Verkehrswende

20 Fahrradstraßen: Pankow wird Vorreiter bei Verkehrswende

Trotz Corona-Krise erfolgt im April der Baustart für eine jahrelang geplante Fahrradstraße in Pankow. Bezirk wird Vorreiter in Berlin.

Vom Ausnahme- zum Dauerzustand: Auf der Ossietzkystraße in Pankow erhalten Radfahrer in wenigen Wochen Vorrang. Eben das hatten sie mit Demonstrationsfahrten mehrfach eingefordert.

Vom Ausnahme- zum Dauerzustand: Auf der Ossietzkystraße in Pankow erhalten Radfahrer in wenigen Wochen Vorrang. Eben das hatten sie mit Demonstrationsfahrten mehrfach eingefordert.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Es war der letzte Aufschub in einer langen Kette von Verzögerungen: Im Herbst 2019 trat das Bezirksamt Pankow beim Umbau der Ossietzkystraße, dem wichtigen Zubringer zwischen Schloß Schönhausen und Bahnhof Pankow, noch einmal auf die Bremse. Immer wieder hatten Anwohner in den vergangenen sieben Jahren den Umbau zur Fahrradstraße verlangt. Und immer wieder führten planerische Hürden zu Verzögerungen.

Die wollte Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) im Herbst bezwingen – doch nun zog sich die Ausschreibung der Umgestaltung so lange hin, dass die Markierungsarbeiten im Winter hätten erfolgen müssen. Also verschob sich das Projekt abermals: auf den Frühling 2020. Und dabei bleibt es. Selbst die Corona-Krise soll das Projekt Ossietzkystraße nicht mehr stoppen.

Die Bauarbeiten, so meldet Kuhns Abteilung, starten nun definitiv im April. So könnte das mühsam erkämpfte Vorhaben jetzt sogar zur Blaupause für eine ganze Serie von Fahrradstraßen in Pankow werden.

Fahrradstraßen in Pankow werden ergänzt durch Kiezblocks

Denn nach zögerlichem Auftakt schickt sich der einwohnerstärkste Bezirk Berlins inzwischen an, bei der Verkehrswende eine Führungsrolle zu übernehmen. Vorgesehen ist nicht nur ein dichtes Netz aus 20 zusätzlichen Fahrradstraßen, sondern auch ein System aus so genannten Kiezblocks, in denen Durchgangssperren den motorisierten Durchgangsverkehr aussperren. Bis zu 18 solcher mit Pollern ausgerüsteter Kieze haben die Initiativen Changing Cities und Netzwerk Fahrradfreundliches Pankow bisher untersucht – dies sei „eine erste Hilfestellung der Bürger für das Bezirksamt“, wie es Sprecher Tobias Kraudzun formuliert.

Selbst einen Mehrwert für die Lebenserwartung wollen die Verkehrsaktivisten ermittelt haben. Für den Fall, dass alle 18 Kiezblocks, zu denen die meisten Pankower Innenstadtviertel gehören, tatsächlich umgesetzt werden, sei für jeden Anwohner mit einer um 200 Tage längeren Lebensdauer zu rechnen. Dank weniger Luftverschmutzung in schmalen Anwohnerstraßen und höherer Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer durch 19 Prozent weniger private Autofahrten.

Tobias Kraudzun, der sich sowohl bei Changing Cities als auch bei Fahrradfreundliches Pankow engagiert, spricht sich durchaus dafür aus, Kiezblocks und Fahrradstraßen zu kombinieren. In den Entwürfen für die 18 Kieze sind die bevorzugten Strecken, die man möglichst mit dem Velo zurücklegen soll, oft schon enthalten und blau hervorgehoben. Grundsätzlich gilt: Eine Diagonalsperre aus Pollern verhindert die Durchfahrt von Autos, die Schleichwege durch den Kiez suchen. Sie lässt Radfahrer aber problemlos durch.

Diese prominenten Straßenzüge werden zuerst umgebaut

Tatsächlich wird das Bezirksamt Pankow die Vorschläge der Initiativen für zunächst zwei bis drei Kieze prüfen und in der Praxis testen. Da es sowohl für Kiezblocks mit Durchgangssperren als auch für die 20 Fahrradstraßen Beschlüsse der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gibt, dürfte es umso leichter fallen, eine kombinierte Lösung zu finden.

„Die involvierten Fachbereiche bearbeiten die entsprechenden Ersuchen der BVV zur Verkehrsberuhigung, da fließen auch die Vorschläge der Initiativen zu Kiezblocks ein“, sagt Stadtrat Kuhn auf Anfrage. Im Moment sei man in der Verwaltung durch die Corona-Krise allerdings „nur eingeschränkt arbeitsfähig“.

Dennoch steht zumindest für die 20 Fahrradstraßen ein grober Zeitrahmen: Den Anfang machen die Ossietzkystraße in Alt-Pankow und die Stargader Straße in Prenzlauer Berg in diesem Jahr. Bis Ende 2021 sollen mit der Bizetstraße in Weißensee und der Duncker-, Senefelder-, Gleim- sowie der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg fünf weitere folgen. Zusätzliche 13 Abschnitte stehen noch zur Prüfung an und könnten bestenfalls bis Ende 2023 umgestaltet sein. Darunter auch einige der markantesten Meilen in Prenzlauer Berg wie die Oderberger Straße oder der Zug Wörther Straße – Knaackstraße – Sredzkistraße an der Kulturbrauerei.

Bezirk Pankow wird Vorreiter in Berlin

Mit dann bis zu 23 Fahrradstraßen wäre Pankow dann der neue Primus in Berlin. Zum Vergleich: Mit Stand 2019 gab es in der ganzen Hauptstadt nur 20 Fahrradstraßen insgesamt, davon drei in Pankow. Autofahrer dürfen zumeist nur noch als Anlieger einbiegen, höchstens 30 km/h fahren und müssen sich dem Radverkehr unterordnen – denn es dürfen hier mehrere Velos nebeneinander rollen.

Zur Erhöhung der Sicherheit für den umweltfreundlichen Verkehr bauen die Bezirke in Fahrradstraßen häufig Verengungen ein und markieren den Asphalt, um auf die Privilegien hinzuweisen. Im aktuellen Fall der Ossietzkystraße, die im April zum Umbau ansteht, sollen mit Geld aus dem Förderprogramm „Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit für Fußgänger“ des Senats auch so genannte Gehwegvorstreckungen an den Knotenpunkten Parkstraße und Wolfshagener Straße entstehen. „Dazu sind umfangreiche Beschilderungs- und Markierungsarbeiten erforderlich“, kündigt das Bezirksamt die Bauarbeiten an.

Beispiel Kolumbien: Provisorische Fahrradstraßen wegen Corona-Krise

Dass Pankower knapp sieben Jahre auf die Maßnahme warten musste, hängt im übrigen mit Auslegungen des Bundesrechts zusammen. Der Bezirk war bis vor wenigen Monaten davon ausgegangen, dass es für das Projekt Ossietzkystraße umfangreiche Verkehrszählungen und Prüfungen brauche. Dafür fehlte Personal und Geld. Erst 2019 stand fest, dass man das Verfahren verkürzen kann.

Wie sich Fahrradstraßen ganz schnell umsetzen lassen, zeigt in diesen Tagen Kolumbiens Hauptstadt Bogota. Hier hat die Stadtverwaltung provisorische Radspuren markieren lassen, um den Einwohnern in Zeiten der Corona-Krise zu umweltfreundlicher Fortbewegung zu verhelfen – schnell und unbürokratisch.

Eine Maßnahme, die Stadtrat Kuhn in Pankow gefällt. Er sagt: „Ich würde es begrüßen, wenn wir solche temporären Fahrradstraßen auch kurzfristig einrichten könnten. Das ist aber leider nicht rechtssicher und wegen der fehlenden Kapazitäten nicht so möglich wie offenbar in Kolumbien. Die haben auch nicht so eine Straßenverkehrsordnung wie wir“. Falls Berlin eine Möglichkeit für Ausnahmeregeln fände, wäre Pankow mit dabei.