Katastrophenschutz

Viel zu wenige Brunnen: Pankow droht massive Wassernot

135 zusätzliche Notwasserbrunnen bräuchte es, um Menschen in Pankow im Katastrophenfall zu versorgen. Ein lebensgefährlicher Mangel.

Hübsch, aber häufig defekt: Die historischen Wasserpumpen reichen für modernen Katastrophenschutz nicht aus.

Hübsch, aber häufig defekt: Die historischen Wasserpumpen reichen für modernen Katastrophenschutz nicht aus.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. „Noch ist die Katastrophe nicht da“, sagt Gregor Kijora. Es ist aber auch das einzige Beruhigende, was der SPD-Bezirksverordnete der Vorsorge für schwere Naturkatastrophen oder Terroranschläge im einwohnerstärksten Bezirk Berlins abgewinnen kann. Vier Monate kostete es ihn, um herauszufinden, ob und wie Pankows Wasserversorgung im Ernstfall gesichert ist. Die Auskunft des Bezirksamts klingt bedenklich: Es gibt bei weitem zu wenig Notwasserbrunnen, um die stark gewachsene Bevölkerung zu versorgen – 135 zusätzliche Pumpen wären nötig. Und 35 der 136 bestehenden Anlagen sind seit Langem defekt.

Auf jeden Notwasserbrunnen kommen ohnehin schon 1500 Menschen. Pankow wächst auf allen Feldern – nur nicht beim Katastrophenschutz. „Es hat offensichtlich niemand daran gedacht, den Bedarf anzupassen“, warnt Kijora. Noch schlimmer: Auch Monate nach der Feststellung des Defizits gibt es keine konkreten Pläne, die zusätzlichen Brunnen zu bauen. Daran ändert auch der einstimmige Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung nichts.

Senat und Bezirksamt sollen fehlende 135 Brunnen gemeinsam bauen

Der gemeinsame Antrag von SPD, Linke und CDU sieht vor, dass sich die Verantwortlichen im Rathaus Pankow rasch mit denen der Senatsinnenverwaltung abstimmen. Gemeinsam sollen sie die fehlenden 135 Brunnen schnellstmöglich gemeinsam planen und bauen. Für die Pflege und Reparatur der defekten Pumpen müsse der Bezirk zusätzlich Geld erhalten – so die Forderung. Als „koordinierende Katastrophenschutzbehörde“ habe man die Thematik bereits aufgegriffen, heißt es auf Nachfrage bei der Senatsverwaltung für Inneres.

Sie stellt als Erschwernis für die Problemlösung die verschiedenen Zuständigkeiten heraus. „Die Berliner Landesbrunnen, also die typischen, meist dunkelgrünen Wasserpumpen am Straßenrand, werden durch die Bezirke verwaltet“, betont ein Sprecher – und schiebt die Verantwortung damit zurück nach Pankow. Inwieweit die Bezirke in den vergangenen Jahren Haushaltsmittel zur Brunnensanierung oder zum Brunnenneubau beantragt oder verbraucht haben, sei der Senatsverwaltung nicht bekannt. In Pankow verweist man wiederum darauf, dass die Haushaltsmittel, die man vom Land bekommt, nicht ausreichen. Kostenpunkt für einen neuen Brunnen: 30.000 Euro.

Fehlende Notwasserbrunnen: Brunnen-Gipfel soll Lösung bringen

Doch es wird noch komplizierter: Neben den Landesbrunnen gibt es in Berlin Bundesbrunnen, deren Pflege direkt mit Geld des Bundes, aber unter Verwaltung der Senatsverwaltung für Umwelt geschieht. Für Gregor Kijora ein frustrierendes Durcheinander: „Es muss einen Weg geben, dass sich alle zusammensetzen, die Probleme besprechen und die Finanzierung klären.“ Experten gehen davon aus, dass es in Berlin einen „Brunnen-Gipfel“ brauche.

Denn nicht nur in Pankow, sondern im gesamten Gebiet der Hauptstadt zeigen sich bei der Versorgung mit Notwasserbrunnen schwere Mängel. Offenkundig ist dies spätestens seit einer parlamentarischen Anfrage des SPD-Abgeordneten Daniel Buchholz aus dem vergangenen Herbst. Den Auskünften zufolge fehlen in Berlin derzeit rund 1000 Brunnen. Von den vorhandenen 2070 Anlagen in der Stadt könnten nur 624 Wasser in ausreichender Qualität bereitstellen. „Der Bestand wird als nicht ausreichend bewertet“, urteilt die Senatsumweltverwaltung.

Berliner können im Notfall in Wasserwerken Beutel befüllen

Was also geschieht, wenn eine Notlage eintritt, bei der die Versorgung Berlins mit Trinkwasser gefährdet ist? In dem Fall müssten die Berliner Wasserbetriebe versuchen, „das System aufrechtzuerhalten, so gut es geht“, sagt Sprecherin Astrid Hackenesch-Rump. Bestimmte Ausfälle bei den Förderanlagen in Wasserwerken könne man mit Dieselgeneratoren ausgleichen. Die Notfallpläne sehen vor, dass sich Berliner direkt im Wasserwerk sogenannte Notwasserbeutel abfüllen könnten. Damit ließen sich ausgefallene oder fehlende Wasserbrunnen in den Kiezen also wenigstens teilweise kompensieren.

Dass neue Brunnen gebaut werden, müsse entweder vom Senat oder vom Bezirk beauftragt werden, heißt es von den Wasserbetrieben. Auch moderne Notwasserbrunnen gleichen in ihrem Arbeitsprinzip den lindgrünen Schwengelpumpen, wie man sie in vielen Gründerzeitkiezen findet. „Sie müssen im Notfall allein mit Muskelkraft zu betreiben sein“, beschreibt Hackenesch-Rump den Mechanismus.

Jeder Bundesbürger sollte 20 Liter Trinkwasser und 3,5 Kilo Getreide lagern

Egal ob Pumpen funktionieren oder nicht: Auf Anraten des Bundesamts für Bevölkerungsschutz sollte jeder Bundesbürger für den Ernstfall 20 Liter Trinkwasser im Haus lagern. Empfohlen wird ein Vorrat für zehn Tage, der 1,5 Kilogramm Fleisch, Fisch und Eier, 0,4 Liter Fette und Öle, 4 Kilo Gemüse und Hülsenfrüchte, 2,5 Kilo Obst und Gemüse und 3,5 Kilo Getreide umfasst.

Wer Berlinern im Katastrophenfall hilft, hängt ab von der Art der Katastrophe. „Der Bund ist im Rahmen seiner Verpflichtungen für den Zivilschutz, das heißt, den Schutz der Bevölkerung im Verteidigungsfall, also im Krieg, zuständig, eine wirksame Trinkwassernotversorgung für diesen Fall aufzubauen und vorzuhalten“, erklärt ein Sprecher des Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Für alle anderen Katastrophenarten – wie Dürren aufgrund des Klimawandels oder Störungen der Infrastruktur durch Naturereignisse oder technische Probleme seien laut Verfassung die Bundesländer zuständig.

Defekte Brunnen können über Leben und Tod entscheiden

Ein Zuständigkeitswirrwarr, das Bezirkspolitiker in Pankow mit Sorge erfüllt. Katastrophenschutz sei eine „überlebenswichtige Aufgaben des Staates“, betont SPD-Mann Kijora. Ob Brunnen funktionieren oder nicht könne schlimmstenfalls über Leben und Tod entscheiden. Aber im Alltag falle eine defekte Pumpe kaum auf und rücke deswegen auch selten in den Blickpunkt der Politik. Mit der Auskunft der Senatsinnenverwaltung, wonach Pankow seine Ausgaben für die Pflege von Brunnen überprüfen soll, will sich die örtliche SPD-Fraktion nicht zufrieden geben. Allein mit Schuldzuweisungen würden Brunnen nicht repariert oder gebaut.

Gregor Kijoras Nachforschungen zur Wasserversorgung für Pankow sollen nur ein erster Anstoß sein. Weitere werden folgen. „Wenn es beim Wasser so aussieht, frage ich mich, wie die Strom- und Gasversorgung im Katastrophenfall gesichert ist“, sagt Kijora. Er will es herausfinden – bevor die Katastrophe eintritt.