Stadion-Neubau

Trotz Kritik: Stadion im Jahn-Sportpark verschwindet 2020

Die Sportverwaltung will das Stadion im Schnelldurchgang gegen einen Neubau ersetzen. Auch mögliche Klagen sollen das nicht aufhalten.

Ein Bild für das Geschichtsbuch: Die Berliner müssen Abschied nehmen vom Jahn-Stadion in der jetzigen Form.

Ein Bild für das Geschichtsbuch: Die Berliner müssen Abschied nehmen vom Jahn-Stadion in der jetzigen Form.

Foto: Annegret Hilse / dpa

Berlin. Als Fußballfans 1987 auf der neuen vierstöckigen Haupttribüne in Jubel ausbrachen, erlebte die Baukunst der DDR noch einmal einen späten Triumph. Erst zur 750-Jahr-Feier Berlins nahm das Stadion im heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg mit der Eröffnung des „Hochsitzes“ seine endgültige Form an. 32 Jahre später ist der totale Abbruch der Arena beschlossene Sache.

Im Herbst 2020 rücken nun definitiv die Abrissbagger an und legen Berlins drittgrößte Sportstätte in Schutt. Trotz aller Widerstände hält der Senat daran fest, das Stadion gegen einen Neubau im gleichen Format zu ersetzen. Auch die Androhung von Klagen wird das 160 Millionen Euro teure Projekt nicht mehr bremsen, wie die Senatssportverwaltung jetzt klarstellt. Trotz Widerstands aus der Nachbarschaft startet das Großprojekt im Schnellverfahren.

Neues Stadion im Jahn-Sportpark: Senator hat keine Angst vor Kritikern des Projekts

Nach wie vor ist es das Ziel des Verfahrens, den bisherigen Stadionbau durch eine gleichgroße, moderne und behindertengerechte Konstruktion zu ersetzen. Von 2022 bis 2024 entsteht auf dem Baugrund im Hinterland der Eberswalder-Straße, direkt am Mauerpark und der früheren Grenze, ein sogenannter „Ersatzneubau“. Mit dieser Definition ist es möglich, das Projekt zeitgleich mit dem Aufstellungsbeschluss für einen neuen Bebauungsplan zu starten und damit das Verfahren um mehrere Jahre zu beschleunigen.

Ob das Vorhaben die rechtlichen Voraussetzungen für solch eine Operation erfüllt, ist aber hoch umstritten. Kritiker führen an, dass der Neubau mit ebenfalls 20.000 Plätzen anders als der Altbau die aktuellesten Vorgaben für Licht- und Schall-Immissionen erfüllen müsse. Doch auf mögliche rechtliche Schritte der Anwohner in Pankow und Prenzlauer Berg, die sich bei der Planung übergangen fühlen, will der Senat keine Rücksicht nehmen.

Abriss des Jahnstadions soll bis Ende 2021 abgeschlossen sein

„Es ist soweit alles geklärt und mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung abgestimmt“, hieß es am Donnerstag aus der Sportverwaltung unter Senator Andreas Geisel (SPD). „Nach bisherigem Planungsstand soll das Stadion am 30. Juni 2020 seinen Betrieb einstellen. Der Abriss des Stadions beginnt voraussichtlich im vierten Quartal 2020 und wird voraussichtlich bis Ende 2021 abgeschlossen sein“, teilt ein Referent mit.

Ein baujuristischer Kniff soll es erlauben, sowohl schnell als auch rechtssicher voranzukommen. So wird das Jahnstadion ersetzt, bevor das gesamte Umfeld – der eigentliche Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark mit zahlreichen weiteren Veranstaltungsstätten – folgt. Für den 60 Millionen Euro teuren zukünftigen „Inklusionspark“, der in Sachen Barrierefreiheit neue Maßstäbe setzen soll, wird dann tatsächlich ein neuer Bebauungsplan stehen. Einschließlich der Anwohnerbeteiligung.

Berliner CDU mit schnellem Abriss und Neubau des Jahnstadions zufrieden

Zufrieden mit dem Abriss und Neubau im Sprinttempo zeigt sich Stephan Standfuß, sportpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion Berlin. Er sagt: „Wir sehen hier die einmalige Chance, ein so großes und zentral gelegenes Areal neu zu planen und an die Bedürfnisse des inklusiven Sports anpassen zu können. Sie muss ergriffen und umgesetzt werden. Berlin braucht keine weiteren Großprojekte, die an der Umsetzung scheitern.“

In dicken Lettern verkünden die Berliner Christdemokraten deshalb in einem Schreiben: „Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark darf kein neuer BER werden“. Auch der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto nimmt Medienberichte über juristische Bedenken gegen das Eilverfahren gelassen auf und sagt: „Klagen gibt es immer“. Aus seiner Sicht bestehen keine Zweifel daran, dass es möglich ist, rechtzeitig zum Aufstellungsbeschluss für den B-Plan zu kommen, Anwohner zu beteiligen und das Projekt 2020 zu starten.

Im Namen verschiedener Anrainer wie dem Bürgerverein Gleimviertel und den Freunden des Mauerparks hatte vor allem der Linken-Abgeordnete Michail Nelken vor „vielfältigen Belastungen und Interessenkonflikten“ für die Nachbarschaft in Prenzlauer Berg gewarnt.

Verkehrslösung für Jahnstadion, Schmeling-Halle und Mauerpark

Alle Experten sprechen sich dafür aus, das Stadion nicht isoliert zu betrachten, sondern die lokalen Probleme des Umfelds in den Blick zu nehmen. So wird die jetzige Großbaustelle der Berliner Wasserbetriebe am Stauraumkanal im Mauerpark nur wenige Monate vor dem Abriss des 200 Meter daneben liegenden Jahnstadions schließen.

Mitten zwischen den Baufeldern: Die denkmalgeschützte Hinterlandmauer auf dem Hang der Parks. „Die Mauer muss langfristig so gesichertwerden, dass sich der Charakter des Parks nicht ändert“, sagt der Pankower CDU-Abgeordnete Stephan Lenz über die bei Graffitisprayern beliebte Wand, die schon in Seifenopern zu sehen war.

Zugleich biete die Neuplanung des Jahn-Sportpark erstmals die Chance, eine gemeinsame Verkehrslösung für den Mauerpark, die Max-Schmeling-Halle und den Jahn-Sportpark zu finden. Dass im neuen Stadion erstmals auch eine Polizeiwache Platz findet, hält Lenz für einen zusätzlichen Nutzen.

Trotz des ambitionierten Zeitplans hat die Sportverwaltung noch einen kleinen Puffer eingeplant. Wenn Berlin in der ersten Runde des DFB-Pokals Anfang August 2020 das Stadion brauche, sei ein Aufschub möglich. Am Abriss ändert auch das freilich nichts.