Ruine in Pankow

Private Bauherren sollen Kinderkrankenhaus Weißensee retten

Berlin hat die historische Klinik zurückerhalten. Nun gibt es einen Vorschlag, wie man das Denkmal vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Nach über 20 Jahren Leerstand ist das Baudenkmal an der Hansastraße stark verfallen. Ob sich die Schäden durch mehrere Brände und die Witterung beheben lassen, ist fraglich.

Nach über 20 Jahren Leerstand ist das Baudenkmal an der Hansastraße stark verfallen. Ob sich die Schäden durch mehrere Brände und die Witterung beheben lassen, ist fraglich.

Foto: Thomas Schubert / BM

Wieder fällt das Laub von den Zweigen. Wieder gibt der Wald an der Hansastraße den Blick auf das verkommene Denkmal frei – hinter dem dichten Blätterwerk war es im Sommer wie jedes Jahr verschwunden. Bei seiner Gründung im Jahre 1911 galt das Kinderkrankenhaus Weißensee als Haus des Fortschritts. Der Inbegriff der Hoffnung, die Sterblichkeit von heranwachsenden Berlinern zu senken.

Nach einem missglückten Immobiliengeschäft 85 Jahre später ist die Klinik selbst ein Sorgenfall. 2018 sorgte die Rückübertragung des halb zerstörten Denkmals an das Land Berlin für Aufsehen. Schnell stand die Idee im Raum, auf dem Areal eine Schule zu eröffnen. Doch es geschah – nichts. Bevor das Krankenhaus völlig zusammenbricht, legt ein Beobachter des Dramas nun einen neuen Vorschlag auf dem Tisch.

Bildungscampus mit Grundschule und Kita in Planung

„Man sollte die Klinik einem privaten Investor übertragen, der sie saniert“, schlägt der Weißenseer Abgeordnete – und Immobilienunternehmer – Dirk Stettner (CDU) vor. Über einen Erbaupachtvertrag könne das Land Berlin sich eigenen Aufwand ersparen und die Herrichtung beschleunigen. „Ein privater Bauherr hätte Kapazitäten, die dem überlasteten Staat fehlen“, meint Stettner.

Und die künftige Verwendung des Krankenhauses? Da liegt der Abgeordnete auf der Linie des Bezirksamts Pankow. Ein Bildungscampus mit einer neuen Grundschule und einer Kita gilt laut Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) als klarer Favorit. Auch die Idee einer Wohnnutzung tauchte direkt nach der Rückübertragung der Ruine auf. Doch mit dem anhaltenden Verfall drängen sich andere Frage immer stärker auf. Ist die Bausubstanz überhaupt noch zu retten? Droht dem Denkmal ein Abriss?

Um Antworten zu erhalten, will Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) Untersuchungen starten. „Der Bezirk steht hier insoweit noch am Anfang der Bestandsanalyse“, teilt Pankows stellvertretender Bezirksbürgermeister mit. Erst im Sommer habe das Land Berlin den Bezirk damit beauftragt, im Rahmen einer Machbarkeitsstudie zu prüfen, ob sich der Standort tatsächlich für die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule eignet. Dabei sollen auch die Sicherungsmaßnahmen an Dächern und Fassaden vorgenommen werden. Bislang ist nur an einem der Altbauten eine Reparatur im Gebälk erkennbar.

Jeder Gebäudeteil wird einzeln auf Sanierungsmöglichkeiten geprüft

„Wenn es an die konkrete Planung geht, wird es eine Denkmalschutzuntersuchung geben“, versichert Johanna Steinke vom Berliner Immobilienmanagement BIM, das die Klinik verwaltet. In einem ersten Schritt habe man die Zaunanlagen repariert und marode Bäume gefällt – die erste Sorge nach der jahrelangen Verwahrlosung galt also der Sicherheit. Erst später werden die BIM und das Bezirksamt Pankow bei jedem Teilgebäude im Einzelfall entscheiden, inwiefern man es wieder ertüchtigen kann.

20 Brandstiftungen und viele Jahre ohne Fenster und Türen

„Ich glaube nicht, dass das Krankenhaus noch erhalten werden kann“, befürchtet ein Kenner des Geländes – Jürgen Kirschke von den Heimatfreunden Weißensee. „Die jahrelangen Versuche des ,kalten Abrisses’ mit dem Entfernen von Fenstern und Türen und dem ,warmen Abriss’ mit circa 20 Brandstiftungen haben natürlich Spuren hinterlassen“, zieht Kirschke eine Schadensbilanz. Und trotzdem sei das Krankenhaus noch identitätsstiftend für Weißensee.

Einen Abriss will keiner der Experten akzeptieren. Weder Kirschke noch der CDU-Abgeordnete Dirk Stettner noch der SPD-Abgeordnete Dennis Buchner. Er bleibt bei seiner Forderung und sagt: „Ich würde gern möglichst viel historische Substanz erhalten und das Gelände für Schule, Kita und auch Wohnen genutzt wissen.“

Kinderkrankenhaus war im Jahre 1911 eine Vorzeigeklinik

Welche Bedeutung das Denkmal für die medizinische Entwicklung in Berlin hatte, zeigt ein Blick in die Geschichte: Bei der Eröffnung handelte es sich um das erste kommunal geführte Säuglings- und Kinderkrankenhaus Preußens und eine lebensrettende Einrichtung mit einer chirurgische Abteilungen, in denen gefährliche Krankheiten behandelt wurden. Auf dem Anwesen befand sich sogar ein Stall mit 36 Kühen und einer Molkerei – auf diese Weise ernährte das Krankenhaus Säuglinge mit hochwertiger Milch.

Berlin hoffte auf ein Krebsforschungszentrum – und bekam eine Ruine

Mit dem Verkauf der Klinik im Jahre 1997 an die Firma MWZ Bio-Resonanz nahm die medizinische Geschichte des Gebäudeensembles ein unrühmliches Ende. Anstatt an der historischen Adresse wie vereinbart ein Krebsforschungszentrum zu eröffnen, geriet das Unternehmen in Schieflage und überließ das Gelände dem Verfall. Nach langem Rechtsstreit gelang die Rückabwicklung des Geschäfts erst im vergangenen Jahr.

„Lost Place“-Touristen: Sicherheitsdienst verfolgt Eindringlinge

Mehr als 20 Jahre ohne Sanierung hinterließen Spuren, die eine neue Klientel an die Hansastraße lockten: Ruinen-Touristen bogen Zäune um und unternahmen abenteuerliche Erkundungsgänge – die zum Teil mit lebensgefährlichen Unfällen endeten. Auch in Regie der BIM hat das Interesse am Kinderkrankenhaus als „Lost Place“ kaum nachgelassen.

Noch immer handeln es Schaulustige als „Beelitz Heilstätten von Berlin“. Und Obwohl die Zäune inzwischen ausgebessert sind, versuchen immer wieder Eindringlinge ihr Glück. Und werden dann von Security-Mannschaften gestoppt. Das Krankenhaus mag mit seinem morbiden Charme weiterhin anziehend sein. Aber viele Ausflüge enden nicht mehr mit Selfies aus den zerbröselnden Behandlungszimmern – sondern mit einer Anzeige wegen Landfriedensbruchs.