Blankenburger Süden

Straßenbahn für Pankows neue Großsiedlung bedroht Existenzen

Im Bezirk Pankow soll Berlins größtes Wohnquartier entstehen. Doch für einen Betriebsbahnhof müssten Dutzende Häuser abgerissen werden.

Statt U-Bahn eine Tram: Die Straßenbahn in den Blankenburger Süden soll über 10.000 neue Pankower zum Alexanderplatz bringen.

Statt U-Bahn eine Tram: Die Straßenbahn in den Blankenburger Süden soll über 10.000 neue Pankower zum Alexanderplatz bringen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Sie ist ein leises, schnelles und umweltfreundliches Fortbewegungsmittel. Überall auf der Welt feiert die Straßenbahn eine Renaissance – denn sie transportiert Großstadtbewohner fast so effektiv wie die U-Bahn, kostet im Bau weniger und bietet mehr Platz als ein Bus. Trotzdem ist die jetzt vorgestellte Strecke einer Straßenbahn zwischen dem Alexanderplatz und Berlins größtem derzeit geplanten Wohnquartier, dem Blankenburger Süden mit bis zu 6000 Wohneinheiten, für die heutigen Anwohner ein Inbegriff der Existenzangst.

Denn ein Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ein neuer Betriebshof für die Trams der Linie M2 ausgerechnet in einem besiedelten Gebiet gebaut werden sollte. Zugleich erfordert die Wendeschleife der Tram am S-Bahnhof Blankenburg Platz, der schon durch Parzellen belegt ist. Konkret geht es um die Erholungsanlage Blankenburg, in der Hunderte Eigentümer und Pächter ganzjährig leben.

An Enteignung und Abriss von Dutzenden Häusern führt dort nach jetzigem Stand kein Weg vorbei. „Bei uns stehen 350 bis 400 Parzellen auf dem Spiel. Das ist völlig inakzeptabel“, nennt die Siedlungssprecherin Ines Landgraf jetzt eine Größenordnung, die wesentlich höher ausfällt als bisher befürchtet.

Senat zieht Tram der „äußerst positiven“ U-Bahn vor

Landgraf fordert deshalb statt der Tram-Planung den Bau einer neuen U-Bahnlinie zur Erschließung des künftigen Quartiers Blankenburger Süden. Nötig wäre eine Neubaustrecke mit einer Länge von etwa 3,5 Kilometern. Tatsächlich hat die Senatsverkehrsverwaltung in einer neuen 27-seitigen Untersuchung zur Erschließung des Wohnungsbaustandortes Blankenburger Süden auch eine mögliche Linie U10 ab Alexanderplatz über Weißensee und eine Verlängerung der U2 ab dem Bahnhof Pankow bewerten lassen – und lehnt solche Projekte trotz „äußerst positivem“ Ergebnis ab.

Wegen hohen Baukosten und längerer Bauzeit im Vergleich zur favorisierten Straßenbahn kommt eine Tunnellösung für Pankow, Weißensee und Blankenburg derzeit nicht in Frage. Zugleich heißt es in in der Untersuchung: „Aus Sicht der ÖPNV-Nutzerinnen und -Nutzer zeigen sich die systemimmanenten Vorteile der U-Bahn. Die beiden U-Bahnvarianten bieten kurze Fahrzeiten, viele Direktverbindungen und einen hohen Fahrkomfort.“

Dem gegenüber bietet die Verlängerung vom jetzigen Endhaltepunkt der Metrotram M2 in Heinersdorf Vorteile bei Kosten, Planungszeit und eine höhere Leistungsfähigkeit gegenüber einem Bus. „Die Straßenbahn zeichnet sich durch ein ausgewogen gutes Bewertungsergebnis aus, indem sie über alle bewerteten Zielbereiche hinweg gute bis sehr gute Bewertungen aufweist“, lautet das Urteil der Senatsverkehrsverwaltung. Flankiert wird die Tram durch einen Bus, der eine von zwei neuen Straßen zur Erschließung des künftigen Stadtquartiers befährt.

Sorge vor Enteignung in Pankow: „Da müssen etliche Häuser fallen“

Ganz anders sehen das die Anwohner der Anlage Blankenburg und der CDU-Fraktionsvorsitzende Johannes Kraft. Er meint: „Es spricht fast alles gegen die Tram.“ Bei der Vorzugsvariante für die Neubaustrecke von Heinersdorf zum S-Bahnhof Blankenburg sei zu befürchten, dass die Straßenbahn wegen der schmalen Platzverhältnisse kein eigenes Bett erhält und dadurch mit Autos und Bussen im Stau stecken bleibt. Auch die Überquerung von mehreren großen Kreuzungen führe zu einem Zeitverzug, der die theoretisch attraktive Tram in der Praxis weit zu weit zurückwirft.

„Besonders schwierig ist aber die Größenordnung des Eingriffs in privates Eigentum. Da müssen etliche Häuser fallen“, warnt Kraft vor der Enteignung von Immobilien am Streckenrand, in der Wendeschleife und am Betriebshof. Vor allem letzterer ist eine entscheidende Größe, die aber in der 27-seitigen Untersuchung für die Vorzugsvariante der Straßenbahn nicht auftaucht. Denn das Verfahren zur Auswahl eines Standorts für das Tram-Depot läuft getrennt vom restlichen Prozess. Und anders als bei der Bestimmung für den Streckenverlauf der Straßenbahn vom Alexanderplatz nach Blankenburg steht eine Festlegung noch aus.

Im Hause von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke), deren Verwaltung das jüngste Gutachten für das Depot in Auftrag gab, verweist man auf Nachfrage zur möglichen Enteignung von Wohnhäusern in Blankenburg darauf, dass die Entscheidung für den Standort des Betriebshofs noch nicht endgültig gefällt sei – selbst wenn der Gutachter ein Depot in der Siedlung empfohlen hat. Auch die BVG und die Senatsverkehrsverwaltung seien in die Entscheidung eingebunden.

„Eingriffe für die Tram müssen so gering wie möglich bleiben“

Fest steht: Über alle Parteigrenzen und politischen Ebenen hinweg haben Experten für den Blankenburger Süden den Abriss von Teilen der Erholungsanlage Blankenburg abgelehnt. „Eingriffe für die Tram müssen so gering wie möglich bleiben. Die Erholungsanlage Blankenburg muss im Kern unangetastet bleiben“, sagt zum Beispiel der SPD-Abgeordnete Dennis Buchner. Auch Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) lehnt die Errichtung eines Depots in der Anlage ab und betrachtet den Vorschlag als eine „rein theoretische Betrachtungsweise“. Trotzdem gilt der Verlust von über 300 teils ständig bewohnten Parzellen als realistisches Szenario.

Unabhängig von dem Streit um die Straßenbahn arbeiten seit November vier Planungsteams in einem Workshopverfahren an Testentwürfen für die neue Großsiedlung auf den früheren Rieselfeldern am Blankenburger Pflasterweg. Anhand der Ergebnisse des Workshops im kommenden Frühjahr werden die Berliner erstmals erfahren können, wie man sich das größte Zukunftsquartier Berlins visuell vorstellen kann. Ein Baustart für die 6000 Wohnungen vor 2027 gilt aber als ausgeschlossen.