Stadtentwicklung

Wegen Gestanks: Bau von 400 Wohnungen in Pankow fällt aus

Das Wohnungsbauprojekt Wilhelmsruher Tor ist vorerst geplatzt. Je nach Wind riecht es auf dem Baufeld nach Müll, Rösterei und Backwerk.

Wilhelmsruh ist vor allem bei jungen Familien beliebt. Ein seit Jahren geplantes Projekt am Wilhelmsruher Tor ist nun gescheitert.

Wilhelmsruh ist vor allem bei jungen Familien beliebt. Ein seit Jahren geplantes Projekt am Wilhelmsruher Tor ist nun gescheitert.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Nach mehr als fünf Jahren Planung ist das Bauprojekt Wilhelmsruher Tor in Pankow mit 400 Wohnungen gescheitert. Der Grund: Gestank. Wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nun bekannt gibt, ist der Bau des neuen Quartiers am S-Bahnhof Wilhelmsruh nicht mit den Geruchsimmissionen aus einem benachbarten Gewerbegebiet in Reinickendorf zu vereinbaren.

Es riecht nach Brötchen, Kaffee, Abfall und Gießereiprodukten

„In vier von fünf Beurteilungsflächen werden die Immissionswerte für Wohnen nach der Geruchsimmissionsrichtlinie (GIRL) deutlich überschritten“, warnt Staatssekretär Sebastian Scheel in seiner Antwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Torsten Hofer. Zuvor hatten Experten die Geruchsentwicklung auf dem Grundstück intensiv geprüft.

Bei der zwölf Monate langen Untersuchung sei im künftigen Wohngebiet der Geruch von Bäckereien und Röstereien ermittelt worden – aber auch der Gestank von Gießereiprodukten und Abfall, sagt Scheel. „Nach Abschluss der Untersuchung wurde festgestellt, dass aufgrund der Überschreitung der Immissionswerte für Wohnen auf einem Großteil der Fläche keine Wohnungen geschaffen werden können.“

Senat fordert Neuplanung des Projekts Wilhelmsruher Tor

Der jetzige Plan zum Bau von 400 Wohnungen ist mit diesem Prüfungsergebnis nicht mehr zu halten. „Aufgrund der Geruchsimmissionen ist es notwendig, dass städtebauliche Konzeptgrundlegend zu ändern“, gibt Scheel bekannt.

Im Rahmen des Projekts Wilhelmsruher Tor sollten an der Kopenhagener Straße 82 und 96 bis zu 400 Wohnungen entstehen, wobei das so genannte Berliner Modell zur Anwendung vereinbart wurde. Damit sollte ein Drittel der Wohnungen mit geförderten Mieten besonders preisgünstig auf den Markt kommen. Auch eine Kita war auf dem früheren Gewerbegrundstück an der Bezirksgrenze zwischen Pankow und Reinickendorf geplant.

Pankow will von Gestank betroffenes Grundstück als Bürostandort entwickeln

Dass dieses Projekt mit einem deutlich verkleinerten Bauvolumen auf dem einzigen unbelasteten Teil des Grundstücks am S-Bahnhof Wilhelmsruh für Investoren rentabel umzusetzen ist, schließt Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) aus. Er will nun versuchen, die problematische Fläche als Gewerbegebiet zu entwickeln – zumal die Standards für Immissionen hier wesentlich niedriger liegen. Kuhn hält ein neues Büroareal für denkbar, „da auch in diesem Sektor die Nachfrage immens ist und der Standort mit dem S-Bahn-Anschluss sehr gut erschlossen ist“, sagt der Stadtrat. In Wilhelmsruh sind bereits namhafte Betriebe angesiedelt, darunter Stadler Pankow, ein Unternehmen, das hier U-Bahnen für die BVG fertigt.

Problem mit Geruchsimmissionen war lange unbekannt

Bereits im Frühling hatte das Bezirksamt Pankow über mögliche Schwierigkeiten für die Genehmigung des Wohnungsbauprojekts wegen Geruchsbelästigung informiert. Dass dieses Projekt jetzt daran scheitert, nennt der Pankower CDU-Fraktionsvorsitzende Johannes Kraft „unglaublich ärgerlich.“ Ihn verwundert, wie lange die Planung des Wilhelmsruher Tors so viele Jahre voranschreiten konnte, ohne das Problem des Gestanks aus dem Gewerbegebiet aus der Flottenstraße in Reinickendorf zu erkennen. „Wir waren eigentlich davon ausgegangen, dass die Verkehrserschließung das Hauptproblem dieses Quartiers ist“, sagt Kraft.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ließ 104 Geruchsmessungen

Warum die Prüfung des Geruchs aus dem Gewerbegebiet in der Flottenstraße so lange andauerte? Offenbar, weil die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung einen hohen Aufwand trieb. Laut Staatssekretär Scheel fanden insgesamt 104 Geruchsmessungen über zwölf Monate an verschiedenen Wochen- und Tageszeiten statt. „Durch diese statistische Verteilung wurden die Geruchsmessungen bei verschiedenen Wetterlagen durchgeführt“, erklärt Scheel das Verfahren.

Heutige Einwohner von Wilhelmsruh müssen mit dem Gestank leben

In Wilhelmsruh war das Problem auch ohne Messungen schon lange zu riechen. Laut Stadtrat Kuhn gab es durchaus „Geruchsbeschwerden“. Dürfen die heutigen Anwohner nach der negativen Untersuchung also mit Gegenmaßnahmen rechnen? Dem ist nicht so – denn die Hürden bei Geruchsimmissionen gelten nur für die Genehmigung neuer Wohnungen, nicht aber für bestehende Bauten erklärt Kuhn. Wer bereits in der „Schneise“ der Reinickendorfer Fabriken wohnt, muss wohl damit leben, dass es nach Backwerk, Röstprodukten oder Abfall riecht. Kuhn sagt: „Die Betriebe haben Bestandsschutz und werden laut Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr regelmäßig mit dem ,neusten Stand der Technik’ ausgestattet.“

So wird Berlin auf Back-, Röst-, und Müllbetriebe nicht verzichten, auch wenn es bedeutet, dass man 400 Neubauwohnungen aus der Projektliste streichen muss.