Radverkehr in Berlin

Wie Parklets in Prenzlauer Berg das Klima schützen sollen

Steuerzahler-Bund hält 271.500 Euro teure Holzkisten für Geldverschwendung. Die Umweltministerium erklärt, weshalb so viel Geld floss.

Vorsicht Fußgänger: Wer das Parklet erreichen will, muss erst den stark befahrenen Radweg überqueren. Eine Markierung weist auf die Gefahr hin.

Vorsicht Fußgänger: Wer das Parklet erreichen will, muss erst den stark befahrenen Radweg überqueren. Eine Markierung weist auf die Gefahr hin.

Foto: Thomas Schubert

Berlin . Allein das Kürzen der zu langen Seitenwände kostete die Steuerzahler 9617 Euro pro Parklet. Aber selbst ohne die Berichtigung des Messfehlers, war der Kauf der vier Stadtmöbel für die Schönhauser Allee kein Schnäppchen.

Die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr gab für den Versuch, die Kästen aus Holz und Metall als Fahrradabstellplätze auf der Fahrbahn zu platzieren, insgesamt 271.520 Euro aus. Möglich war diese hohe Investition nur dank einer Förderung aus dem Programm der „Nationalen Klimaschutzinitiative“.

Jetzt erklärt das Bundesumweltministerium, warum Berlin ausgerechnet aus diesem Topf Geld anzapfen konnte. Denn ein direkter Zusammenhang zwischen Parklets und der Einsparung von Kohlendioxid ist nicht unbedingt ersichtlich.

Fahrradständer sollten erst unter der Hochbahn entstehen

Ausschlaggebend für die Bereitstellung des Fördergeldes war die Annahme, dass die Nutzung der Parklets als Fahrradgaragen zur Förderung des Radverkehrs beiträgt, sagte ein Ministeriumssprecher. Es gehe um die temporäre Umnutzung von Straßenraum zugunsten der umweltfreundlichen Mobilität. So lautet die These: Wenn mehr Berliner Fahrrad fahren, verursachen weniger Autofahrer klimaschädliche Emissionen.

Nach genau diesem Grundsatz bezeichnete die Senatsverkehrsverwaltung das Vorhaben als „Temporäres Modellprojekt zur Erprobung schnell umsetzbarer provisorischer Maßnahmen zur Stärkung klimaneutraler Mobilität im urbanen Umfeld“.

Auch interessant: Goldnest in Berliner Schule Fall von Steuerverschwendung

Die auf den ersten Blick ungewöhnlich hohen Kosten für die Parklets seien sehr wohl gerechtfertigt, erklärte Behörden-Sprecherin Constanze Siedenburg. Sie reagierte damit auf die Kritik des Bunds der Steuerzahler: „Hier sollten in einem Modellversuch Maßnahmen zur Förderung von CO2-Einsparungen im Radverkehrsbereich getestet werden, die bundesweit zur Nachahmung anregen sollten. Aus diesem Grund ist es durchaus plausibel, dass die Kosten für die in Einzelanfertigung hergestellten temporären Holz-Parklets entsprechend höher liegen.“

Denkmalschutz des Viadukts der U2 führte zur Umplanung

Der ursprüngliche Plan hatte allerdings gar nicht vorgesehen, Parklets anzuschaffen und sie mit Fahrradbügeln auszurüsten. In der Prüfung war dem Umweltministerium zufolge zunächst eine Fahrradabstellanlage in Form von Doppelstockparkanlagen unter dem Viadukt der U-Bahnlinie 2.

„Dieser Plan konnte jedoch nicht verwirklicht werden, da ihn die untere Denkmalbehörde des Bezirks Pankow abgelehnt hat“, sagte der Sprecher. Tatsächlich gilt die Hochbahnkonstruktion als Denkmal, was auch Maßnahmen unter dem sogenannten Magistratsschirm erschwert.

Ein weiteres Argument gegen diese einfache, kostengünstige Platzierung von Fahrradabstellanlagen unter dem Viadukt nennt die Senatsverkehrsverwaltung. Sie verweist auf den geplanten Abriss der Schönhauser-Allee-Brücke über dem Graben der Ringbahn ab 2024. Auf dieser Brücke befindet sich das Viadukt. Durch die Vorbereitung der Bauarbeiten hätte man die Fahrradständer womöglich vorzeitig abbauen müssen.

Wegen der Schwierigkeiten, eine solch einfache Lösung zu finden, seien andere Standorte im Umfeld des Verkehrsknotens Schönhauser Allee geprüft worden, sagte der Sprecher des Bundesumweltministeriums. Doch keiner der Flächeneigentümer entlang der Magistrale habe sich bereiterklärt, die Fahrradständer zuzulassen.

Projekt ist nicht an einen bestimmten Standort gebunden

Erst dann fiel die Entscheidung, Parklets, wie man sie von der Begegnungszone Bergmannstraße in Kreuzberg kannte, als Fahrradgaragen zu konzipieren und sie auf der Straße abzustellen. Im Übrigen wurden nur zwei der vier Exemplare über das Klimaprogramm des Bunds finanziert, die anderen beiden beschaffte das Land Berlin selbst. Die Fördersumme des Bunds sei auf rund 85.700 Euro reduziert worden, da nicht alle ursprünglich vorgesehenen Maßnahmen umgesetzt wurden, heißt es vom Ministerium.

An einen bestimmten Standort ist das Klima-Projekt mit den vier Stadtmöbel nicht geknüpft. So können sie 2020 bei der Eröffnung einer Fahrradstraße auch in der benachbarten Stargader Straße zum Einsatz kommen, wie es das Bezirksamt Pankow vorschlägt.

An der Schönhauser Allee bereitet vor allem die Tatsache Probleme, dass man als Passant erst einen stark befahrenen Radweg auf dem Bürgersteig überqueren muss, um zu den Parklets zu gelangen. Deshalb werden Fußgänger und Radfahrer mit Symbolen auf dem Asphalt voreinander gewarnt.

Auswertung des Verkehrsexperiments findet nicht statt

Für Kritiker des Projekts, zu denen selbst fahrradaffine Gruppen wie „Changing Cities“ gehören, zeigt sich darin die Unsinnigkeit des Vorhabens. Durch den kostspieligen Verbesserungsversuch entsteht eine Gefahrenquelle, die man mit einer zweiten Investition wieder beruhigen muss.

Auch die Einkürzung des ersten Parklets vor den Schönhauser Allee Arcaden, die im Herbst 2018 erfolgte, geschah, weil das Bezirksamt Pankow die Konstruktion nicht abnehmen wollte – da die überlangen Kanten vorbeifahrende Radfahrer gefährdeten.

Nach der Kritik des Bundes der Steuerzahler verteidigt die Senatsverkehrsverwaltung das Modellprojekt und verweist auf die augenscheinliche hohe Auslastung der Parklets. „Sichtbar ist, dass die Fahrradabstellanlagen auf den Parklets gut angenommen werden“, sagte Siedenburg. Und eine professionelle Auswertung des Experiments? Sie wird es nicht geben.

Eine Evaluierung des Projekts mit Anrainern der Schönhauser Allee nach einem Jahr war zwar vorgesehen, aber nur im Zusammenhang mit der Aufstellung von Doppelstockparkanlagen unter der Hochbahn. Weil dieser Teil des Projekts entfallen ist, gibt es nun auch keine Überprüfung.

Auch interessant:

Verschleppte Verkehrswende - der Fall Schönhauser Allee