Stadtentwicklung

Nach langem Streit: Bezirk stellt Weichen am Pankower Tor

Auf der Brache des Güterbahnhofs Pankow entstehen 2000 Wohnungen, ein Möbelmarkt und Läden. Im November soll das Verfahren starten.

Streitobjekt: Der große Rundlokschuppen steht dem Projekt mit 2000 Wohnungen im Weg - meint der Investor Kurt Krieger. Er will hier eine Schule errichten.

Streitobjekt: Der große Rundlokschuppen steht dem Projekt mit 2000 Wohnungen im Weg - meint der Investor Kurt Krieger. Er will hier eine Schule errichten.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluss, aber der Poker für den entscheidenden Schritt zum Start des Großprojekts Pankower Tor ist noch immer nicht zu Ende. An der Frage über die Erhaltung der historischen Lokschuppens auf dem früheren Güterbahnhof an der Prenzlauer Promenade wird sich entscheiden, wann und wie auf der 370.000 Quadratmeter großen Brachfläche gebaut wird.

Investor Kurt Krieger bietet erneut an, den großen Rundlokschuppen mit zwei anderen alten Bahngebäuden abzureißen und hier eine große Gemeinschaftsschule zu bauen – obwohl der Hauptschuppen laut eines Urteils des Verwaltungsgerichts erhalten werden muss. Jetzt suchen die Pankower Fraktionen einen Kompromiss. Krieger, der 500 Millionen Euro investieren will, erschien am Mittwochabend persönlich in der Bezirksverordnetenversammlung und hielt ein flammendes Plädoyer, nach 13 Jahren Streit eine Einigung zu erzielen.

Pankower Tor - Investor Kurt Krieger: „Kann nicht versprechen, dass ich ewig lebe“

„Das Bezirksamt und Sie haben ein gutes Projekt geschnürt – machen Sie Dampf. Ich bin 71 und kann Ihnen nicht versprechen, dass ich ewig lebe“, sagte der Möbelunternehmer den Verordneten. Er wies darauf hin, dass das Gericht ihn verpflichtet habe, den großen Rundlokschuppen zu erhalten, aber nicht zu sanieren. „Es bleibt eine Ruine.“ Schlimmstenfalls könne genau dort, wo der Blankenburger Süden mit 6000 Wohnungen auf das Pankower Tor mit 2000 Wohnungen trifft, ein Schandfleck stehen. „Wollen Sie mitten in Berlins größtem Wohnungsbaugebiet eine Ruine haben?“, fragte Krieger.

In den meisten Punkten hat er mit den Bezirkspolitikern bereits eine Einigung hergestellt: So wird am Pankower Tor anders lange angenommen kein großes Einkaufszentrum gebaut, sondern eine Landschaft von Läden, die sich im Quartier verteilen. Fraglich bleibt, ob sich dadurch das Defizit an Handelsflächen in Pankow, dass der Senat mit 113.000 Quadratmetern beziffert, decken lässt. Auch die Querung des Schnellradwegs Panke-Trail, der künftig von Karow nach Prenzlauer Berg und Mitte führen soll, und der Verlauf einer neuen Straßenbahntrasse über das Gelände gelten als gesichert – beide Details waren Herzensthemen der Pankower Grünen. Auch umliegende Kieze profitieren von zusätzlichen Kita- und Schulplätzen, aber auch von einem neuen Fahrradparkhaus mit etwa 1000 Plätzen im Bereich des Bahnhofs Pankow.

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Pankower Grüne hoffen auf ein denkmalwürdiges Quartier

Aus der CDU-Fraktion erhält Krieger auch deutlichen Zuspruch, den Lokschuppen zugunsten einer Schule abzureißen. „Der Investor bietet das an, weil er die Nase voll hat. Seine Forderungen unterstützen wir gern“, sagt Fraktionschef Johannes Kraft. Für das zähe Vorankommen bei einem Projekt, das im Grunde alle Seiten wollen, macht er die mehrfachen Richtungsänderungen von Seiten des Senats und des Bezirks verantwortlich. Beispielsweise von der Ursprungsidee, am Pankower Tor einen Park zu erreichten, sei nichts mehr übrig. Stattdessen wurde das Bauvolumen schrittweise auf 2000 Wohnungen erhöht. Für Kraft sind die vielen Zugeständnisse des Investors Grund genug, ihm wenigstens bei der Frage nach der Beseitigung des Schuppens entgegenzukommen.

Vor allem die Grünen lehnen den Abriss aber weiter strikt ab. „Wenn unsere gemeinsamen Ideen umgesetzt werden, wird das Quartier eines Tages auf der Denkmalliste stehen“, hofft die Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch auf einen großen Wurf mit einer Neunutzung der Schuppen. Auch Roland Schröder bekennt sich trotz der Verlockung, die halbzerstörten Bauten gegen eine Schule einzutauschen, zum Erhalt der Ruinen. „Die Lokschuppen geben dem Quartier das gewisse Extra, wenn sie sinnvoll saniert werden“, sagt Schröder. Wie auch immer es kommt – erst ein Wettbewerb mit mehreren Architekturbüros wird über das „Gesicht“ des Pankower Tors entscheiden. Dessen Start hat sich nun aber schon um Monate verzögert. „Ein weiterer Aufschub ist nicht mehr tragbar“, sagt Linken-Bauexperte Wolfram Kempe zum Verfahrensstand. Der Prozess habe daran gekrankt, dass die Beteiligten den zweiten, dritten und vierten Schritt angepeilt hätten, ohne den ersten zu wagen: den Bebauungsplan.

Bezirk stellt Größe des Möbelhauses in Frage

Und was meint Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne)? Er sagt, dass die Trassenbreiten der neuen Verkehrswege festgelegt sind und die Grünversorgung geplant wird – „auch wenn noch Kröten umgesiedelt werden müssen“. Ein neues Fragezeichen stellt der wichtigste Unterhändler des Bezirks hinter das geplante Möbelhaus. Krieger müsse sich jetzt fragen, wie zukunftsfähig ein solches Geschäft mit 50.000 Quadratmetern Fläche in 20 Jahren noch sein kann, wenn auch Möbel womöglich vorwiegend im Internet bestellt werden, meint Kuhn. Zum Status der umstrittenen Schuppen äußert sich Kuhn nebulös und sagt nur: „Wir werden das regeln“.

Wie intensiv trotz der 2018 Jahre getroffenen Grundsatzvereinbarung noch verhandelt wird, zeigte sich gleich nach den Ansprachen in der Bezirksverordnetenversammlung auf dem Flur. Hier trugen Vertreter von Krieger und Kuhn teils sehr lautstark ihre Differenzen vor. Ein Zeuge des Disputs: Thomas Brandt, der Vorsitzende des Vereins für Pankow. Er kritisiert das schleppende Verfahren und die immer neuen Sonderwünsche, mit denen sich Krieger konfrontiert sieht. „Herr Kuhn sollte seiner Abteilung Dampf machen, damit sie das Verfahren mit positiven Ideen voranbringen und beflügeln“, sagt Brandt. Um schneller voranzukommen, solle man das Bebauungsplanverfahren zeitgleich mit der Änderung des Flächennutzungsplans durchführen, schlägt er vor.

Trotz der kaum überhörbaren Differenzen drängt die Zeit. Ziel ist es jetzt, schon im November den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan zu fassen. Es wäre der Durchbruch nach 13 Jahren Streit. Wenn sich keine weiteren Verzögerungen ergeben, rechnen Planer mit einem Baustart im Jahre 2023. Unerwartete Verzögerungen aber gab es bisher viele.