Coronavirus in Berlin

Corona-Gefahr in Tüten: Pankow warnt vor Gabenzäunen

„Zusätzliche Infektionsrisiken“ – das Bezirksamt Pankow befürchtet Ansteckung von Obdachlosen. Und empfiehlt eine sichere Lösung.

Bedenken gegen eine soziale Idee: Am Gabenzaun sollen sich Bedürftige kontaktlos Spenden holen. Doch in Pankow hält man die Gefahren durch das Coronavirus für größer als den Nutzen.

Bedenken gegen eine soziale Idee: Am Gabenzaun sollen sich Bedürftige kontaktlos Spenden holen. Doch in Pankow hält man die Gefahren durch das Coronavirus für größer als den Nutzen.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Ein simples Verfahren erfinden, um in der Corona-Krise schnell und kontaktlos für Obdachlose zu spenden – das ist der Gedanke hinter den sogenannten Gabenzäunen, die freiwillige Helfer überall in Berlin mit Hilfsgütern bestücken. Sie deponieren Lebensmittel, Desinfektionsmittel und Kleidung einfach in Plastiktüten und drapieren sie an öffentlichen Orten. Eine praktische Lösung, die nun allerdings in Pankow auf hygienische Bedenken stößt.

In einer neuen Stellungnahme spricht Sozialstadträtin Rona Tietje (SPD) von „zusätzlichen Infektionsrisiken“ und rät ausdrücklich von Spenden an Gabenzäunen ab. Die Gefahr, sich mit dem Coronavirus anzustecken, bestehe hier „gerade für Menschen, die aufgrund einer fehlenden Rückzugsmöglichkeit und ihren gesundheitlichen Problemen ohnehin schon ein höheres Risiko für Infektionserkrankungen tragen“.

Spenden von Gabenzäunen in Pankow verschwunden

Auslöser dieser Stellungnahme war eine Anfrage des Linken-Politikers Maximilian Schirmer, der sich wundert, warum in Pankow Hilfsgüter von Gabenzäunen verschwinden – offenbar, bevor Obdachlose sie entgegennehmen können.

Schon bei den ersten Zaunprojekten in Neukölln und Kreuzberg hatten Müllwerker die an Zaunspitzen geknüpften Hilfsmittel aus Unwissenheit als Müll bewertet – und entfernt. Mit der Beseitigung von Spenden in Pankow hat das Bezirksamt jedenfalls nichts zu tun, versichert nun Stadträtin Tietje. Für die jeweiligen Zäune seien die Grundstückseigentümer verantwortlich.

Noch bis zum 1. April hätte die Verwaltung nichts von der Existenz des Projekts gewusst. Über Gespräche mit dem Sozialträger Horizonte, der sich um die Obdachlosen und Trinker am Bahnhof Pankow kümmert, wurde dann bekannt, dass der dortige Zaun besonders offenbar erfolgreich funktioniert. Hier seien es definitiv Obdachlose gewesen, die Gaben entnommen hätten. „Kenntnisse darüber, wer sich sonst noch an den Gabenzäunen bedient oder diese gar beräumt, liegen nicht vor“, heißt es.

Spenden am Gabenzaun ohne Desinfektion begünstigen Coronavirus-Infektion

An der kritischen Haltung gegenüber dem Projekt ändert diese Erklärung aber nichts: „Aus Infektionsschutzgründen hält es das Bezirksamt für problematisch, wenn Spenden ohne entsprechende desinfizierende Maßnahmen anonym weitergegeben werden. Für Lebensmittel hält es dies sogar für ausgeschlossen“, nennt Tietje die Haltung der Verwaltung.

Grundlage für diese Ablehnung ist eine Analyse des Robert-Koch-Instituts für das „alte“ Coronavirus SARS-CoV-1. Dabei hätte sich ergeben, dass das Virus bis zu sechs Tage auf bestimmten Oberflächen infektiös bleibt. Eine Annahme, die Forscher auch für den neuen Erreger als gegeben sehen.

Rumänische Obdachlose in Pankow werden immer wieder rassistisch beleidigt

Dennoch gibt es für die Pankower Gabenzäune viel Zuspruch. Dana Saky, ein Sozialarbeiter vom Träger Horizonte, spricht von einer Idee, die in ihrem Kern „super gedacht“ sei. „Der Zaun am Garbatyplatz vor dem Bahnhof Pankow zeigt die riesige Hilfsbereitschaft der Bürger hier“, lobt Saky das Engagement.

Zugleich ist sein Team aber ständig mit Anfeindungen konfrontiert. „Es gibt Leute, die Zettel mit rassistischen Bemerkungen über Rumänen aufhängen. Wir sehen weniger die hygienischen Bedenken als Problem an als diese Hetze“, bedauert der Sozialarbeiter. Er habe sogar beobachtet, wie Unbekannte Obdachlose daran hindern wollten, sich am Gabenzaun zu bedienen.

Gegen Ansteckung mit Corona: Pankow empfiehlt Spenden an Hilfseinrichtungen

Nicht nur deshalb unterstützte der Träger die oftmals rumänischstämmigen Wohnungslosen am Bahnhof Pankow mit Hilfe eines Lieferwagens, von dem aus Spenden gezielt ausgehändigt werden. Ein Vorhaben das auch Stadträtin Tietje für gut geeignet hält. Wer Geschenke an Bedürftige übergeben lassen will, kann den Projektverantwortliche Dana Saky, täglich zwischen 9 und 18 Uhr per E-Mail unter saky@horizonte.biz oder telefonisch unter 0176 1388 1750 kontaktieren. Er holt sie dann mit dem Lieferwagen ab.

Zugleich nennt die Sozialstadträtin Spendenwilligen weitere Alternativen, die eine hygienische Hilfestellung viel eher ermöglichen als ein Zaun und sagt: „Wer spenden möchte, kann sich gern an professionelle Einrichtungen wenden, denn nur dort kann der gebotene Infektionsschutz gewährleistet werden.“

Mögliche Adressaten sind die Berliner Stadtmission, die sich zum Ziel setzt, täglich bis zu 2000 Nothilfepäckchen für Bedürftige zu packen, die Immanuel Beratung Prenzlauer Berg „Beratung + Leben“ in der Dunckerstraße 32, wo man ebenfalls Notpakete schnürt – und der Treffpunkt der Heilsarme im Café Treffpunkt in der Kuglerstraße 11.

Pankower Linken-Politiker wirbt für Infektionsschutz am Gabenzaun

Und das Zaunprojekt? Maximilian Schirmer von den Linken, sieht immer noch Chancen, Hygiene und Hilfe übereinzubringen. „Es wären offizielle Richtlinien wünschenswert gewesen, wie und unter welchen Bedingungen die Gabenzäune ohne Risiko bestückt werden können“, sagt der Linken-Politiker. „Auch wäre es sicherlich möglich gewesen Initiativen zu finden, die sich verbindlich dazu bereit erklären die Einhaltung des Infektionsschutzes zu kontrollieren. Das ist sicherlich auch immer noch möglich.“ Aufgabe der Politik sei es, die Solidarität der Menschen zu unterstützen und neue Wege dafür zu finden.