Verkehr

Blankenburger Süden: Pankower fordern Bau einer U-Bahn

Der Blankenburger Süden ist Berlins größtes Wohnungsbauprojekt. Die Pankower demonstrierten am Alexanderplatz für den Bau einer U-Bahn.

Mit Trillerpfeifen und Model-Straßenbahnen: Blankenburger protestieren am Alexanderplatz gegen die Tram durch eine Siedlung mit Wohnungen und Kleingärten.

Mit Trillerpfeifen und Model-Straßenbahnen: Blankenburger protestieren am Alexanderplatz gegen die Tram durch eine Siedlung mit Wohnungen und Kleingärten.

Foto: Thomas Schubert

  • Im Blankenburger Süden sollen auf den alten Rieselfeldern bis zu 6000 Wohnungen gebaut worden.
  • Die Tram soll den enormen Bevölkerungszuwachs bewältigen.
  • Anwohner fordern jedoch den Bau einer neuen U-Bahn-Linie.
  • Sie argumentieren, eine Tram würde das Viertel zerschneiden.

Schwarz ist der Sarg, den Demonstranten an die Hauswand lehnen. Auf seinem Deckel prangt ein Datum: 07.11.2019. Es war der Tag, an dem das Werkstattverfahren für den Blankenburger Süden begann – und an dem aus Sicht der Aktivisten die Bürgerbeteiligung starb.

Denn das Verfahren, bei dem die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vier Planungsbüros „Testentwürfe“ für den Bau des Quartiers mit bis zu 6000 Wohneinheiten auf den alten Rieselfeldern in Pankow ausgestalten lässt, habe begonnen, bevor geklärt ist, wie man so viele Menschen im Berliner Norden bewegen soll, behaupten die 150 Frauen und Männer auf der Straße.

Tatsächlich gibt es eine Festlegung: Die Tram soll den enormen Bevölkerungszuwachs stemmen. Aus Sicht von Thomas Stein von der Initiative „Wir sind Blankenburger und Berliner“ ein Irrtum mit erheblichen Folgen.

„Die Straßenbahn ist ein Wahnsinn. Wir fordern den Stopp des Werkstattverfahrens“

Die vom Senat favorisierten Pläne für eine Verlängerung der Metrotramlinie M2 von Heinersdorf in die künftige Großsiedlung würde laut Stein bedeuten, ein neues Blankenburg zu gestalten um den Preis, dass man das heutige Blankenburg mit Straßenbahngleisen zerschneidet und etliche Bewohner ihre Heimat verlieren. Die „Günther-Müller-Tram“, wie die Demonstranten das Projekt wegen der straßenbahnfreundlichen Politik des Senats nennen, wird stilisiert zum Schreckgespenst.

Eine Diskussion mit Anwohnern, ob sie diese Lösung wollen, habe es nie gegeben. „Die Straßenbahn ist ein Wahnsinn. Wir fordern den Stopp des Werkstattverfahrens“, sagt Stein deshalb – „und statt der Tram den Bau einer neuen U-Bahnlinie.“

Werkstattverfahren zum Blankenburger Süden unter dem Motto „Wachstum am Stadtrand“

Anlass der Demonstration: Eine nichtöffentliche Tagung des Projektbeirats für das Großprojekt in der Stadtwerkstatt gegenüber des Berliner Fernsehturms. Was hier debattiert wird, lässt sich unten auf der Karl-Liebknecht-Straße, wo die Demonstranten Schilder und Modell-Straßenbahnen in die Höhe recken, nur erahnen. Vier Planerteams legen beim Workshop Vorschläge vor, wie sich die neue Siedlung mit dem alten Ortskern von Blankenburg verzahnen lässt. „Perspektive: Wachstum am Stadtrand“ oder „Stadt machen fürs 21. und 22. Jahrhundert“ – das sind die Mottos der Planer.

Den geforderten Stopp des Workshops wird es jedenfalls nicht geben, wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung klarstellt. Man brauche die Testentwürfe aus dem Verfahren, um eine Arbeitsgrundlage für die weiteren vorbereitenden Untersuchungen in diesem Jahr zu haben, sagte eine Sprecherin am Dienstag. „Verkehrliche Präzisierungen“ könne man später einarbeiten. Den Wunsch nach einer U-Bahn hat die Senatsverkehrsverwaltung schon im November abgelehnt. Der „diskussionswürdige Vorschlag“ einer U10 nach Buch habe derzeit keine Priorität, hieß es.

Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Verkehr sollen ihr Tempo angleichen

Derweil wurde im Pankower Verkehrsausschuss bekannt: Die Testentwürfe für den Blankenburger Süden werden bei ihrer Präsentation im April die umstrittene Straßenbahnverlängerung – und vor allem einen neuen Tram-Betriebshof, der wohl mitten in der dauerhaft bewohnten Erholungsanlage Blankenburg entstehen soll – , gar nicht zeigen. Kritiker wie der SPD-Abgeordnete Dennis Buchner sehen solche Nachrichten als Beleg dafür, dass die Verkehrsplanung mit den Konzepten für den Bau des Quartiers kaum Schritt hält.

„Beim Projekt Blankenburger Süden wird im Moment deutlich, dass die beiden hauptsächlich beteiligten Senatsverwaltungen unterschiedlich weit sind“, sagt Buchner. Deshalb müsse die Abteilung Stadtentwicklung ihre Planung bremsen, damit der Bereich Verkehr aufholen kann. Entscheidungsträger aller Parteien hatten als Voraussetzung für den Blankenburger Süden den gleichen Punkt genannt: Eine effektive Verkehrsanbindung muss bereits da sein, bevor der Wohnungsbau beginnt. Weil es jetzt umgekehrt zu laufen droht, wird demonstriert.

So bestimmt die Straßenbahn mit einer Wendeschleife in der Erholungsanlage mit über 1000 Parzellen nun die gesamte Debatte um Berlins größtes Wohnungsbauprojekts. Mehr denn je steckt die Planung des Blankenburger Südens voller Widersprüche: Die Straßenbahn halten viele nicht für leistungsfähig genug. Die U-Bahn scheint zu planungsaufwendig und zu teuer. Das Bezirksamt hatte für die Erholungsanlage Blankenburg einen Bestandsschutz bis 2030 gegeben – aber nun droht trotzdem ein tiefer Einschnitt.

Der Druck zum Bau des neuen Quartiers mit preiswerten Wohnungen auf landeseigenen Flächen wird nach dem Aus für andere Großprojekte in Pankow immer größer, die Akzeptanz in der Bevölkerung bleibt gering. Und das Jahr 2021, wenn eine Grundsatzentscheidung über den Blankenburger Süden fallen soll, ist zugleich das Jahr der nächsten Wahl.

Kann eine Seilbahn die Erholungsanlage Blankenburg überbrücken?

Wohl auch deshalb will Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) die Chancen von Seilbahnen prüfen lassen. Mit Gondeln könnte man Lauben und Wohnhäuser womöglich überfliegen. „Vielleicht hilft es Schwung zu bringen, in die Verkehrsplanung im Berliner Nordosten“, sagt Benn.

Nur eine kurze Beruhigung ergaben die Versicherungen des Senats, dass beim Blankenburger Süden 6000 Wohneinheiten die Obergrenze bleiben sollen und nicht 10.000, wie man zwischenzeitlich erwogen hatte. Die Initiativen aus Pankow halten allerdings dagegen, dass die 6000 Einheiten sich auf 100 Quadratmeter große Wohnungen beziehen. Weil die Durchschnittsgröße bei neuen Quartieren üblicherweise 80 Quadratmeter nicht übersteigt, könnte es in der Praxis doch in Richtung der 10.000 Wohnungen gehen.

17 Initiativen wollen eine große Lösung mit dem Bau einer U10 nach Buch

Ob 6000 oder 10.000 – die Demonstranten am Alexanderplatz pochen auf eine unterirdische Lösung. „Wir fordern eine U-Bahn nach Buch“, schallt es aus dem Lautsprecher. Dabei handelt es sich um den Vorschlag, den die Pankower CDU mit 17 Initiativen erarbeitet hatte.

Eine fiktive Linie U10 könnte nicht nur 6000 Wohnungen in Blankenburg, sondern auch 3000 in Karow und 4000 Einheiten in Buch anbinden, hieß es. „Wenn man so viele Wohnungen plant“, meint der CDU-Abgeordnete Dirk Stettner, „dann muss man auch die Millionen für eine U-Bahn haben.“ Symbolisch hat er kürzlich auf dem Antonplatz in Weißensee einen U-Bahnhof eröffnet – nur transportiert wurde dadurch niemand. Wer von hier aus ins Stadtzentrum kommen will, nimmt die Tram.