. Da ist die Lufthansa-Flugbegleiterin Ines Kempe – derzeit mehr am Boden als in der Luft. Als Chefgärtnerin des Vereins ist sie so erdverbunden wie die wenigsten. Da sind die Lehrer Marianne Glaser und Klaus Liebenow. Dass die vor zwei Jahren wiedereröffnete Parkbücherei Lesefutter bietet, verdankt man dem Geschmack von Katrin Mirtschink vom nahe gelegenen Laden „Panke Buch“. Und Yoga-Lehrerin Heike Armonant, die Betreiberin des Pankower Studios „Zeitfenster“, rollt regelmäßig die Matten aus und gibt Lektionen, damit sich die Vereinskasse mit Spenden füllt.

Christian Friedrich ist der Mann für die Kommunikation. Dem Medienunternehmer und Humor-Trainer liegt üble Laune so fern, dass er das Ärgerlichste ins Komische wendet. Seine Glanzrolle ist die Parodie des amerikanischen Präsidenten. Donald Trumps Vorschlag, US-Bürger sollten sich Desinfektionsmittel spritzen, inszenierte er in Facebook-Videos als beißende Realsatire. Dort sieht man den Vereinsvorsitzenden mit orangefarbener Schminke im Gesicht, einem viel zu weiten blauen Anzug und Trump-typischen, unbeholfenen Handgesten Parolen stammeln – der Wutbürger als Präsident. Im Bürgerpark weicht die Parodie dem Gemeinsinn.

Jetzt also das Projekt Regenwolke. Eine kräftezehrende Angelegenheit. „Wir haben lange Arme von Wasserschleppen bekommen“, erzählt Friedrich. Doch inzwischen habe ein Sponsor zur Streuobstwiese des Parks eine Bewässerungsleitung verlegt. Vor wenigen Jahren wäre die Vorkehrung gegen Dürre wohl überflüssig gewesen. „Es ist das eine, wenn man vom Klimawandel in der Zeitung ließt. Und es ist das andere, wenn man die Veränderungen im Park sieht. Wie man das Wetter aus Mitteleuropa kannte, ist es jetzt nicht mehr“, schildert der Vorsitzende.

Hitzestress führte zur Fällung von 3300 Straßenbäumen

So wie der Bürgerpark-Verein für die Apfelbäume sorgt, so könnten Berliner in den Kiezen Gießgruppen für Straßenbäume gründen. Dazu genügt es, bei einem Messenger-Dienst per WhatsApp eine Gruppe zu gründen und sich dort zu Einsätzen abzusprechen. Analog zu „machen statt motzen“ gehe es bei der Rettung angeschlagener Gehölzen um das Motto „gießen statt fällen.“ Mindestens 3300 Straßenbäume in den Bezirken fielen nach Zählungen des Senats der Dürre in den vergangenen Jahren zum Opfer.

Beim Wässern helfen kann zum Beispiel die Berliner Internetseite „Gieß deinen Kiez“ – hier sind online alle Bäume in der Umgebung dargestellt, gegliedert nach Art und Wasserbedarf. Aber die Chancen eines solchen Programms lässt sich erst durch das Einrichten fester Pflegegruppen voll ausschöpfen, meinen die Pfleger aus Pankow. Entscheidend sei der fortgesetzte Einsatz für bestimmte Bäume, betont Ines Kempe. „Oft braucht es jemanden, der die Initiative ergreift. Wenn einer anfängt, ziehen andere mit.“ Ein weiterer Grundsatz: Lieber einmal pro Woche sieben Eimer als an sieben Tagen einen Eimer.

Natürlich kommen die Bäume des Bürgerparks anders als viele Straßenbäume auch in den Genuss einer Wässerung durch professionelle Pfleger, beauftragt vom Bezirksamt Pankow. Aber weil die Mittel begrenzt sind, rief das Bezirksamt wiederholt Bürger um Hilfe. Die leistet man am effektivsten mit einem Gießplan oder mit der spontanen Absprache per Chat. Das ist das ganze Geheimnis des Projekts Pankower Regenwolke.

Schlechte Nachrichten anderer Art bewertet man im Verein gelassen. Selbst einem der ärgerlichsten Ereignisse im Bürgerpark der vergangenen Jahre – einem Vandalismusvorfall mit 50.000 Euro Schaden am Musikpavillon vor dem Rosengarten – nahm Christian Friedrich ohne mahnenden Zeigefinger hin. Historische Engelsfiguren, die Unbekannte über Nacht vom Dach des Pavillons geschlagen hatten, fischte er aus der Panke. Und statt über Vandalismus durch Halbstarke zu schimpfen, forderte er Freizeitmöglichkeiten für Pankows Jugendliche.

Mit der Tatkraft und dem Appell zum Handeln, meint Friedrich, lassen sich jene als Schwätzer entlarven, die sich mit Hasskommentaren in sozialen Netzwerken über die Handlungen anderer auslassen wollen. Die Wut bei Facebook entlädt sich auch bei der Diskussion über den Klimawandel. Diese Energie, meint die Gießkolonne des Bürgerpark-Vereins, entlädt sich auf nützlichere Weise, wenn man macht statt motzt.