Verkehrsberuhigung

Neue „Superblocks“: Poller für freie Straßen in halb Pankow

Initiativen wollen Durchgangsverkehr in weiten Teilen Pankows verschwinden lassen. Das Vorbild: Sperrgebiete in Barcelona.

Freie Fahrt für Kiezbewohner: Initiativen wollen vor allem in Prenzlauer Berg den Durchgangsverkehr aus fast allen Vierteln herausdrängen.

Freie Fahrt für Kiezbewohner: Initiativen wollen vor allem in Prenzlauer Berg den Durchgangsverkehr aus fast allen Vierteln herausdrängen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Noch sind sie nur ein Netz aus grünen Würfeln im Stadtplan von Pankow. Noch sind die neuen „Kiezblocks“, aus denen unerwünschter Verkehr verschwinden soll, eine Skizze. Aber schon kurz nach Veröffentlichung des Schaubilds für ein Projekt der Initiativen Changing Cities, Stadt für Menschen und Fahrradfreundliches Pankow zeichnet sich eine breite Mehrheit ab, um Autofahrer, die Schleichwege durch Wohngebiete suchen, zu stoppen. Wenn es nach den Verkehrsaktivisten und Verkehrspolitikern von SPD, Grünen und Linken geht, stehen sie künftig in bis zu zwölf Pankower Kiezen vor Zeilen aus Pollern. Solche Barrieren in weiten Teilen des Bezirks könnten auf breiter Front dafür sorgen, dass nur noch direkte Anlieger die Straßen in Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee befahren werden – und sonst niemand.

Erste Prüfung zur Gründung von „Kiezblocks“ in Pankow bis zum 12. Februar

Aber mit der Skizze fängt der Kampf zur Einführung von Sperren aus Pollern an strategisch wichtigen Punkten jetzt erst richtig an. Tobias Kraudzun und sein Team vom Netzwerk Fahrradfreundliches Pankow leisten Überzeugungsarbeit auf der Straße. Bis zur nächsten Konferenz am 12. Februar werben sie in den betroffenen Stadtteilen für die Idee, dass der Verkehr um die Wohnviertel herumgelenkt werden muss statt mitten durch. „Wir wollen mit den Menschen sprechen und sehen, was konkret machbar ist“, sagt Kraudzun. Anschließend werde das Ergebnis für jeden der untersuchten Kieze vorgestellt – und „der Verkehrsstadtrat bekommt die Entwürfe“. Auf diese Weise soll die Einführung von Durchgangssperren an einen basisdemokratischen Prozess geknüpft werden.

Poller stehen nicht an den Zufahrten der Kieze, sondern an strategisch wichtigen Punkten

„Wir haben immer die gleichen Klagen aus den gleichen Kiezen gehört. Jetzt wollen wir die Probleme mit dem Durchgangsverkehr gemeinsam lösen“, erklärt Kraudzun, der sich sowohl bei Fahrradfreundliches Pankow auch bei Changing Cities engagiert. Beide Gruppen setzen sich für eine Verkehrswende im Sinne von Radfahrern und Fußgängern ein. Wie aber soll die Aussperrung von Schleichweg-Fahrern in einem so großen Gebiet funktionieren?

Der Vorschlag der Initiativen lautet: Diagonalsperren. Dabei handelt es sich um Barrieren, zum Beispiel mit Pollern, die an bestimmten Punkten mitten im Kiez stehen – aber nicht an der Einfahrt ins jeweilige Stadtviertel. Dadurch können Anlieger, Rettungsdienste und Müllabfuhr weiter in die Kieze hinein fahren. Aber wer sie durchqueren will, wird an einem zentralen Punkt durch die Sperre an seinem Vorhaben gehindert. „Man kommt durch die Wegführung am Ende dort heraus, wo man ins Wohnviertel einbog“, beschreibt Kraudzun das Prinzip. So werden aus stark befahrenen Vierteln „Kiezblocks“, vergleichbar mit so genannten „Superblocks“ in Barcelona.

Bezirksbürgermeister Sören Benn besichtigte „Superblocks“ in Barcelona

Wie dort die Schutzwehre gegen die Überlastung der Straßen funktionieren, hat sich Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) bei einer Dienstreise im vergangenen Jahr zeigen lassen. Benn steht der Nachahmung dieses Vorbilds in Berlin seitdem positiv gegenüber. „Die Schaffung von Kiezblocks oder Superblocks wird in Pankow gelingen, wenn sie mit den Bewohnern der potenziellen Quartiere von unten entwickelt werden“, nennt er die wichtige Vorbedingung. Ein derart weitreichendes Verkehrsprojekt soll nicht von der Verwaltung ausgehen, sondern von der Bevölkerung, die sich vom motorisierten Verkehr überfordert sieht.

Auch Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) sieht den Impuls als wichtiges Zeichen für „zivilgesellschaftliches Engagement“, das in die richtige Richtung geht. Die Maßnahmenvorschläge der Anwohnergruppen, die Mitte Februar vorliegen sollen, müssten dann von seiner Abteilung konkret geprüft werden – „dabei sind auch Auswirkungen auf Nachbargebiete und das Straßennetz ansatzweise zu berücksichtigen“, betont Kuhn.

SPD beantragt Prüfung eines „Systems aus Einbahnstraßen“

Bürgermeister Benn lässt keine Zweifel daran, dass der Bezirk die Maßnahmen bei erfolgreicher Prüfung schnell umsetzen würde. „Dieser Wille ist im Bezirksamt vorhanden“, erklärt der Bürgermeister, dessen Rathaus in Alt-Pankow im Übrigen ebenfalls in einem „Superblock“ stünde. Der dortige Florakiez befindet sich ebenso in Prüfung wie der Bereich am Schlosspark, der Kollwitz-, und Helmholtz-Kiez, das Bötzowviertel – und überhaupt fast das gesamte Gebiet von Prenzlauer Berg.

Eine treibende Kraft des Vorhabens war die Pankower SPD-Fraktion, die schon im Herbst 2019 die Prüfung von „Superblocks“ angeregt hatte. Sie schlug ein „System aus Einbahnstraßen“ vor, das eine Durchquerung von Kiezen unmöglich macht. Der Bezirk solle ein Quartier auswählen und die Vor- und Nachteile anhand eines Modellversuchs erproben, forderte die SPD. Den Modellversuch nehmen die Initiativen nun selbst in die Hand.

Auch die Pankower Grünen-Fraktion will Kiezblocks möglichst schnell testen lassen. „Der Bezirk und die Stadt werden immer voller. Deshalb nimmt auch der Abkürzungs- und Umgehungsverkehr durch die Kieze stark zu. Das zerstört die Kiezstruktur und ist für die Anwohnenden sehr belastend“, argumentiert die Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch. Ähnliche Ziele mit anderen Methoden verfolgte auch die Begegnungszone in der Kreuzberger Bergmannstraße. Bei den bisherigen Tests ging es darum, Autofahrern die Durchfahrt mit teils skurrilen Maßnahmen wie dem Aufstellen von Feldsteinen zu verleiden. Changing Cities orientiert sich eher an einem anderen Projekt in Friedrichshain-Kreuzberg: Den Poller-Sperren im Samariterkiez. die aus Sicht der Initiative mit wenig Aufwand viel Nutzen brachten.

ADAC warnt vor Nachteilen für Restaurants und Geschäfte in den Kiezen

Ablehnung für den neuen Vorstoß in Pankow signalisiert der ADAC. „Wir sehen ehr negative Auswirkungen“, sagt Sprecherin Sandra Hass. Es drohe eine Verlängerung von Wegen für Autos, die solche Kiezblocks umfahren sollen. Dadurch gebe es mehr Anfahr- und Bremsvorgänge. Zudem werde die Belieferungen jeglicher Art, zum Beispiel für Restaurants und Geschäfte in den Kiezen komplizierter, wenn sie sich plötzlich hinter einer Pollersperre befinden. Aus Sicht des ADAC stellt schon die großflächige Ausweisung von Tempo 30 auf Nebenstrecken eine Verkehrsberuhigung dar, die sich bewährt habe.

Umgekehrt könne man Verkehr aus den Kiezen heraushalten, wenn man den Verkehr auf den Hauptstraßen begünstigt. Hier müsse grundsätzlich weiter Tempo 50 gelten, „um Attraktivität des Netzes zu wahren und Verkehr weitgehend aus Nebenstraßen zu halten“, meint Hass. Nach dieser Logik treibt also Politiker Autofahrer in die Kieze, wenn er ihnen die schnelle Durchfahrt auf den Magistralen mit Tempolimits verleiden.

Für Changing Cities geht es jetzt eher darum, die „Post-Auto-Ära“ einzuleiten, wie es in der Projektankündigung heißt. In Barcelona sei das mit Einführung der „Superblocks“ ansatzweise gelungen. Jetzt soll Berlin nachziehen – mit Pollern in bis zu zwölf Quartieren von Pankow.