Wohnungsbau in Pankow

Pankow - Darum wurde schon wieder der Wohnungsbau gestoppt

Nachdem in Pankow 400 Wohnungen wegen Gestanks gestrichen sind, kippt der Plan für 550 Einheiten in einem bedeutenden Biotop.

Ein besonderes Biotop: An der Ludwig-Quidde-Straße im Pankower Ortsteil Französisch Buchholz ist der Weg zum Wohnungsbau versperrt.

Ein besonderes Biotop: An der Ludwig-Quidde-Straße im Pankower Ortsteil Französisch Buchholz ist der Weg zum Wohnungsbau versperrt.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Auch fünf Jahre Vorplanung sind kein Garant für Erfolg. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen bringt ein Gutachten die Planungen für ein großes, lange geprüftes Wohnungsbauprojekt in Pankow zu Fall. Nachdem das Bezirksamt 400 Wohnungen am Wilhelmsruher Tor wegen zu starken Geruchs nach Kakaobohnen, Abfall und Gießereiprodukten aus einem benachbarten Gewerbegebiet streichen musste, gibt es nun ein weiteres massives Problem.

An der Ludwig-Quidde-Straße bedeutet der Fund von „wertvollen Böden“ einen Stopp der Pläne für 550 preisgünstigen Wohneinheiten, die die landeseigene Gewobag errichten sollte. „Die von einem Fachbüro untersuchten Flächen weisen teilweise Böden mit mittlerer, hoher und sehr hoher Schutzwürdigkeit im Sinne des Naturhaushalts auf“, erklärt Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) auf Nachfrage. Im Wesentlichen handelt es sich bei dem Biotop um eine moorartige Brache mit üppigem Bewuchs.

Baufläche in Ludwig-Quidde-Straße ist als CO2-Speicher unentbehrlich

„Wegen der Beschaffenheit des Untergrunds als CO2-Speicher und seinem Wert im Sinne des Natur- und Artenschutzes müssen große Teile des Baugebiets frei bleiben“, beschreibt Kuhn den Fund aus fachlicher Sicht. Nur noch ein Drittel der Fläche an der Quidde-Straße am Rande von Französisch Buchholz wäre laut des Bodengutachtens für die Errichtung von Wohnungen geeignet, teilt Gerald Leue vom Pankower Stadtentwicklungsamt mit.

„Es ist nötig, das Konzept mit der Gewobag zu überarbeiten. Wir müssen sehen, was unter Würdigung des Bodens möglich ist. Es werden deutlich weniger Wohnungen. Wir müssen sehen, wie wenige“, erklärt er zum Projekt, das wie das Wilhelmsruher Tor zur Kategorie 1 der großen Pankower Entwicklungsgebiete gehörte. Zur obersten Prioritätsstufe gehört auch das für die Entwicklung Berlins wichtige Vorhaben Pankower Tor mit 2000 Wohnungen. Auch hier steht die Veröffentlichung eines ökologischen Gutachtens kurz bevor. Das Wilhelmsruher Tor mit 400 Wohnungen an der Kopenhagener Straße hat Pankow jedenfalls offiziell aus der Liste entfernt.

Anwohner in Pankow müssen mit Gestank aus Industriegebiet in Reinickendorf leben

Im Dezember war nach Veröffentlichung eines Geruchsgutachtens klar geworden, dass keine neue Wohnbebauung entstehen kann, weil Betriebe im wenige hundert Meter entfernten Industriegebiet Flottenstraße zu oft Emissionen ausstoßen. 104 Geruchsmessungen fanden über zwölf Monate an verschiedenen Wochen- und Tageszeiten und bei verschiedenen Wetterlagen statt.

Weil die Firmen im bereits in den 1850er-Jahren angelegten Gebiet in Reinickendorf Bestandsschutz haben, kann der Senat keine Schließung anordnen und muss auf die neuen Wohnungen verzichten. Wer bereits in Wilhelmsruh lebt, muss aber mit dem Geruch leben. Beschwerden gibt es nicht wenige.

Eine neue Anfrage des SPD-Abgeordneten Torsten Hofer ergibt allerdings, dass womöglich auch gesundheitsschädliche Stoffe von Reinickendorf nach Pankow wehen. Umweltstaatssekretär Stefan Tidow bestätigt, dass neben Kakaogeruch auch der Gestank von giftigen Substanzen gemeldet wurde.

„Es kommen, insbesondere bei Beschwerden über Geruch nach verbranntem Kunststoff oder Gummi, auch illegale Handlungen auf Gewerbeflächen oder auch Privatgrundstücken durch Verbrennen von Abfällen oder nichtzugelassenen Brennstoffen in Frage“, sagt Tidow.

Eine Ermittlung der Verursacher gestalte sich aber schwierig. Kontrollen und Besichtigungen fänden „in Abhängigkeit von vorliegenden Beschwerden auch auf Pankower Gebiet statt.“ Am Weiterbetrieb das Industriegebiets, das jeglichen Wohnungsbau in der Umgebung vereitelt, ändert das freilich nichts.

Initiative Buchholz-Ost hatte Fund von „wertvollen Böden“ erwartet

So wie in Wilhelmsruh das Geruchsproblem lange bekannt war, so ist auch der Fund von „wertvollen Böden“ in Buchholz keine Überraschung. Zumindest nicht für Mitglieder der Initiative Buchholz-Ost. Deren Vorsitzender Henry Merker nimmt die Nachricht über die Planänderung mit Freude auf und schreibt: „Es war einer unserer Hauptkritikpunkte gegenüber dem Bezirk, dass die betreffende Freifläche, deren Böden entgegen den geltenden Planungshinweisen zum Bodenschutz, überhaupt als Wohnbaupotenzialfläche ausgewiesen wurde.“

Seltene Pflanzen und Tiere bremsen wichtige Projekte in Berlin

Wie besondere Umweltfaktoren Bauvorhaben in Berlin verzögern oder stoppen, zeigt sich an verschiedenen Beispielen – bis hin zu Projekten mit nationaler Bedeutung. Während der Flüchtlingskrise 2015 galt etwa das Gelände des Familienbads am Olympiastadion in Charlottenburg als günstiger Standort für eine Unterkunft. Als eine Analyse ein Vorkommen der seltenen Sandgrasnelke ergab, stellte das Land Berlin dieses Projekt jedoch zurück.

Auch bei der Errichtung des Einheitsdenkmals vor dem Humboldt Forum tritt eine Verzögerung ein, unter anderem weil es Fledermäuse umzusiedeln gilt, bevor die Wippe entsteht. Aktuell müssen Eidechsen, die auf dem alten Güterbahnhof an der Prenzlauer Promenade leben, evakuiert werden, bevor der Wohnungsbau am Pankower Tor beginnen kann.


Pankow prüft stark verkleinerte Variante des Quartiers an der Ludwig-Quidde-Straße

An der Quidde-Straße wird das Bezirksamt nun prüfen, wie die kleine, unproblematische Fläche des wertvollen Biotops noch zu nutzen ist. Für Henry Merker und die Initiative Buchholz-Ost wäre es kein Problem, wenn die Gewobag einige Häuser mit bezahlbaren Mieten errichtet. Er sagt: „Wir fordern eine maßvolle Bebauung, die sich in die umgebende Siedlungsstruktur einfügt und den gewachsenen Charakter des Ortsteils bewahrt.“ Dass die bislang geplante, mehr als vier Geschosse hohe Riegelbebauung wegen „wertvoller Böden“ nicht kommt – für die kritisch eingestellten Nachbarn ist es ein wichtiger Erfolg.